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KC-Blätter · 1921-05-01 · Heft 5-6 (Mai 1921) · p. Seite 69

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Journal
KC-Blätter
Volume
1921
Issue
Heft 5-6 (Mai 1921)
Date
1921-05-01
Page
Seite 69 (sequence 7)
Language
German
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welche Ansicht er vertritt. Zu dieser Grupppe kann man einen großen Teil der freien Studentenschaft rechnen, Inkorporierte insoweit, als ihnen die Zugehörigkeit zu ihrer Korporation nicht eine ganz bestimmte Anschauung in den einzelnen Fragen zur Pflicht macht. Ihre Stellungnahme zu den jenseits des Fachstudiums liegenden Problemen ist mehr oder weniger von Augenblicksstimmungen eingcgeben- Die zweite Gruppe umfaßt die Angehörigen der politisch irgendwie orientierten Korporationen, außerdem die geistig hochstehenden Kreise der freien Studentenschaft, die sich aus eigenem Antriebe mit den Problemen der Zeit auseinandersetzen. Was nun ihre Stellung zum Judentum anlangt, so ist .die erste Gruppe, also die Masse, solange als antisemitisch anznsehen, wie die geistigen Führer es sind. . Innerhalb der zweiten Gruppe sind die Angehörigen der Korporationen — eben infolge von deren Tendenz — mir verschwindenden Ausnahmen natürlich ebenfalls Antisemiten. Die intelligenten Kreise der freien Studentenschafr sind es, die für eine Beeinflussung in unserem Sinne einzig und allein in Betracht kommen, und gerade darin geschieht bisher fast gar nichts. — Ich hatte jüngst Gelegenheit, mich mit einein älteren christlichen Studenten, ehemaligem Burschenschaftler und Neserveleutnant (dies zur Charakteristik!) über die Iudenfrage zu unterhalten, und das Wesentliche dieser Unterhaltung sei hier als typisch vermerkt: Wir kamen während eines allgemein politischen Gesprächs durch meine Initiative auf die Judenfrage. Zunächst erklärte er mir, daß er noch nie mit einem Juden über diese Frage gesprochen habe, — obwohl er sich gern über verschiedene Dinge informiert hätte — weil er der Ansicht gewesen sei, daß einem Juden die Berührung dieser Fragen peinlich ist (!!). Das Hakenkreuzlertum verwirft er als „dumm und ehrlos". Die Juden hält er für eine den Germanen durchaus gleichwertige, in manchen Punkten (Intelligenz, Innerlichkeit) überlegene Rasse. Wenn, so ist sein Gedankengang, sich das jüdische Element mit dem germanischen ttuAringend verbinden läßt — und er ist der festen Überzeugung, daß dies nröglich ist — dann ist der Antisemitismus kulturfeindlich und zu bekämpfen. Er ist sehr erstaunt, als ich ihm erkläre, daß die deutsche Judenheit im allgemeinen national gesinnt ist (nicht im Sinne irgend einer Partei); nach seiner Auffassung ist der Jude bis jetzt noch anational, und er findet diesen Anationalismus als Reaktion auf den Antisemitismus ganz erklärlich; der Typus des deutschen Juden, den er nicht kennt, schwebt ihm also als Ideal vor Augen. Er gibt zu, daß an dem bestehenden Mißverhältnis zum Teil die alte Regierung durch ihre falsche Taktik schuld ist, aber er glaubt, daß auch die Juden durch ihre Prätention als „Gottesvolk" eine trennende Mauer gegen die übrige Bevölkerung aufgerichtet haben. Der Ostjude, der nur einen hemmenden und rückbildenden Einfluß haben kann, müsse ferngehalten werden- Das sind so die wesentlichen Anschauungen, die zutage traten, und — man sieht — eine Verständigung ist nicht allzuschwer. Als besonders typisch fasse ich zusammen: Scheu vor Aussprache mit Juden, Zurückweisung des Radauantisemitismus, Verwerfung der Rässentheorie, Unkenntnis des „deutschen Juden", Erhebung von Einwänden, die oft einer völligen Verkennung der jüdischen Psyche entstammen (wie z. B. der Begriff „Gottesvolk" als politische Zusammengehörigkeit und Dünkelhaftigkeit) und die leicht widerlegt werden können. — Im