KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 10-12
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 149 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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daß man in der Kulturwelt im allgemeinen in . der Behandlung der Juden den besten Maßstab für. die politische Reife eines Volkes und für seine Kulturhöhe findet. Das Bewußtsein, mit dem politisch fortgeschrittenen Teil des deutscher: Volkesder denn doch die übergroße Mehrzahl bildet, in der. gleichen Front zu stehen, darf uns den Mut stählen. Ist es ein Zufall, daß die Blätter, die durch den bekannten Erlaß, des Reichspräsidenten temporär wegen ihrer gehässigen Bekämpfung der heutigen deutschen Staatssorm und ihrer Vertreter verboten wurden, gleichzeitig die wütesten antisemitischen Heßorgane sind? Ist es ein Zufall, daß die Mörderzentrale, der Erzberger und andere zum Opfer gefallen sind, Vorkämpfer des Hakenkreuzes und samt ihren Helfershelfern alle aus der hakenkreuzgeschmückten Marinebrigade Ehrhardt und dem deutsch-völkischen Schuh- und Trutzbund hervorgegangen sind, in dessen Schlepptau auch Hochschulring deutscher Art, Waffenring und Konsorten sich befinden? Wer über eines dürfen sich die Herren Waffenringler nicht im Unklaren befinden: Wer anderen ganz unabhängig von ihrer persönlichen Ehrenhaftigkeit einfach von Hause aus „um ihrer Rasse willen" die Genugtuung, d. h. auch die im Komment vorgesehene Genugtuung durch Zurücknahme und Entschuldigung verweigert, kann sich nicht tpuirdern, wenn die so von ihm Deklassierten sich gegebenenfalls in der Weise „Genugtuung" von ihm verschaffen, wie man sie sich sonst von nicht Satisfaktionsfähigen, Feiglingen und ähnlichen Leuten holt. Und die* hohen akademischen Behörden, die sich einflußlos und ohnmächtig stellen mit der fadenscheinigen Begründung, sie dürften nicht bei der Ermöglichung einer strafrechtlich verbotenen Handlung Mitwirken, dabei aber übersehen, daß es sich gar nicht darum handelt, sondern um die Zurückweisung einer wohl berechneten g enerellen Schmähung und Kränkung eines erheblichen Teiles der deutschen Studentenschaft, weit über das Nicht-mit-dem-Judenfechten hinaus, mögen sich klar darüber sein, daß die jüdischen Studenten und namentlich die K. C. er nicht daran denken, irgend eine persönliche antisemitische oder nichjantisemitische Beleidigung in Zukunft straflos hinzunehmen, weil es den von obenherunter verhätschelten Waffenringlern und Hochschulringlern deutscher.— sollte heißen teutscher — Art gefällt, den Juden grundsätzlich die Satisfaktion zu verweigern. Unseren jungen Bundesbrüdern darf gesagt werden, daß sie ob solcher Beschlüsse nicht die Geduld zu verlieren brauchen; wir Alten haben alle ähnliche Zustände Jahre lang durchgemacht, ohire den Mut zu verlieren und ohne uns etwas zu vergeben. Wir dürfen trotz aller augenblicklichen Enttäuschung den Tag mit Sicherheit erwarten, wo der politisch weitsichtigere Teil der heute in den Waffenringen zusammengeschlossenen Gruppen die Unritterlichkeit und Unehrenhastigkeit solcher Beschlüsse, wie sie in Heidelberg und anderswo gefaßt sind, begreifen wird. Wenn wir bei einem oberflächlichen Vergleich des Heute mit dem Einst vor 25 Jahren keineswegs von ins Auge springenden Erfolgen nach außen sprechen können, so dürfen wir Uns um so mehr freuen über den Erfolg, den der K. C. in seinen Bestrebungen nach innen seit seinem Bestehen, besser gesagt, seit dem Bestehen seiner ältesten Korporationen, errungen hat. Um das ermessen zu .können, muß man sich hineindenken können in die Mutlosigkeit, Zerfahrenheit und Gleichgültigkeit, die die breite Masse der deutschen Juden nicht allein, sondern namentlich auch die aus ihr hervorgehenden jungen Akademiker. ' in der Nachwirkung. der Stöcker'schen Bewegung in den 80 er Jahren erfaßt hatte. Unsere jüngere Generation kann sich kaum in jene Zeit hineindenken, wo die Masse der jüdischen Akademiker ohne jeglichen Zusammenschluß als Einzelindividuen der gehässigen Bewegung gegenüber fast ohnmächtig und wehrlos gegenüberstand und in der Häufung der moralischen Mißhandlungen vielfach auch schließlich in ihrem Verhältnis zum Judentum selbst innerlich erschüttert wurde. Das vielgeschmähte Trutzjudentum, in dem auch ich gewiß nicht ein Ideal - erblicke, hat doch in jenen Tagen mehr als mancher, der heute an der Spitze der einen- oder anderen jüdischen Bewegung steht, rechjt haben will, für die Gesamtheit geleistet. Denn ursprünglich war es Zorn und Erbitterung über die Beschimpfung und Zurücksetzung, die uns zuteil wurde, die den einzelnen sozusagen zu den Waffen greifen ließ, und erst im Zusammenschluß selbst wurde über das rein Negative hinaus das, was wir das jüdische Selbstbewußtsein nennen, in uns geweckt und lebendig. Manch einer aus jener Zeit hätte den Weg zum großen Ganzen nicht gefunden. wenn er nicht, losgelöst von dem, was sein Judentum für ihn war oder nicht war, ein Charakter von Hause aus gewesen wäre. Wer in der Organisation fanden wir damäls den Halt, der Uns auch dem Hohn und dem manchmal mitleidigen Lächeln derjenigen, für deren Ehre wir' auf die Schanzen traten, trotzen ließ. Ich muß. manchmal lächeln, wenn ich heute Männer — fast möchte ich sagen — als Oberjuden nicht bloß in den Gemeindeverwaltungen, sondern auch in Logen, ja sogar im Zionismus an der Spitze der Organisationen sehe, als ob ihnen ihr bewußtes und selbstbewußtes Judentum schon aus der Wiege gekommen wäre, Leute, die damals im Sichverkriechen der Tapferkeit besseren Teil suchten. Man vergegenwärtige sich: Es gab damals noch keinen