KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1921)
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 72 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Wir brachten jüngst einen der „Schwarzburg" entnommenen sehr gehässigen Artikel eines Anonymus. Erfreulicherweise können wir heute pus derselben Zeitschrift eine Erwiderung veröffentlichen, die vornehm in der Gesinnung und im Tone das Wort eines echten Christen darstellt. Sie verdient in ihrer knappen Beweisführung und ihrer unwiderlegbaren Logik weiteste Verbreitung. Zur Judenfrage Bon Studienrat vr. Erich Franz, Kiel. Muß man auf derartige Auslassungen, wie sie das Dezemberhest 1920 aus der Feder eines Ungenannten brachte, antworten? Ist es nicht besser, sie sich selbst zu überlassen? Belehrung nimmt aus jener Seite doch niemand an. Wer einmal von dem „völkischen", d. h. „antisemitischen" Gift getrunken hat, der ist verseucht, und jeder Widerspruch steigert nur seinen Fanatismus. Doch, es muß wohl sein, daher überwinde ich mich und schreibe ein kurzes Wort der Abwehr. Der Jargon von „rassisch arbeiten", „deutschblütig" usf. ist mir nicht geläufig: ich halte mich an einfaches, nicht-antisemitisches Deutsch, ohne deshalb „mit meinem wannen Herzen an Jerusalem zu hängen". Also auch in unsere Kreise, schlägt jene Bewegung ihre unheilvollen Wellen, die als geistige Seuche unser physisch und psychisch hart mitgenommenes, unterernährtes Volk vergiftet. Im Mittelalter schrie bei großen Plagen der Pöbel, die Juden hätten die Brunnen vergiftet; heute heißt es, sie hätten unsere Niederlage verschuldet und unsere Kultur vergiftet. Man braucht für die eigne ungezügelte Erregung einen Blitzableiter, einen Sündenbock. Und am lautesten schreien die, welche am meisten Grund hätten, an die eigne Brust zu schlagen. .Nein, wir S. B. er wollen Christen sein und Deutsche; daher können wir keine Antisemiten sein. Ist trotzdem einer unserer Brüder Antisemit, so soll man Geduld mit ihm haben und Toleranz üben; das Fieber gibt sich wohl noch. Tritt er aber mit derartiger Anmaßung und derartig indiskutablen Vorschlägen aus wie der Ungenannte, so erwidern wir ruhig: „Du irrst dich, Freund, wir sind nicht deinesgleichen." Konphilister Lueken hat das Grundsätzliche in seinem Nachwort schon ausgesprochen, nur viel zu milde. Den schlechten zersetzenden Geist, den manche für jüdisch halten, bekämpfen wir mit aller Entschiedenheit. (Daß er spezifisch „jüdisch" sei, ist eine schiefe, irreführende Verallgemeinerung.) Das ist aber etwas ganz anderes als die Frage nach Rasse, Stammbaum und Blut. Man verschone uns doch mft diesen Kindereien der Ahnen- * probe, des Ehrenworts und des Offenbarungseides über die eigene Blutmischung und die der Ahnen! Als ob es sich in Deutschland nur Um zwei Rassen handelte und nicht um eine ganze Reihe! Als ob Deutschland auf Blut und Rasse beruhte, und die Menschen zu beurteilen wären wie der Ochse vom Tierzüchter. Gerade von Kant, Lichte und den anderen Begründern unserer deutschen Geisteskultur, die wenig gelesen und viel gerühmt werden, könnten jene Herren das lernen. Statt dessen klebt man einzelne aus dem Zusammenhang gerissene Äußerungen großer und kleiner Autoritäten aus geschmackvollen kleinen Zetteln als Reklame an die verschwiegensten Örter. Wer dem Fatalismus Schopenhauers oder Spenglers erlegen ist, wonach Natur und Abstammung unentrinnbar auch das geistige Ethos prägen, mag der Rassetheorie gegenüber hilflos sein; meist aber versteigt man sich gar nicht so hoch und bMeht seinen geistigen Bedarf aus weit trüberen Quellen.