KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1922
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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7 raffen erblicken, Kulturgebilde! „Es ist der Geist, der sich den Körper baut". Das gilt auch für die Völkerpsychologie- Man wird Nietzsche begreifen, der gestand: „Ich will mit keinem Menschen umgehen, der an dem verlogenen Rassenschwindel Anteil hat." Denn wie kann man aimesichts ihrer Kulturleistungen die Semiten, d. h. die Völker, deren Sprachen das Grundgesetz der drei Wurzelbuchstaben aufweisen — denn Arier und Semiten sind linguistische Bezeichnungen — für minderwertig erachten. Sie haben der Menschheit die alle Literatur ermöglichende Buchstabenschrift gegeben. Sie haben Münze, Maße und Gewichte und durch ihre astronomischen Entdeckungen den Kalender eingeführt. Sie haben — inan lese das in Fritz Kahns ausgezeichnetem Buche, „die Juden als Rasse", nach — die Grundlagen des Weltverkehrs geschaffen. Der älteste Liebesbrief der Menschheit stammt aus Babel: „an meine bibi—gimil- Schamasch und Marduk mögen Dich ewig leben lassen. Wie geht's Dir. Schreib' mir doch. Ich bin nach Babel gekommen, habe Dich aber nicht gefunden. Komme im Monat Marcheschwan, lebe ewig um' meinetwillen." Sie haben Straßen und Kanäle angelegt, die Glasindustrie (Phönizier) und Seidenzucht (Araber) geschaffen. Ihrer sind die Anfänge der Rechtsbildung (Hammurrabbigesetz). Es mutet wie ein Witz an, ist aber ernsthaft gemeint, wenn ein teutonischer Rassenfanatiker auf dem berühmten Dioritblock in den Zügen des königlichen Zeitgenossen Abrahams germanischen Typ erkennen will, und aus den Worten: „Wie die Sonne ging ich aus über die Schwarzköpfigen" auf die Blondheit des gekrönten Gesetzgebers schließt: ihrer Großleistungen ans allen Gebieten des Wissens, Mathematik, Münzin und Philosophie, man denke nur an die Araber, zu geschweigen- Und die Juden! Nun, sie dürfen sich bescheiden. Ihr Charisma war: Sie gaben der Menschheit das Buch der Bücher mit der erlösenden Sehnsucht, den Himmel auf Erden zu schaffen. Vergebens hat Delitzsch sich bemüht, die Gloriole kraftvollen Schöpfertums dem hebräischen Schrifttum zu rauben. So wenig Goethe ein Plagiator war, weil seine „Iphigenie" in Hellas einen ähnlichen Stoff und sein „Faust" im Volksbuche ein Analogon hatte, so wenig leidet die Originalität der biblischen Propheten, tvenn sie Sagenmaterial der damaligen Weltkultur umgestalteten und mit ihren Gedanken durchleuchteten. Der Schriftsteller von Gen. 10, der eine Bölkertafel gibt, die alle Nationen als Abkömmlinge eines Menschenpaares als Familiengenossen hinstellt, bleibt, der Begründer der Humanität, und oer Dekalog bleibt die Grundlage aller Menschenrechte auf Erden. Gewiß, die Kruppschen Werke sind mit ihren Riesenmagneten und Elektroturbinen ein imposantes Denkmal der Zivilisation, aber „du sollst nicht morden", „liebe deinen Nächsten wie dich selbst", ,den Fremdling sollst du nicht drücken" und die ganze Fülle sozialer Gesetze, das ist geistgeborne Kultur. Hier ist die Heimat von Christentum und Islam- Es lohnt kein Wort den lächerlichen Versuchen zu widmen, das Christentum aus seinem jüdischen Zusammenhang zu lösen, der so stark ist, daß der kritische evangelische Theologe Harnack zusammenfassend schreibt: Das Christentum hat auf das ganze Judentum Beschlag gelegt, und der Jude Constantin Brunner, der den Juden Spinoza, nach ihm den Vollender der Philosophie, wieder auf den Schild hebt, Jesus von Nazareth für das Judentum in Anspruch nimmt. Was braucht es da noch der Sonderhinweise, was Juden im Mittelalter trotz aller Verfolgungen auf allen Gebieten der