KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 76 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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ohne damit auch zugleich der Bestimmungsmensur ihre Berechtigung zu nehmen? Ich . bin der Ansicht, daß gerade das Bewußtsein, daß man auf der Mensur seinen Mann stehen muß, daß man sich dort durch Selbstbeherrschung' und Mut das Band erkaufen müß, daß man sich bis zum kleinsten Nerv in der Gewalt haben muß, anspornt zur äußersten Krastanspannung. Muß es denn nicht beinahe jeder erst lernen, Mensuren zu schlagen? Es gibt wohl nur wenige, die nicht Ln der ersten Zeit beim Pauken den Kopf wegstecken, wenn der Hieb kommt. Die meisten müssen es erst lernen und lernen es auch, den Kopf hinzuhalten. Und darin liegt ja auch gerade der erzieherische Wert der Mensur, daß man, ohne sich selbst zu achten noch das, was einen treffen kann, im Augenblicke der Gefahr den Blick fest auf das Ziel richtet und sich selbst, vergißt. Und dadurch wird eben die Mensur eine Schule fürs Leben, daß man auf ihr es lernt, sich aufzuopfern unter Einsatz seiner selbst. Prof. Lorentzen hofft eine Besserung im Mensurverfahren zu erzielen, wenn statt der heutigen starren Mensur die freie Mensur, wie sie vor etwa 100 Jahren gefochten wurde, eingeführt würde. Da wären mit einem Schlage alle Übelstände beseitigt, und man wäre zu einem kunstgerechteren Fechten zurückgekehrt. Die Beurteilung, vor allem die moralische (um die es sich ja in erster Linie handelt), ist dabei nicht durchführbar. Die dauernde Bewegung des Paukanten (er muß bei jedem Hiebe ausfallen und zurückgehen), das unvermeidliche Lauern (die Paukanten schlagen nicht gleichzeitig, sondern Hieb und Parade wechseln ab), die Scheinhiebe usw. machen es unmöglich, die Haltung des Fechters zum mindesten in moralischer Hinsicht zu beurteilen. Man hört oft, daß man ja die freie Mensur einführen, die Beurteilung aber beibehalten könne. Ich halte das aus den oben angeführten Gründen für unmöglich Die Säbelmensur kann zu einem Vergleich nicht herangezogen werden, denn beide Fechtarten sind grundverschieden. Es würde hier zu weit führen, näher darauf einzugehen: nur kurz ein paar Hauptunterschiede: Beim Säbelfechten kann man ausfallen und zurückgehen, bei der freien Mensur muß man bei jedem Hiebe ausfallen und nach dem Hiebe zurückgehen, bei der Säbelmensur schlagen beide Paukanten gleichzeitig, während bei der freien Mensur ein Paukant schlägt und der andere pariert. Gleichzeitiges Schlagen ist dabei undenkbar. Hieraus wird sich schon erkennen lassen, wie verschieden in bezug auf Beweglichkeit usw. beide Fechtarten sind. Wer die freie Mensur kennt, wird mir bestätigen, daß man dabei nicht beurteilen kann. Würde man also die freie Mensur einführen und die Beurteilung beibehalten, so würden sich die Übelstände, die Lorentzen bereits bei der starren Mensur feststellt, geltend machen- Jrrtümer und Härten würden an der Tagesordnung sein, und viele, vielleicht die meisten Fechter würden unschuldig ihr Band verlieren. (Wie ich höre, hat die Rostocker Burschenschaft eine Reihe von freien Mensuren geschlagen, von denen sie über die Hälfte mit ungenügend beurteilen mußte.) In sportlicher Hinsicht wäre allerdings die freie Mensur der starren entschieden vorzuziehen: denn sie stellt weit größere Anforderungen an den Fechter. Das Fechten ist dabei tatsächlich eine Kunst, die aber auch erst nach jahrelanger Übung erworben werden kann. Im zweiten Semester würden dann nur wenige Gottbegnadete herausgestellt werden können. Der Durchschnitt würde 4—5 Semester, manche noch länger gebrauchen. Man müßte also weit länger aktiv sein, d. h. man