KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 3-4 (März 1921)
- Date
- 1921-03-01
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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nichts übrig, als es uns selbst recht zu machen und mit vereinten Kräften uns gegen den Ansturm zu verteidigen. Wir vertreten aber dabei den Grundsatz, und werden durch unser Verhalten den Beweis dafür liefern, daß wir Juden und zugleich Deutsche im wahren Sinne des Wortes sein können. Wir wollen uns zu Männern erziehen, die alten Anforderungen, die der Staat an seine Bürger stellt, mit Begeisterung und Pflichttreue erfüllen und gemeinschaftlich mit unseren christlichen Mitbürgern an der Lösung der großen Aufgaben der Zeit Mitarbeiten. Ein Zusammenschluß der Juden bedeutet keineswegs einen Abschluß nach außen. Wir werden den Verkehr mit unseren christlichen Kommilitonen keineswegs abbrechen. Wenden wir uns doch nicht gegen die Christen als solche, sondern nur gegen antisemitische Übergriffe. Eine solche Haltung ist durchaus nicht ohne Vorbild: Haben sich ja schon andere Kreise, wie die jüdischen Logen, znsammengeschlossen, ohne daß deshalb der Verkehr mit den christlichen Mitbürgern Schaden gelitten hätte. Ein zweiter Einwand wäre der, daß zur Bekämpfung des Antisemitismus am zweckmäßigsten alle tolerant Gesinnten, Juden sowohl wie Christen, vereinigt würden. Dem ist aber entgegenzuhalten, daß ein solcher Verein doch hauptsächlich Juden zu seinen Mitgliedern zählen würde und demgemäß die oben geschilderten Übelstände solcher Vereinigungen sich voraussichtlich wiederholen müßten. Übrigens sind auch konfessionell abgeschlossene Vereine an der Universität nicht ohne Beispiel. Wir erinnern hier an die hiesigen zwei Katholikenvereine, die sich bekanntlich eines großen Anhanges und weithinreichenden Einflusses rühmen können. — Wenn es sich nun um die praktischen Zwecke des Vereins handelt, um die Mittel, mit denen jene Prinzipien und Ziele verwirklicht werden sollen, so sind es vor allem die Leibesübungen, die seit den Tagen des Altertums als das mächtigste Moment für eine harmonische Entwicklung des ganzen Menschen, für Ausbildung des Körpers wie des Charakters bewährt sind. Haben wir doch auch in den Freiheitskriegen genugsam die Erfolge von Jahns und Friesens Erziehung gesehen. Bis jetzt aber ist uns die Gelegenheit dazu, wie schon bemerkt, fast vollständig verschlossen. Darum muß unser Verein zunächst eine Pflegestätte sein für jegliche Leibesübung, wie Turnen, Fechten, Rudern, Schwimmen. Wir müssen das Odium der Feigheit und Weichlichkeit, das auf uns lastet, mit aller Energie zurückweisen, indem wir zeigen, daß jedes Mitglied unseres Vereins sich mit jedem christlichen Kommilitonen in jeglicher ritterlicher Übung messen kann. Mit der wirklichen körperlichen Kraft und Gewandtheit U wird auch das Selbstvertrauen und die Selbstachtung wachsen, und niemand wird sich mehr schämen, ein Jude'zu sein! Und für dieses Selbstvertrauen und diese Selbstachtung hoffen wir die sicherste Grundlage zu gewinnen durch das Studium der jüdischen Geschichte, durch eine genauere Kenntnis der Leiden und Taten unserer Vorfahren. Gemäß dein zum Ganzen strebenden Charakter unseres Vereins werden wir es uns auch zur Aufgabe machen — im Gegensatz zu der immer weiter um sich greifenden Zersplitterung in Spezialfächer — die allgemeinen Grundlagen und den Zusammenhang aller Wissenschaft zu berücksichtigen und zu pflegen. Solch' ernstes Arbeiten an unserer Erziehung wird uns befähigen,, die hohen Ziele, die wir uns gesetzt haben, zu erreichen. Wir richten in zuversichtlicher Hoffnung an alle edel denkenden Juden, die ein Verständnis für unsere Ideale besitzen, die Bitte, uns in unserem weitausblickenden und die wichtigsten Interessen des Judentums berührenden- Unternehmen mit ihrer Teilnahme zu unterstützen. Wer je die Beschimpfung des jüdischen Elements mit bitterem Schmerz als seine eigene empfunden, wer je durch die schmachvollen Frevel, die jene Bewegung gezeitigt, in seinem Gerechtigkeitsgefühl verletzt worden ist, wessen Blut jemals aufwallte bei den Verleumoungen, mit denen man uns überschüttet, bei dem Haß, den man uns entgegenträgt, der möge bedenken, daß sich hier eine Aussicht auf eine bessere Zukunft bietet, und denjenigen ihr Interesse nicht versagen, die ihre ganze Energie, ihre ganze Jugendkraft für dieses Unternehmen einzusetzen entschlossen sind. Ja, es ist ein Unternehmen, das, wenn es gelingt, eine größere Bedeutung als die einer energischen Selbsthilfe haben wird. Die Stellung, welche die jüdische Minorität der christlichen Majorität gegenüber einnimmt, ist ein Maßstab für den Gcsinnungsadel eines Volkes, und in diesem Sinne scheint es die kulturgeschichtliche Mission der Juden zu sein: Dem Volke, dem es angehört, die Achtung von den Überzeugungen anderer zu lehren. Unsere Vorfahren haben in den finsteren Zeiten des Mittelalters des Pöbels roher Gewalt, den Scheiterhaufen der Inquisition getrotzt und sind für ihren Glauben — die ersten Vorkämpfer der Gewissensfreiheit — mutig in den Tod gegangen. Sie kämpften dabei einen hoffnungslosen Kampf gegen den Geist ihres Zeitalters, welcher derjenige der Intoleranz, des Geisteszwanges war. Wir Nachkommen sind in der glücklicheren Lage, indem wir für unsere Rechte in die Schranken treten, im Geiste unserer Zeit, im Geiste des Jahrhunderts der Anerkennung der Menschenrechte zu kämpfen.