KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 3-4 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 52 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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52 worden. Selbst bei bescheidensten Ansprüchen kann man nicht sagen, daß die zeitgenössische Jndeicheitihrer Verpflichtung gegenüber der Wissenschaft des Judentums gerecht geworden ist. Es fehlt weit und breit an der Einsicht in die Dringlichkeit der Frage. Darüber aber darf man sich keiner Täuschung hingeben, daß es sich um nicht weniger als um das Sein oder Nichtsein des Judentums handelt. Eine Gemeinschaft wie die unsere, die über keinerlei Machtmittel als über die des Geistes verfügt, kann auf die Dauer ohne Pflege der Wissenschaft nicht bestehen. Die Wissenschaft ist nicht nur unser altes Erbgut und von jeher der Stolz unseres Stammes, sondern auch eine unersetzliche Quelle der Stärke, ein Mittel zur ewigen Verjüngung und Läuterung des Judentums. Das Judentum kann nur soviel Geltung in der Kulturwelt beanspruchen, als es sich durch geistige Werte erobert. Es begeht Selbstmord, wenn es die Wurzeln seiner Kraft vcrkünuncrn läßt. Wie sie den Nährboden für die Selbstbehauptung bildet, bietet die Wissenschaft auch die wirksamsteil Waffen zur Abwehr unserer zahlreicheil Feinde. Vielfach ist die. Meinung verbreitet, daß die der Wissenschaft des Jndeutluns dieneirdeu Institute von den Ge' meilldcn erhalten ivcrden. Das ist ein Irrtum. Mir widerstrebend Ulrd in kleinlichster Engherzigkeit gewähren die Gemeinden meist ihrcSubveutioneu. Es gibt Gemeinden mit starker Steuerkrast, die meinen, etwas geleistet zu haben, wenn sie noch herrte sage rrnd schreibe 200 Papiermark als Jahresbeitrag für ein wissenschaftliches Institut opfern. Härrfig leitet sie der törichte Jrrtrrm, daß die Jirstitutionen an ihrem Orte erhalten werden müssen, als ob sie nur ihrem zirfälligcn Sipe und nicht der ganzen Juderrheit dierrten. Zumeist aber herrscht irr diesen Fragen ein kleinlicher Krämergeist, dem Ausgaben für wissenschaftliche Zwecke als errtbebrlicher Luxus erscheinen, und die Akademiker in den Verwaltungen bringen nicht die rrötige Energie auf, unr ihrer bessererr Einsicht Geltung zu verschaffen. In Deutschland dienen der jüdischen Wissenschaft die drei Lehrinstitutc, welche in der Hauptsache die Ausbildung von Strrdenten zur Aufgabe haben, und zwar das jüdisch - t h e o l o g i s ch e S e m i n a r i n Breslau (gegr. 1854), die Hochschule f ü r die Wissenschaft des Iu d e n tu ms in Berlin (gegr. 1872) und das Rabbinerseminar in Berlin lgegr. 1873). Dazu tritt die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Berlin (seit 1902) und neuerdings der Verein zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Juden tu ms in Berlin. Die „Gesellschaft" bietet ihren Mitgliedern erhebliche materielle Vorteile. Sie liefert für den Mindestbeitrag von 20,— .ft jährlich eine periodische Schrift unentgeltlich, gewährt auf alle von ihr veröffentlichten Werke einen Rabatt von 25 Proz. und auch auf jüdische Schriften anderer Verleger erhebliche Vergünstigungen. Von den letzten in ihrem „Grundriß" veröffentlichten Schriften seien hier nur genannt: Hermann C o h e n s' „R e l i - gion der Vernunft aus den Quellen des I u d e n t u m s" und Georg Caros „Sozialu n d Wirtschaftsgeschichte der I u d e n" , Band II. Von Martin P h i l i p p s o n s „N e u e - st e r G e s ch i ch t e" geht der l. Band in 2. Auflage soeben in Druck. Außer diesem, weitere Kreise der (Mebitbetcu interessierenden Werke hat die „Gesellschaft" einige große wissenschaftliche Unternehmungen begründet, so das Corpus Tannaiticu m, eine bisher fehlende und lebhaft vermißte kritische Textausgabe der ältesten nachbiblischen, hebräischen Literaturwerke, sowie die Germania Judaica, eine