müßte das Verbindungsleben von Grund auf umgestalten. Bei den Anforderungen, die bei der heutigen straffen Korporationserziehung während der Aktivität gestellt werden müssen, kann man, wenn man in der vorgeschriebenen Zeit sein Studium beenden will,, nicht 6—8 Semester, ja vielleicht noch länger aktiv sein- Ich sprach vor kirrzem mit einem Fechtlehrer, der ein begeisterter Anhänger der alten Fechtweise ist. Er sagte mir: „Wir Fechtlehrer würden es allgemein begrüßen, wenn sich die Einführung der freien Mensur ermöglichen ließe, denn das, tocS Sie heute treiben, ist in unseren Augen kein Fechten mehr. Ich halte es aber für unmöglich, daß Sie es fertig bringen. Sie haben kein Geld und vor allem keine Zeit dazu. Sie müßten aktiv sein, solange Sie studieren, und das kann heute niemand mehr." Dr. F. G. Okademiscke VerbanLslagungen. Der Studientag der Deutschen Studentenschaft ans dem Haustein am 22. Mai 1921. Am 20. und 21. Mai hielten die Fachgruppen der Deutschen Studentenschaft, das sind die Zusammenschlüsse aller Studierenden je eines Hochschulfaches, in Witzenhausen und Jena ihre jährlichen Vertretertage ab. Hauptgegenstand der Verhandlungen waren Fragen der Studienreform. Auf den 22. Mai hatte der Hauptvorstand des Gesamtverbandes der Deutschen Studentenschaft ausgewählte Sprecher jeder Fachgruppe sowie eine Anzahl anderer freigewählter studierender und studierter Persönlichkeiten auf dem Hanstein bei Eichenberg zu einem Studientage gebeten. Solche Studientage sollen fortan jährlich vor dem allgemeinen Deutschen Studententage stattfinden und der Vorberatung aktueller Hochschulfragen dienen, mit denen sich der allgemeine Tag zu beschäftigen hat. In diesem Jahre stand das Problem der humanistischen Fakultät im Vordergründe, das seit etwa einem Jahre in studentischen und jungakademischen Kreisen lebhaft besprochen wird. Die Kenntnis der Literatur (einer Schrift von Götz v. Selle im Selbstverlag der Deutschen Studentenschaft, eines Aufsatzes von Mahrholz in der „Hochschule", sowie weiterer, zum Teil kntischer Ausführungen im Nachrichtenblatt 10 und 11 der Deutschen Studentenschaft) wurde vorausgesetzt. Nach einleitenden Worten der Verhandlungsleiter van Aubel und Köwing sprach Dr. Werner Mahrholz zur Idee der humanistischen Fakultät. Das l’art pour Part in der Wissenschaft ist problematisch geworden: die junge Generation, soweit sie ein inniges Verhältnis zur Wissenschaft sucht, will und wünscht das Leben vor, über und nach der Kunst, der Wissenschaft, der Technik. In der neuen, humanistischen Auffassung von Wissenschaft stecke eine gebieterische Forderung: die sich immer mehr objektivierenden Teilgebiete, die Wissenschaften, wieder einzubeziehen in das Lebendige, sie aus ihrer Erdenferne zu erlösen durch den willensmäßig und gefühlsmäßig erregten, leidenden, Erhöhung seines Daseins, Beherrschung seiner Umwelt fordernden Menschen, aus den Wissenschaften den Kosmos Wissenschaft wieder aufwachsen zu lassen- Der Gegenberichterstatter Dr. Siegfried Berger betonte die Notwendigkeit einer Klärung des Verhältnisses der humanistischen Fakultät zur Philosophie, die sich nach seiner Auffassung dahin zusammenfassen lasse, daß die humanistische Fakultät oder was sonst an ihrer Stelle zur Verwirklichung der Gedanken geschaffen werde, nur als Propädeutikum der erneuerten philosophischen Fakultät Berechtigung habe. Die Ansicht, daß die humanistische Fakultät gleichsam der pädagogische Ort werden müsse, von dem das Irrationale in der Universitätsarbeit besonders zu pflegen sei, lasse sich nicht verwirklichen- Der drftte Redner, Professor Dr. Ehrenberg-Göttingen, wandte die biologische Betrachtungsweise seines