Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1922-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1922) · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1922
Issue
Heft 1-2 (Januar 1922)
Date
1922-01-01
Page
Seite 8 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2268830-2268937-2268938--2841-2272013
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

8 schmerzt uns der Judenhaß. Aber nicht nur darum, sondern, weil er als eine Kultursckande dem deutschen Namen angeheftet wird. Wenn deutsche Juden aui allen Gebieten mit den andern Deutschen sich im kulturfördernden Sinne mühen — und die Leistungen eines Ehrlich, eines Einstein als Wissenschaftler und der Pioniere des deutschen Wirtschaftslebens Ballin und Rathenau können jede Probe ertragen —, wenn deutsche Juden nach den amtlichen Erhebungen genau so gut in diesem Kriege dem Vaterland gedient haben, wie andere Bevölkerungsschichten, dann sollte man billigerweise Vergehen einzelner nicht der Gesamtheit zur Last legen und angesichts der Riesenverdienste der judenreinen Schwerindustrie nicht immer von den jüdischen Kriegsgewinnlern sprechen. -i- . * * Doch man begnügt sich nicht damit! Die jüdische Religion selbst in ihren Grundschriften soll von: kulturethischen Gesichtspunkte einen inferioren Charakter tragen. Daher die Hetze gegen das Alte Testament. In meiner Schrift „Die große Täuschung" bin ich den Angriffen Delitzschs gegen die Bibel entgegengetreten. Heine sagt einmal: „Die Herrlichkeit der Welt ist immer adäquat der Herrlichkeit des Geistes, der sie betrachtet; der Gute findet hier sein Paradies, der Schlechte genießt hier schon seine Hölle." Wendet man diese Weisheit ins Literarische, dann muß man wähnen, Delitzsch habe vielleicht infolge seelischer Erschütterung durch das Kriegsunglück 'nicht mit der bei ihm gewohnten Klarheit geurteilt. Wie könnte er sonst urteilen — um nur einen Punkt herauszugreifen — die biblischen Psalmen 'seien nicht originell. Die Sumerer hatten diese Frömmigkeit in weit vollkommenerer Weise ausgesprochen, wo jene heidnischen Hymnen durchweg polytheistisch 'gesinnt sind: „O Gott, ob bekannt oder unbekannt, o Göttin, ob bekannt oder unbekannt, vergib mir meine Übertretungen." Zumindesten Gotten; dem höheren Gotte, die Bitte vermitteln: Auf der Stele der Nabnaploiddin in Sippar ist der König in Anbetung vor dem Sonnengotte dargestellt. Hinter ihm steht eine Göttin, welche beide Härrde zum Gotte hin erhoben hält und das Gebet des Königs übermittelt. Oder ein Kalksteinrelief im Berliner Museum, auf dem ein König von seinem Schutzgotte zum Obergotte geführt wird. Das ist auch die Stimmung der babylonischen Psalmen. Im biblischen Psalter hält die Seele unmittelbar mit Gott eine Zwiesprache: Psalm 73, 23 ff. „Ich bleibe stäirdig bei dir, du erfassest mich bei meiner Rechten. Mit deinem Rate leitest du mich und hernach nimmst du mich in Ehren heim. Wenn ich dich nur im Himmel habe, neben dir begehre ich nichts auf Erden?" Wohl kommen Rufe, wie „Vergib mir meine Missetat" auch in Babels Hymnen vor. Doch in der Regel geht's um irdische Güter und um die sichtbaren Äußerungen der Frömmigkeit (Opferdienst), denen gegenüber das rein .Sittliche zurücksteht. Nun sollen aber die biblischen Psalmen sittlich wertlos sein. Man denke an Psalm 15. Hier wird gefragt, wer Gastrecht und Heimat bei Gott hat. Und wie lautet die Antwort: Wes Wandel, Werk und Wort von Gradheit, Güte, Wahrheit ist, so daß er frei bleibt von Zungensünde, Wehtat und Beschimpfung des Nächsten, unb was verwerflich ist, verachtet, dagegen ehret, wer Gott fürchtet, dem Eide treu, von Habsucht frei lebt, der hat Halt und Dauer. Oder ist's sittlich wertlos, wenn Psalm 87 zeigt, wie auch die Heiden Kinder Gottes werden, die nach und nach in die Stammrolle der Juden eingeschrieben weü>en und Bürgerrecht in Zion empfangen, so daß Fürsten und Gemeine bei Gott