KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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-y t Aufbau des Lebens im Gesetz. Er schafft ein tragbares! Palästina. Überall auf Erden sollen die Juden ihres Priestertums am sittlichen Monotheismus eingedenk bleiben. Indem er das Leben mit einem Gehege minutiöser Bestimmungen auf Schritt und Tritt regelt, schirmt er und schützt er die Seelen, daß sie nicht von gottwidrigen Kulturell überflutet werden. Besonders kräftig ist er in Abwehrmaßnahmen gegen das vielgötterische Heidentum mit seinem rohen Aberglauben und der mit ihm verbundenen Unzucht. Der Talmud hat es als seine besondere Ausgabe betrachtet, den Götzendienst zu bekämpfen. Ganz so wie Harnack vom jungen Christentum in den ersten Jahrhunderten seines Bestehens rühmt: „Krieg gegen den Polytheismus führte die alte Kirche, indem sie die „Dämonen" bekämpfte und indem sie gegen die öffentliche Unsittlichkeit zu Felde zog, die mit dem Polytheismus zusammenhängt." Ganz lvie der Talmud verbietet der christliche Kirchenvater Tertullian nicht nur die Anfertigung von Bildern und Statuen, sondern auch die Herstellung aller Dinge, die auch nur mittelbar zum Götzendienst gebraucht werden. Ganz wie der Talmud verbietet Tertullian alle Redensarten, in denen Götternamen Vorkommen. Es hieße das Gastrecht in diesen Blättern mißbrauchen, wollten wir die Angriffe der Judenhetzer gegen das jüdische Schrifttum hier eingehender znrückweisen. Die Unwahrhaftigkeit, die sich bei diesem Kampfe der „Antisemiten" enthüllt, jene Gehässigkeit, die gar nicht den Versuch inacht, erst einmal sachlich zu verstehen, sie gehört mit zu den Psychosen der Kriegserschöpfung, die unsere durch unendliche Qualen zermürbte und ermattete Volksseele aufweist. Nur die Wahrheit wird uns wieder frei und stark machen. Der Judenhaß ist eine krankhafte ZeitstimnÄrng und ist als solche pathologisch zu würdigen. Wenn Wahrhaftigkeit und ruhige Besonnenheit allgemach wieder erstarken, dann wird man auch die jüdische Frage wieder mit leidenschaftsloser Sachlichkeit behandeln. Der heutige Antisemitismus ist eine vorübergehende Rückfallserscheinung in kulturwidrige Barbarei, er verträgt sich nicht mit der deutschen Gesittung, die das Ideal der Humanität in unvergänglicher und unvergleichlicher Schönheit ausgeprägt hat, darum sage ich: nubicula est, transibit. Das Bewufetfein der Crwäblung Im Judentum1). Von Rabbiner Dr. Diene man n-Offenbach a. M. In den Bewußtseinsinhaltenaus deren Summe die jüdische Frömmigkeit ihre eigene und starke Note erhält, nimmt von jeher der Glaube an die Erwählung Israels eine besondere Stelle ein. Das kommt schon rein äußerlich in der Häufigkeit zum Ausdruck, mit der der Glaube an Israels Erwählung im Gebet zu Worte kommt, und in der Stellung, die diesen Gebeten eingeräumt wird. So oft ein Jude zur Vorlesung vor die Thora tritt, spricht er das Dankeswort: „Gelobt seist du. Ewiger, unser Gott, König der Welt, der du uns erwählt hast aus allen Völkern", und die Barmizwah-Feier, die Eingliederung des zur Reife entwickelten Knaben in die Gemeinde Israels, gipfelt ja in diesem Bekenntnis; wenn man am Abend des Sabbath oder eines Festtages die Weihe des Tages vornimmt, 1) Wir nehmen die Reihe der wissenschaftlich aufklärenden Artikel wieder mit diesem Beitrag auf, der besonderes Interesse verdient, weil er sich mit einem auch im politischen Alltagskampfe gebrauchten Borwurf gegen die Juden befaßt. - Die Redaktion. hat sie ihren Höhepunkt in den Worten: „uns hast du auserwählt." Zu fühlen, daß man an der Erwählung Israels teil hat und sie