KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 7-9 (Juli 1921)
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 117 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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“r; Tr-S'5*. sein Werk der deutsche.Roman. Jahrzehnte empfand er die Schmach, daß man auch ihn, der die deutsche Literatur bereicherte, selbst von seiten seiner Freunde als Mitglied einer andersgearteten Gemeinschaft stigmatisieren wollte; doch als in der Nachkriegszeit die trübe Flut des Antisemitismus immer höher stieg, nahm er mit dem vorliegeiiden Buch die Flucht in die Öffentlichkeit — „vielleicht als Wegbereiter dessen, der vielleicht einmal als Retter die Brücke zwischen hüben und drüben schlägt" (S. 125). Abgesehen von diesem zagen optimistischen Ausblick ist das Buch von einem liefen Pessimism u s und qualvoller Trauer befangen ob der seelischen Bedrückung der deutschen Juden. Sein Schmerz gilt dabei fast noch mehr als hen Juden den nichtjüdischen De nt s ch e n, daß das sonst seelisch so reiche Deutschland eines solchen Pesthauchs fähig ist. Es ist ein „deutscher Haß" ruft Wassermann erschüttert aus. „Auf Billigkeit ist es nicht abgesehen. Aut den Haß ist es abgesehen und der Haß lodert weiter. Er macht keinen Unterschied der Person und der Leistung: er fragt nicht nach Sinn und . Zeit. Er ist sich selber Sinn und Ziel. Es ist ein deutscher Haß." Und Wassermann hat Recht. Es gibt einen besonderen „deutschen Haß". Man denke an den Haß der deutschen Parteien untereinander, den Haß zwischen verwandten Parteien (Deutsche Volkspartei— Demokraten, U. S. P.—!S. P. D.), den Haß mancher Bayern gegen ihre norddeutschen Brüder, den religiösen Haß der Konfessionen, den Haß des Proletariats gegen das Bürgertum, alle die vielen Zerklüftungen deutscher Weltanschauungen, den Haß deutscher Korporationen untereinander, und soll man sich da nicht wundern, daß auch wir deutsche Juden von echt deutschen Männern echt deutsch, das heißt abgrundtief gehaßt werden. „Wir Dänen achten unsere dänischen Juden als eine Art Aristokratie. Was wollen die Deutschen?" sagt, im Buche ein Däne, und Wassermann erwidert: „Es fehlt in Deutschland an Phantasie, an wahrhafter Liberalität, an Güte, an menschlicher Freiheit." Wie recht er hatte, bewies der Krieg, wo 'ich eine Welt gegen Deutschland auch deshalb zusammenschloß. Von deutscher Art und Klassenabsperrung strömte in das Ausland, wo sich vielfach die Menschen gütiger und menschlicher gegenüberstehen, eine Kälte aus, die die Entente zu einem politischen Werbemittel gegen Deutschland auszunützen verstand. Daß '»er Antisemitismus außenpolitisch eine Art Landesverrat darstxllt, ist längst die Überzeugung aller politisch Einsichtsvollen. Hier werden „deutsche Belange" von nationalistischen Schreiern schnöde mißhandelt. Gemütlich ist der Deutsche wahrlich nicht, wir in Deutschland eingeborenen Juden können ein Lied davon singen. Hier wird der Mensch nicht an und für sich gewertet, sondern als Mitglied seiner Kaste und Klasse, seines sozialen Stempels, und der Herkunft von Teut oder Moses, als wichtigstes, alles umschließendes Scheidezeichen. Auch nach der Revoiutioit und trotz der Weimarer Verfassung sind wir aus dem Mittelalter der Kreuzzüge, jetzt Hakenkreuzzüge, »roch nicht heraus, und der deutsche Jude wird im eigenen Vaterland täglich seelisch mißhandelt. Denkt man nur, mit welch rührender Liebe der oberschlesische Jude an Deutschland hängt, wie niemand deutscher fühlen kann als die Juden in den gefährdeten Gebieten des deutschen Ostens, und denkt man an die Gesinnung der Deutsch-Nationalen gegen uns, so schämt man sich