heimisch werden. Ist das nicht ebenso groß gedacht wie das Pauluswort: Hier ist nicht Grieche, noch Jude! Diesseits gerichtet seien die Psalmen. Man vergegenwärtige sich Psalm 16, den ich überschreibe: Jenseits der Zweifel an Gottes Gerechtigkeit. Der Beter gehört augenscheinlich zu den vor Antiochus' Religionsverfolgung Flüchtenden. Trotzdem fühlt er sich sicher und glücklich, denn sein Burgherr ist auch sein höchstes Glück. Er hat sich für die Märtyrerpartei gegen die Fremdenumbuhler entschieden, und der Griechengötter Namen kommt nicht über seine Lippen. Hingegen ist Gott sein Neichtuni, seine Erquickung und seine Ewigkeit. Mein Acker ist die Zeit, sagt Goethe. Unser Dichter meint, mein Acker ist die Ewigkeit. So Hab' ich den größten Schatz, ruft er, wie Walter von der Vvgelweide, als er sein Lehnsgut empfängt, dichtet: Ich ha'n min Lehn. Gott ist sein Gut, mit ihm steht er in Liebesverkehr, er ist sein Rater und Tröster. Gott hat er vor Augen, drum gewinnt er Freude und Triumph über Todesschrecken. Aus der Gottesgemeinschaft kann ihn keine Gewalt reißen. Man sieht, wie auch der Tod ihn nicht von Gott lösen kann. Es ist, wie wenn sich uns die Lebenswurzel der Unsterblichkeitshoffnung bloßgelegt und die Psalmen sind diesseitig gerichtet und religiös unbedeutend! Aber der Talmud? Der Talmud, eine Sammlung voll Hochschulprotokollen, die rund ein Jahrtausend umfassen, enthält natürlich auch Äußerungen, welche die Erregung des Augenblicks eingegeben bat, und die nur geschichtlich zu begreifen sind. Genau so ungerecht, wie es wäre, wollte man das Christentum aus allen nnterwertigen Äußerungen der Kirchenväter gebührend charakterisieren, ebenso unstatthaft ist es, aus gelegentlichen engherzigen Äußerungen einzelner Rabbiner den Geist des Gesamtjedentums konstruieren zu wollen. Die von antisemitischen Verfassern angezogenen Stellen find bereits in Liebermanns quellenmäßiger Darstellung „Zur jüdischen Moral" (Philo- Verlag, Berlin) gründlichst geprüft, und manches auf den ersten Blick Auffallende schwindet, wenn man die geschichtlichen und kulturlichen Voraussetzungen einerangefochtenen Stelle sich vergegenwärtigt. Zum Beispiel das von Antisemiten gern angeführte Wort: „Ihr Israeliten werdet Menschen genannt", will augenscheinlich besagen: Ihr Juden seid zur Hut der Humanitätsideale ganz besonders berufen. In einer Zeit entstanden, wo in Rom Kriegsgefangene zur Belustigung der schaugierigen Menge sich von wilden Bestiell mußten zerfleischen lassen, konnte wohl dem heidnischen Weltreich der Bestialität das erhoffte jüdische Weltreich der Humanität entgegengestellt werden. Ebenso wie im Danielsbuche die Weltreiche int Bilde von Tieren, dagegen das messianische Reich, im Bilde des Menschensohns dargestellt wurde- Genau so begreift sich aus kulturlichem Verständnis die vom Verfasser angezogene Äußerung eines talmudischen Rabbis über die Heidenehe. In einer Welt, wo die Ehebrüche von Mann und Weib gang und gäbe waren, wo wie im kaiserlichen Ron« die Weiber ihre Lebensjahre nach den Scheidungen ihrer Ehe berechneten, wo ein Römerkaiser Hochzeit feierte mit seinem Buhlknaben, konnte wohl ein solches Verdikt einmal gefällt werden. Vom Christentum ist im Talmud überhaupt nicht die Rede. Das Wort Akum, eine hebräische Abkürzung, ähnlich wie Hapag, bedeutet Diener von Sternen und Planeten, d. h. Götzendienerei, und hat mit dem Christentum nichts zu tun. über einen geschichtlichen Jesus weiß der Talmud nichts. Auch die von Auer beregten, von der Zensur gestrichenere Stellen sind von den Zensoren fälschlich irr diesem Sinne aufgefaßt worden. Der Talmud ist eine Welt für sich; er ist die urwüchsige Schöpfung des Spätjudentums. Er ist der buchgewordene Wille zur Eigerrart. Mitten im Völker- und Religionsgemenge rvill er den jüdischen Eingottglauben sicherstellen durch planmäßigen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.