Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1921-07-01 · Heft 7-9 (Juli 1921) · p. Seite 111

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1921
Issue
Heft 7-9 (Juli 1921)
Date
1921-07-01
Page
Seite 111 (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2268830-2268931-2268935--2761-2271932
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

verschiedene Gebiete, die aber doch auf das innigste miteinander verknüpft sind und deren gegenseitige Wechselwirkungen immer sehr stark waren. Die Stellung des Studenten, zu politischen Dingen ist. fest verbunden mit feiner Stellung zum Staat als solchem und zur Gesamtheit der Volksgemeinschaft. Lange Zeit war der Ausgangspunkt jeder Betrachtung studentischer Fragen die Bejahung der Führerstellung des Studenten und Akademikers im öffentlichen Leben. Die Gründe die hierin Wandel geschaffen haben, und die auch die Mitführerfrage zu einem Problem gemacht haben, hat Sonnenschein in seiner Rede auf dem ersten allgemeinen Studententag *) klar hervorgehoben. Seit dem Sommer 1919 haben sich die Verhältnisse noch weiter in dieser Richtung entwickelt, die Gegensätze zwischen Student und Volksmehrheit sind leider noch größer geworden. Die Schüld hieran trifft beide Seiten. Ihre Verteilung würde hier viel zu weit führen; fest steht aber, daß auch die Studentenschaft ihr gut Teil, daran hat. Lange hat sie die Führerstellung für sich in Anspruch.genommen, ohne sich der Pflichten bewußt zu .sein, die sie als Erbe der von ihr hochgehaltenen studentischen Tradition der Zeit der Romantik und des Liberalismus für die Bolksgesamtheit zu leisten hatte. Dazu kam, daß die Studentenschaft, mit begreiflicher Anhänglichkeit an den Formen jener Zeit festgehalten hat, deren Sinn der Volksmehrheit nicht mehr verständlich war, und die zu Vorurteilen mannigfachen Anlaß gaben und inuner weiter geben, da die lebendige Berührung zwischen den Klassen fehlt. So ist der heutige Student der übrigen Volksgemeinschaft fern gehlieben und auch der Krieg hat die schönen Hoffnungen, die die Augusttage des Jahres 1914 in Richtung der. gegenseitigen Verständigung erweckten, durch seinen Ausgang und seine Dauer nicht zur Wirklichkeit werden lassen, sondern allzubald zerrissen. Ähnlich fremd steht der Student dein heutigen Staat gegenüber, er als Repräsentant der geistig lebhaftesten Teile der Jugend, die stets für sich das Recht in Anspruch nahm radikal zu sein. Immer ist der Student Kämpfer gewesen, immer war es sein Streben die gegebenen Verhältnisse nicht ruhig hinzunehnren, sondern ihnen kritisch gegenüber zu treten, neue Ideale aufzuwerfen und sie durchzusetzen. Ob es nun der junge Goethe, ob Lasülle, Sand, Bennigsen oder Toller war, oder einer der vielen Namenlosen, die entweder völkische Erneuerung oder Beseitigung der Klassen herbeisehnen, „der Name ist Schall und Rauch". So Tagungsbericht des 1. allg. Studententags deutscher Hochschulen S. 115 ff. kam es, daß der Student mit einziger Ausnahme der letzten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts stets in einer gewissen Gegnerschaft zum Staate als der Verkörperung der bestehenden Ordnung gestanden hat. Bei der Eigenart des deutschen studentischen Gemeinschaftslebens ist der Ausgangspunkt, für diese politische Stellung zum Staat und Volk der Kristallisationspunkt dieser Gemeinschaften und dies waren, und sind auch heute noch die studentischen Verbindungen und Vereine im weitesten Snme des Wortes. Diese Verbindungen üben auf die geistige Einstellung und damit auch auf die spätere Tätigkeit des Akademikers in der Politik einen weit stärkeren Einfluß aus, als sonst irgend eine Organisation eines bestimmten Standes, vielleicht die Gewerkschaften ausgenommen. Diese Wirkung erstreckt sich sowohl auf die Politik als auch auf die Erweckung eines gewissen Standesgefühls und einer Standesverantwortlichkeit. Im Anfang des vergangenen Jahrhunderts waren alle Verbindungen durch ihre Gegnerschaft zum Staat infolge ihrer Stellungnahme für den Liberalismus politisch gerichtet. Die Stellung der Burschenschaft ist nur ein besonders ausgeprägter Typus dafür. Langsam verblaßte diese Gegnerschaft und damit auch die politische Einstellung, und erlosch! nach der Herstellung der deutschen Staatseinheit vollkommen. Erst das Ende des Jahrhunderts sah nrit dem Kulturkmnpf wieder die Studentenschaft in der vordersten Linie der Front der politischen Parteien. Der Kampf dauerte in. dem Streit der konfessionellen und nichtkonfessionellen Verbindungen studentisch weit länger als politisch und fand erst mit dem Beginn des Weltkrieges sein endgültiges Ende. Diese Ausstrahlung auf dem Gebiet der Universität war jedoch nicht mehr eine politische Tätigkeit, der Verbände, der alten wie auch der christlichen. Der Streit konnte nur solange! andauern aus der Gegnerschaft der studentischen Prinzipien heraus, aus der Waffenfrage, also nur aus Gründen studentischer, nicht allgemeiner Politik. Das politische Ziel der Verbindungen war beseitigt, nur zwei Verbände können wir im Anfang unseres Jahrhunderts noch als politisch ansprechen, den V.D.St. und den K. C. Dem V. D. St. war die politische Erziehung seiner Mitglieder, die in den anderen großen Verbänden^ soweit sie überhaupt. noch derartige Zwecke der Verbindung anerkannten, längst hinter der Betonung der reinen Freundesgemeinschast zurückgetreten war, Selbstzweck, und es kann daher nicht Wunder nehmen, wenn gerade aus seinen Reihen in den letzten Jahrzehnten mancher tüchtige Politiker unseres Volkes entwachsen ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.