bejaht, ist also eines der Grundelemente der jüdischen Frömmigkeit. Nicht unbestritten blieb der Ausdruck dieses Bewußtseins. Man sah zuweilen in ihm den Ausfluß eines nationalen Hochmuts, eines beschränkten und überspannten Eigendünkels, eines törichten Nationalismus- Demgegenüber ist oft schon der Nachweis geführt worden, daß die Erwählung im System der jüdischen Lehre nicht in einer Weise aufgefaßt worden ist, daß sie Anlaß zu derlei Ausstellungen bieten könnte, daß sie keineswegs darauf hinzielt, für Israel ein höheres Maß von Rechten in Anspruch zu nehmen, daß sie im Gegenteil Israel ein höheres Maß von Pflichten, eine größere Verantwortlichkeit für die Ausbreitung der Sittlichkeit aus Erden auflädt und demgemäß von ihm eine größere Strenge gegen sich selbst fordert. So kommt es zum klassischen Ausdruck in dem Worte des Propheten Arnos (III2): „Euch habe ich erkannt aus allen Geschlechtern der Erde, darum ahnde ich an Euch alle Eure Sünden." Wann immer in Zeiten des Verfalls der Erwählungsgedanke eine Richtung auf das. Ziel einzuschlagen drohte, Israel eine Sonderstellung in der Liebe Gottes zuzuweisen, ihm auf Grund dieser besonderen Liebe Gottes eine von seiner eigenen Lebensführung unabhängige Bürgschaft auf Ewigkeit und Hochstand zuzuerkennen, wurden seine Führer nicht müde, dagegen aufzutreteu, ihm zum Bewußtsein zu bringen, daß das Teilhaben an der Erwählung eine sittliche Aufgabe in sich birgt, so wie es von Anfang an in den Worten zum Ausdruck kam, mit denen im zweiten Buck Mose (XU 5) die Offenbarung eingeleitet ist: „Wenn ihr auf meine Stimme höret und meinen Bund bewahret, sollt ihr mir ein Eigentum sein aus allen Völkern." Aus der Fülle der einschlägigen Literatur sei auf zwei besonders hervortretende Sätze hingewiesen. Man achte auf die Energie, mit der im täglichen Morgengebet dieser sittliche Inhalt der Erwählung betont wird: „Du hast uns erwählt aus allen Völkern und hast uns deinem heiligen Namen nahegebracht, selah, in Wahrheit, daß wir dich bekennen und dich als den Einzigen bezeugen in Liebe-" Und besonders prägnant tritt diese Art, jeden nationalen Hochmut und partikularistischen Egoismus auszuschalten, in einer Anordnung der Gestalter unseres Gottesdienstes zutage. An den Thoraabschnitt, der mit den Worten abschließt: „ich sondere Euch aus von den Völkern, daß ihr mir gehöret" (III. B. M- 20), ist sofort als Prophetenabschnitt eine Rede von Amos angereiht (1X7), die mit den Worten anhebt: „wie die Kuschiter seid ihr mir, Kinder Israels, ist der Spruch des Herrn: Israel habe ich heraufgeführt aus dem Lande Ägypten und die Philister von Kastor und die Aramäer von Kir", gleichsam als wollte man recht deutlich sagen: „bilde dir nur nicht ein, daß du eine Sonderstellung und besondere Ansprüche hast und von Gott um deines bloßen Daseins willen mehr beaufmerksamt wirst, gleich dir ist jedes Volk der Erde Gegenstand seiner Fürsorge. Man darf es nie vergessen: der ganze Vorgang der Erwählung, wie er erzählt und wie er ausgelegt wird, stellt 'sich dar als eine einseitige Verpflichtung Israels, sie bindet und verpflichtet Israel, sie bindet und verpflichtet Gott nicht, Gott hat Israel erwählt, wozu erwählt? ein Reich von Priestern, ein heiliges Volk zu 'sein, das aber ist von Israels Wille und Tat abhängig, bewegt sich ganz uiw gar in der Verwirklichung der Sittlichkeit, uiw die Erwählung erlischt in dem Augenblick, da Israel den Willen verliert, sich in täglich sich erneuerndem Ringen selbst zu heiligen und für seine Aufgabe zu weihen. Es ist also glatt zurückzuweisen, wenn von außerjüdifcher Seite aus der Lehre