einzelnen werden wir ja wahrscheinlich nicht oft eine so hohe Einschätzung des Juden vorfinden wie in diesem Falle, aber wir wollen getviß auch gar nicht als Ausbund von höchster Intelligenz und reinster Moral angesehen werden. Wir wollen dem selbständig denkenden christlichen Studenten klar machen, daß der Kampf, den der deutsche Jude führt, nicht ein Kampf gegen die christliche Religion oder gegen die germanische Rasse, sondern ein Kampf gegen ein Negatives, eine Verfallserscheinung, den Antisemitismus ist, daß er ihn nicht nur als Jude, sondern auch als Deutscher führt. Diese Konrmilitonen, die für eine derartige Aufklärung in Betracht kommen, werden ja fast sämtlich durch persönlichen Verkehr im entgegengesetzten Sinne beeinflußt. Bei einer Debatte, die sich in Breslau kürzlich an einen Bortrag des Geheimrats Staerck-Jena über den Llntisemitismus anschloß, sagte ein ganz junger Student, der sich als deutschnational bezeichnete, aber wahrscheinlich keiner Korporation angehörte: „Wir jungen Studenten können uns ja gar kein richtiges Bild von der Judenfrage machen; unsere Lehrer schweigen sich darüber aus, und von älteren Kommilitonen wird man doch immer rein parteiisch belehrt." Dieser Jüngling trägt vielleicht heute schon sein Hakenkreuz, denn das Bewußtsein, parteipolitisch beeinflußt zu werden, geht natürlich den Allermeisten im Laufe der Zeit verloren. Sie halten für Überzeugung, was eingebläutes Parteiprogramm ist. Sollte nicht auch hier die Arbeit des K. C. einzusetzen haben? Die Form einer Verständigung mit der geistigen Elite der Studentenschaft ist nun nicht ganz leicht zu finden^ Könnte mgn die Weltgeschichte zurückdrehen, dann müßte man eben dafür sorgen, daß eine solche Spannung erst gar nicht aufkommt; aber das geht nun leider nicht: die Kluft ist da, und sie zu überbrücken, ist wesentlich schwerer. — Von vornherein zurückzuweisen ist die Art, wie das Naumannsche Unternehmen an die Dinge herantritt, obwohl sie zweifellos demselben guten Zweck dienen soll; abgesehen von der Zersplitterung, die ein solches Vorgehen innerhalb der national gesinnten Judenheit Hervorrufen muß, wird es auch durch die Aufdringlichkeit gerade in den christlichen Kreisen, die wir als Freunde erwerben könnten, — und zwar mit Recht — abstoßend wirken und so seinem eigentlichen Ziel gerade entgegenarbeiten. Überhaupt müssen wir den Gesichtspunkt in den Vordergrund rücken, daß wir nicht irgend eine Wohltat für uns erflehen, sondern daß wir im Kampf für unser Recht und des Vaterlandes Wohl aus den Reihen der christlichen Studentenschaft Mitstreiter suchen. Öffentliche Borträge, die hier und da von Nutzen sein mögen, scheinen mir auch nicht sehr wirkungsvoll, weil sie die Möglichkeit einer ganz freien, unbefangenen Aussprache doch nicht gewährleisten- Ich glaubeunsere Hauptarbeit muß in persönlicher Fühlungnahme mit dem einzelnen bestehen. Die Absonderung, die vor Erreichung unserer politischen Ziele (Gleichberechttgung) uns allem die Stoßkraft gibt, kann nicht Prinzip für den persönlichen Umgang sein, wenn wir Verständnis erwecken wollen. Es gibt ja so viele Gelegenheiten, sei es beim Mittagsttsch, in der Anatomie oder beim Repetitor, um mit christlichen Kommilitonen in nähere Berührung zu kommen. Wer ein wenig Menschenkenntnis besitzt, wird die. Geeigneten unter ihnen unschwer herauszufindep wissen, und man wird merken, wie viele unter ihnen gern die Gelegenheit benutzen, um sich informieren zu lassen, und nur aus einem gewissen Taktgeftchl es vermeiden, selbst die Initiative zu ergreifen. Daß auch von unserer Seite mit dem nötigen Takt verfahren, jeder Schein von Aufdringlichkett vermieden werden muß, bedarf kaum der besonderen Erwähnung, ebenso, daß jeder K. C.er. über so viel

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