- In der Literatur-Auslese des Ungenannten vermisse ich noch u. a. Dinters „Sünde wider das Blut". Oder war das selbst für ihn zu starker Tabak? Die Ironie und das Bäuerliche liegt nun darin, daß das, was in der Tat an schädlichem Einfluß von jüdischer Seite kommt, durch so unkluge und ungerechte Befehdung gewaltig gestärkt wird. Weshalb immer diese Verallgemeinerungen? Ist es nicht bekannt, daß auch edelste geistige Wirkungen vom Judentum ausgegangen sind, zumal für die deütsche Kultur? War nicht Jesus Semit? (Nein! höre ich rufen. Vgl. Chamberlain!) Und Spinoza und die vielen Denker und Gelehrten bis auf Cohen, Simmel usf. in der Gegenwart? Der Ungenannte kennt „keine größeren Gegensätze" als jüdische und christliche Religion. Wir anderen sind mit Wellhausen der veralteten Ansicht, das Christentum habe, an das edelste jüdische Gut in Psalmen und Propheten organisch anknüpfend, sich aus dem Schoß des Judentums entwickelt. Der Ungenannte empfiehlt dem S. Bdas Beispiel der D. B-, die neuerdings alle Nichtarier und Anhänger internationaler oder separatistischer Parteien ausschließt. Mögen alle guten Geister den S. B. vor solchen Verirrungen behüten! Wo liegt hier die Grenze? Wer kennt seine Ahnen bis Adam? Was ist „international" und „separatistisch"?- 0u 68t toujour 1e reactionaire de quelqu'un und umgekehrt ebenso. Die Gründer unserer Burschenschaft Germania knüpften bewußt an den Geist der alten Burschenschaft an im Gegensatz zu der Entartung der neueren D.-B- Wir waren in Göttingen allem, nationalistischen Fanatismus feind, dagegen, wie es das schöne Vorrecht der Jugend ist, allem Freien und Zukunstsfrohen offen: umgekehrt wie es heute leider in vielen studentischen Kreisen der Fall ist. Zum Glück macht sich indes auch innerhalb der Altherrenschast des D. B. ein starker Widerstand gegen jene Eisenacher Beschlüsse geltend; und in der „Hilfe" hat Potthof (25. September 1920) in dem Aufsatz „Burschenschaft und Partei" diese Entgleisung gebrandmarkt und gegen sie an den Geist der alten Burschenschaft appelliert. Der Ungenannte meint, zur Vertretung seines Standpunktes gehöre heute „Bekennermut", „Zivilkurage". Gleichwohl verschweigt er selber aus Furcht vor angeblich drohender „jüdischer Beeinträchtigung" seinen Namen. Ist das „Zivilkurage"? Auf alle Fälle wird sein temperamentvolles Bekenntnis durch die Anonymität stark entwertet. Also, Freunde, kurz und bündig: Wir wollen echte Deutsche sein, deutsch und christlich! Aber kein Fanatismus, kein Rassen- und Klassenhaß! Das ziemt uns gerade als Akademikern nicht; und ziemt auch besonders der Jugend nicht. National bis auf die Knochen, aber Feindschaft allem Rassenfanatismus und Nationalismus! Wo Schlechtes sich breit macht, bekämpfen wir es, indem wir es besser machen! Aber gegen den entnervenden, entwurzelnden Fanatismus gilt es: Haltung, Würde, Selbstzucht! Ich schließe mit den auf unser Thema sich beziehenden Worten eines vielen von uns verehrungswürdigen Juden: „Wenn jene falschen, tückischen, das Gemüt und den Geist des Volkes schwächenden Leidenschaften in Kirche, Staat und Gesellschaft wieder gebändigt sein werden, dann wird der Genius des deutschen Volkes, die Liebe zur Philosophie, zur echten, mit Wissenschaft und Kunst verbundenen wieder erwachen, und in alle Wege die deutsche Kulturarbeft leiten." (H. Cohen i. d. Einl. z. F. A. Langes „Geschichte des Materialismus".) Vom Sport. Aus den Berichten aller Verbände ergibt sich, daß der Sport überall wenigstens Merkannt