nicht als Jude, wohl aber als Deutscher über diese Enge der Gesinnung. . Wer besitzt nun den Defekt? Der Ankläger oder der Angeklagte? Niemand—bezweifelt im bürgerlichen- Verkehr, daß der verächtlich ist, der ohne Beweis feine Mitmenschen auf Grund sinnloser Phantasien verdächtigt. W a s s e r m a n n macht die Sinnlosigkeit und Grausamkeit des generalisierenden Antisemitismus sehr gegenständlich an einem Beispiel: „Man denke sich einen Arbeiter, der, wenn er seinen Lohn begehrt, niemals voll ausbezahlt wird, obgleich seine Leistung in nichts hinter der der übrigen Arbeiter zurücksteht und den man auf die Frage nach dem Grund solcher Unbill mit den Worten bescheidet: du kannst den vollen Lohn nicht beanspruchen, weil du blatternarbig bist. Er schaut in den Spiegel: sein Gesicht ist durchaus ohne Blatternarben: er geht hin: ivas wollt ihr? Ich bin ja gar nicht blatternarbig. Man zuckt die Achseln und erwidert: du bist als blatternarbig gemeldet, also bist du blatternarbig ... Eine raffiniert ausgedachte Qual." Es kann hier nicht die Ausgabe sein, die ganze Schrift von Wassermann in einer Art von Rezension zu rekapitulieren, oder Kritik zu üben. Dem entzieht sich schon der Zweck seiner Zeilen. Es gibt nämlich kein System und keine Abhandlung über das Thema seines Lebensweges als Deutscher und als Jude. Er. ist kein Gelehrter, sondern schöpferischer Künstler, der sich selbst als wirklichen Romanhelden in der Wirrnis der Zeit psychologisch darstellt. Sein Einzelschicksal ist aber typisch für uns alle, und hat trotz der individuellen Verästelungen allgemeine Bedeutung. Vielleicht ist seine Autobiographie auch nur eine Vorstudie zu dem bluterfüllten Roman des deutschen Juden, der noch komnlt. Mau fühlt in den nicht immer zusammenhängenden, locker gefügten Ereignissen und Räeduellen, wie sehr bei der Darstellung Wassermann das eigene Herz schwer klopft, wie peinlich ihm als deutschen Mitbürger das für Deutschland so wenig schmeichelhafte Thema ist. So stellt die Schrift die ergreifende Anklage eines geistig hochstehenden Mannes dar gegen den zersetzenden Geist des Antisemitismus, die ihre Beweiskraft schon in der erlesenen Form hat. Denn wer ein so inniges, durchglühtes edles. Deutsch schreiben kann, wie es die Prosa Wassermanns darstellt, der ist zum Richter berufen, auf den man hören muß. Natürlich wird auch diese Anklage den Antisemitismus nicht töten, schon deshalb nicht, weil diejenigen, gegen die es geht, so ein Buch ja gar nicht lesen. Mit dem Antisemitismus kämpft auch ein Wassermann vergebens, aber für alle die, die die Wahrheit erkennen wollen, ist es'eine weitere Erleuchtung. Wertvoll ist insbesondere für uns K. C. er die Schrift, weil ein durch und durch origineller Geist zu genau derselben Auffassung gelangt, ohne daß er durch den K. C. gegangen ist oder vom Zentralverein eingeschult wurde, wertvoll ist sie, weil hier in einem literarischen Dokument dasselbe aufgedeckt rvird, was berufsmäßig seit Jahren von uns unseren Jüngern gelehrt wird, wertvoll ist sie, weil jemand spricht, der sich durch seine künstlerischen Taten einen großen Leserkreis auch bei den Nichtjuden geschaffen hat, so daß wir hoffen dürfen, daß auch mancher christliche Leser hier erschüttert wird. Wir aber sind dankbar, daß ein durch und durch undogmatisches Werk, ein Buch eines, der sonst keine Tendenz betreibt, unsere Tendenzliteratur bereichert hat. Gegen Gabriel Rießer und Eugen Fuchs, die bisher am eindruckvollsten unsere Anschauungen zuin Worte prägten, können wir jetzt auch auf Wassermann Hinweisen und uns an ihm aufrichten. Denn feine Existenz ist schon der Beweis des vollechten deutschen Juden.