KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 3-4 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 49 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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aber heute völkisch ckormer ori ist, kann ebensowenig übersehen werden. Das Kompromiß wollen Lüseners Ausführungen sein, wobei als wahrscheinlich angenommen werden darf, daß die Corps, wenn es zur Entscheidung komnit, nicht alte ehrenvolle Tradition uin einer Augenblickskonstellation am politischen Himmel opfern werden. Biel verständiger klingt da ein Artikel, der aus -er Feder des bekannten Dichters Walter Vloem stammt und zur völkischen Frage Stellung nimmt. Die Einleitung und der auf den Antisemitismus bezügliche Teil der im „Tag" erschienenen Ausführungen lauten: „Welchein Vaterlaudsfreunde ginge nicht das Herz ans bei der Erkenntnis, das; die Hochschnljugend unserer Gegenwart in der weitaus üderwiegenden Zahl ihrer Köpfe und Herzen sich zur entschlossenen Trägerin des Gedankens der nationalen Wiedergeburt macht? Aber in der Art, wie dieser Gedanke sich innerhalb der Studentenschaft an heit und durchgeführt wird, glaube ich nach mehreren Seiten hin Gefahren erblicken zu niüssen — Gefahren für das Zustandekommen jener seelischen und geistigen Verfassung, welche für unser Volk die unerläßliche Vorbedingung seines Aufstieges, ja der nackten Selbstbehauptung ist — nämlich unserer nationalen Einheit, die alte Teile unseres Volkstums in gleicher Stärke und Geschlossenheit znsammenfassen müßte. Diese Gefahren liegen auf sozialem, auf völkischem und auf politischem Gebiet. Ich kann im Rahmen dieser kurzen Betrachtung nur Umrisse geben." „Die gewaltige Welle des Antisemitismus, die durch unser Volk geht, hat die Studentenschaft mit einer Kraft ergriffen, in der ich ebenfalls eine schwere Gefahr für die Herstellung unserer nationalen Geschlossenheit erblicke. Ich kann der Entstehung dieser mächtigen Strömung hier nicht uachgehen und verweise deshalb auf eine Schrift, die in vorbildlicher Weise diese Seite derhier angeschnittenen Frage behandelt. Sie hat meines Wissens nicht die gebührende Beachtung gefunden. Und doch verdient sic das eifrigste Studium seitens unserer Studentenschaft. Es ist die Broschüre: „Antisemitismus? Eine unparteiische Prüfung des Problems von Friedrich v. Oppeln-Bronikowski. Deutsche Verlags-Gesellschaft für Politik und Geschichte m. b. H., Charlottenburg, 1020." Hier ist alles, was ich an dieser Stelle sagen müßte, in erschöpfender und weitschauender Weise dargelegt. Die Anwendung der Erkenntnisse, welche diese Schrift vermittelt, auf das akademische Leben will ich hier nur mit wenigen Strichen geben. Ich halte es nicht für angängig, daß sich die Studentenschaft in geschlossener Abwehr einem Teil unserer Volksgenossen gegenüberstellt, dem unsere Aerfassnng die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung gewährleistet und dessen Angehörige, soweit.ich urteilen kann, zu eincin beträchtlichen Teile freudig bereit sein würden, sich ain Wiederaufbau unseres Vaterlandes vorbehaltlos und mit allen Kräften zu beteiligen. Ich halte den zeitlänfigen Antisemitismus für eine in ihren Entstchungsnrsachen erklärbare, aber gerade deshalb tief beklagenswerte Verirrung. Daß sie unsere gesamte akademische Jugend mit ganz geringen Ausnahmen ergriffen hat, scheint mir verhängnisvoll. Denn es bringt in die sich zu nie zuvor erhörter Einheit zusammenschließende akademische Bürgerschaft einen Keim der Zersetzung