Darstellung der Geschichte der Inden in Deutschland an der Hand eines alphabetischen Registers aller von vonJuden einst bewohnten Orte und Landschaften. Aber die „Gesellschaft" ist gezwungen, die Unternehmungen?! einzustellen, wenn ihr nicht größere freiwillige Zuwendüngen zufließen. Sie befindet sich in der gleichen Lage l; wie die Institutionen, denen die Notgemeinschaft der deutf{| scheu Wissenschaft auöhelfen will, und bedarf auch ihrerßs seits einer nachhaltigen Unterstützung. Xi Die Kräfte für ihre Arbeiten bezieht die Gesellschaft aus den vorhin genannten Lehrinstituten. Dort wirken . j? die Gelehrten, die sich freiwillig in ihren Dienst stellen, [- dort finden die jüngeren Kräfte ihre Ausbildung, die sich » nachher als Hilfsarbeiter in den Wissenschaft! chcn Unteri gl nehmungcn betätigen. Auch die Lehrinstitute haben heute » schwer um ihr Dasein zu ringen. Die beiden Berliner lü tvaren von Anfang an auf jährliche Beiträge angewiesen r H und haben selbst im Frieden nur uotdüftig von der Hand V in den Mund gelebt. Jnzwischerr hat auch das Breslauer i- Seminar, das stets seinen Stolz darein setzte, aus den Mittelu der eigenen Vertvaltung sich erhalten zu können, die Hilfe weitester Kreise anrusen müssen; bei der gegeuwär« j' tigen Teuerung sind etwa zlvei Drittel des SUftungsfonds £ für die Ausgaben eines Jahres notwendig. Es ist eine?> schwere Krise, welche die Wissenschaft des Judentums £ gegenwärtig durchlebt. Es fehlt au Nachwuchs. Die Jugend jf; von heute ist nicht gewillt, sich in eine so unsichere und so >i? geringe Aussichten bietende Laufbahn zu begeben. Es (ji müßten mindestens 500 000 .ft jährlich mehr aufgebracht $ werden, als bisher, um die jüdisch-wisscnschaftl chcn An- H stallen arbeits- und entwicklungsfähig zu erhalten. || In den Kreisen des K. C. hat sich — daS darf man ruhig aussprcchen — eine allzu, starke Opferwilligkcit für die &' jüdische Wissenschaft bisher nicht geltend gemacht, und {/ dennoch ist die Erhaltung und Förderung der jüdischen t Wissenschaft mit der Tendenz der Korporation unlöslich X verbunden. Das Judentum als Religionsgemeinschaft verliert seine Existenzberechtigung, wenn es nicht auf der -i,« Höhe des wisseuschastlicheu Zeitbewußtseins bleibt, wenn es sich nicht mit den kulturellen Erscheinun genauseinanderzusetzen ve.st.ht, wenn es nicht Lehrer und Schrifisteller heraubildet, die mit der ganzen Bildung ihres Geschlechts;jsr, erfüllt sind. Menu man Jude und Deutscher sein will, sj so ist cd erfordert'ch, nicht mir bem Deutschtum, sondern auch dem Judentum eine ernste, wissenschaftlich |l’ vertiefte Aufmerksamkeit zu widmen. Mit der Pflege >.! der Wissenschaft des Judentums dienen wir auch dem deutschen Vaterland. Bisher hatten die jüdischen Gelehrten;k Deutschlands die Führung in ihrer Wissenschaft; diese droht fc ihnen zu entgleiten, wenn aus Mangel an Mitteln unsere iif wissenschaftlichen Institutionen von der Höhe herabsinken müßten. Jeder K. C.er müßte es als Ehrenpflicht betrachten,! sich selbst und seine Freunde zu Gunsten der jüdischen Wissenschaft nach Kräften zu besteuern. Die Leitung des Verbandsorgans wird sich die zwcckniäßige Verteilung der % eingehenden Beitrüge angelegen sein lassen. w Reine Religion? K. C. und moderne jüdische Jugendbewegung. Bon Alfred Levi (Rhen.-Sil.). In einer Zeit, da der innere und äußere Mensch möglichst gründlich nmgcbildet, selbst ewig Gültiges als „alt" durch neues ersetzt werden soll, beobachtet man die Erscheinung, das; definitiv vernichtet geglaubte Werte um so stärker wiederausleben. So die Religion. Laßt euch nicht täuschen durch das heftige Geschrei der Neligionsfeinde; bedenkt vielmehr, daß man arg laut brüllen muß, um die Regungen tiesinnerlicher Gefühle zu übertönen! Denn erst wenn Empfinden verschüttet ist wie eine schöne Stätte durch einen