Kultur geleistet und welchen Anteil sie an der Schaffung der Neuzeit (Reformation und Entdeckung Amerikas) gehabt haben? Genug! Sie haben der Menschheit in der Bibel das Buch von Gott und der Güte gegcken, die Predigt der sozialen Gerechtigkeit. Gewiß, es ist kein Zufall, wenn die Judenbürtigen Lassalle und Marx die Begründer des modernen Sozialismus wurden. Zwar liegt der Bibel die Aufhebung des Privatbesitzes fern. Sie schätzt ihn als Mittel zur sittlichen Erziehung. Ihr ist Ehe und Familienleben heilig, sie würdigt nicht bloß -ie körperliche, sondern auch die geistige Arbeit, z. B. das Studium der Gotteslehre, Psalm 119, und mit ihrem Geiste verträgt es sich schlecht, das Individuum aus dem Milieu und die Geschichte rein wirtschaftlich zu erklären; aber das ist sicher: jenes Pathos des Erbarmens mit den Wirtschaftlich-Schwachen, jener Hunger und Durst nach einer besseren und gerechteren Gestaltung der Besitzverhältnisse, er ist verwandt den großen Sehnsüchten, welche die Worte der israelitischen Seher durchgluten. Auf dem Weltkongreß für religiösen Fortschritt konnte der Neokantianer Hermann Cohen mit Stolz darauf Hinweisen, wie die jüdische Bibel das soziale Gewissen entdeckt und in der Messiasidee, im Gedanken des zu begründenden Gottesreiches den Sinn des Menschenlebens und des Völkerdäseins, also die Achse der Kulturphilosophie gefunden hat. * * * Wie steht es nun mit dem Ansprüche der deutschen Juden am deutschen -Vaterland? Wenn- Nationalität ein Seelentum ist — und wir zeigten, wie eine andere Auffassung an den Wirklichkeiten zerschellt —, dann ist nicht zweifelhaft, daß die deutschen Juden, die auf deutschem Boden deutsche Geschichte miterlebt, deutsche Sprache reden, am Geiste Goethes und Kants sich nähren, an deutscher Bildung mitschaffen, am deutschen Leide mitleiden, berechtigt sind nach dem Worte Gabriel Rießers zu handeln: „Wer mir mein Anrecht an meinem Baterlande verkümmert, gegen den muß ich mich wehren, wie gegen einen Mörder." Rieger hat in seiner aufklärenden Schrift „Vom Heimatrechte der deutschen Juden" das einschlägige Material gut zusammengestellt. Historisch unleugbar ist, daß bereits vor der großen Völkerunruhe, die mächtige Massen im 4. Jahrhundert in Bewegung setzt und Deutschlands Gaue mit neuen Scharen überflutet, in der Rheingegend Juden wohnten. Sie sprechen während des Mittelalters die Sprache ihrer christlichen Umgebung, so daß die Christen zur Zeit der Karolinger die Rabbinerpredigten in der Synagoge verstehen können; Agobart von Lyon klagt über Christen, die sagen, melius uvbis praoäioaut rabbini quam presbyteri nostri, „Uns predigen die Rabbiner besser als unsere Priester", und der Jude Süßkind von Trimberg war ein Minnesänger, dessen Lieder sich in Sprache und Form von den christlichen kaum unterscheiden. Das sogenannte Judendeutsch der Ostjuden beweist, mit welcher Treue die deutsche Sprache noch Jahrhunderte hindurch nach der Vertreibung aus Deutschland festgehalten wurde. Bei dem machtvollen Einflüsse, den die Bibel aufs deutsche Volksgemüt gewann, man denke nur an die Psalmen und ihre Wirkung aufs Kirchenlied, bei der Innerlichkeit und Frömmigkeit deutschen Wesens, bei der Herausprägung des deutschen Familiensinnes und Familienlebens begegnen uns Züge, die den Juden wahlverwandt sind, so daß man gar nicht nötig hat, mit Hermann Cohen die größte Leistung der deutschen Philosophie — das Kantische System — als getragen von Kräften aufzuzeigen, die besonders deutlich — z. B. der Pflichtgedanke der Gerechtigkeitsidee — sich im Judentum finden. * * * Weil wir uns beseelt von deutscher Gesinnung und zugleich erfüllt von jüdischer Religiosität fühlen, darum