und Zerrüttung hinein, der die große Ausgabe der nationalen Versöhnung und Verbrüderung aufs schwerste gefährden muß. Der national gesinnte jüdische Student hat vollen Anspruch darauf, von seinen gleichgesinnten Kommilitonen als vollberechtigter Bürger des Reiches wie der Alma mater geachtet und ohne Vorbehalt als Mitkämpfer anerkannt zu werden. Es ist ein unleidlicher Zustand, daß gerade die gebildete Jugend unseres Volkes sich in eine schroffe ''Ablehnung einer großen und vielseitig veranlagten Gruppe von akademischen Mitbürgern Hineintreiben läßt, aus der außerordentlich wertvolle Mitarbeiter an der gemeinsamen Aufgabe gewonnen werden könnten und müßten. Ich muß niich hier auf diese kurze grundlegende Stellungnähme beschränken. Ich hoffe, in Kürze Gelegenheit zu haben, vor der Berliner Studentenschaft, neben vielen anderen Seiten des akademischen Problems, auch diese in ausführlicher Darlegung zu behandeln, ohne Furcht vor Verkennung nreiner Beweggründe, auf die ich gefaßt bin." «Ich fasse zusammen: Der Akademiker ist berufen, der Schöpferund Förderer des Vertrauens aller Volksgenossen zueinander und der breiten Bvlksmassen zu seiner eigenen Führerstcllung zu werden. Darum durchdringc er sich bis ins Mart mit nationaler Gesinnung — aber sein Nativnalgcsühl umfasse alle Volksgenossen ohne Rücksicht auf ihre Klasse, ihre Rasse, ihre politische Überzeugung!" Für jeden logisch und gerecht denkenden Menschen sind Vloems Ausführungen Binsenwahrheiten. Es dürfte gewiß noch geraume Zeit vergehen, bis Logik und Gerechtigkeit wieder ° den ihnen znkommenden Plast einnehmen. Anschauungen wie die hier veröffentlichten seien daher vorerst einmal als Ausnahmen, allerdings als erfreuliche, registriert. Aus Lsterreich. Einen kleinen Einblick in das Wesen jener Kräfte, die auch das deutsche Studententum zu einer Ausschließung „nichtarischer" Studierender von den akademischen Rechten treiben wollten, erhält Man, wenn man die Berichte ans Wien liest, lvo in einer geradezu schamlosen Weise eine deutsch-völkische Minorität sich als Vertreter der gesamten Studentenschaft aufspielt. Die „Neue Freie Presse" veröffentlicht darüber folgenden Bericht : „Insgesamt haben bei den Wiener Wahlen in die „Hochschulkammer", das ist die einseitige Parte ienvertretung der deutschvöikischen und katholischdcutschcn Studentenschaft, die vorgibt, die gesamte „dentschariscke Studentenschaft" zu vertreten, nur 2366 (45 Prozent) dieser „Deutscharier" (Anzahl zirka 5100) gewählt. Bon der Gesamtzahl der Hörer der Universität (10 220) etwas mehr wie ein Fünftel, und zwar wählten hiervon 1637 Hörer die deutschvölkische, 729 die deutschkatholische Liste; zwölf Stimmzettel waren ungültig. Die katholischdeutsche Studentenschaft, fast ausnahmslos in Verbindungen festorganisiert, scheint nach dieser Zahl — 80 Theologen mitinbegriffen — ihre ganze Stärke aufgeboten zu haben. Dagegen steht ein Drittel der organisierten deutschvölkischen Studentenschaft selbst dieser „Kammes indifferent oder ablehnend gegenüber. Noch im Vorjahre wurde das Verhältnis der katholischen zu den deutschvölkischen Studenten mit 1 : 4 angenommen, ein Verhältnis, das sich jetzt zugunsten der dcrctschkatholischeu auf 1 : 3 verschoben hat. Die Wahlbeteiligung im Vorjahre betrug 3500 Studierende und ist trotz der weitaus größeren Propaganda und Organisation um beiläufig ein Drittel zurückgegangen, während die Zahl der wahlberechtigten „Arier" laut Wählerliste sowie die Gesamtzahl der Hörer ungefähr gleich geblieben