KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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immer — beute vielleicht mehr denn je — von jenem Machlnatwnalrsmus durchsetzt ist, der den mühevollen Weg des äufbäuenden Kutttirnationalismus verschmäht und sehnsüchtig die Zeit des rasselnden Säbels müder erwartet. Auch innerhalb des Judentums ist von einer Vertiefung des Religiösen infolge des Krieges kaum die Rede. Nicht als ob nicht das Interesse am Judentum und der Judenbeit gewolng zugenommen hätten. Aber die dadurch verursachte Mehrung an jüdischer- Kraft ist im wesentlichen den politischen Organisationen zu Gute gekommen, den nationaljüdischen und deutschjüdischen, zu den denen auch der K. C. zu rechnen ist. Nach dem Kriege bewies der Zionismus auchin Deutschland eine gewaltige Werbekraft, aber nicht minder stark zeigiesich das jüdische Interesse im Aufschwünge des Zentralvereins, der tausende von neuen Mitgliedern gewann, und des K. C, der zu den bei Kriegsausbruch bestehenden neun Verbindungen sechzehn neue hmzufügen konnte. Mit religiöser Vertiefung hatte das freilich nichts zu tun. Vorgänge wiederholten sich, die für die Psyche der jüdischen Geschichte so typisch sind. Nicht von innen heraus erwuchs Stärke, sondern von außen her wurde die Selbstbesinnung erzwungen, die Gewalt des Judenhasses erweckte Selbstbewußtsein und trieb zur Einheit. Nur das politische Bekenntnis, das Trotzjudentum —und auch das Nationaljudentum ist ja nichts wie ein in ein System gebrachtes Trotzjudentum — konnte durch den Krieg gewinnen, der aus Haß geboren ist und demnach drüben nur Haß und hüben, den ihn bekämpfenden Trotz erzeugen konnte. Auswanderung, nationale Autonomie, Abwehr des Antisemitismus, Selbstschutz und ähnliche Probleme sind die Inhalte jüdischen Denkens geworden, gellen als Judentum selber, und die Religion, die bereits vor dem Kriege eine etwas klägliche Rolle spielte, hat sich noch mehr in den Winkel verkwchen. Dennoch soll man aber, wenn man religiöse Erneuerung ersehnt, dieses Trotzjudentum nicht verachten. Wenn auch das Bekenntnis zum Judentum nur die vom Feinde diktierte Richtung hat, ohne daß ihm ersichtlich wird, wohin die Straße führt, wenn auch die Massen der durch den Haß zu „bewußten" Juden gewordenen sich über das Wesen der Begriffes zu denen sie sich bekennen, nicht Lar sind, so wird ein nachdenllicher und innerlich veranlagter Mensch auf die Dauer diesen Zustand nicht ertragen. Dem Bekenntnis zum Judentum folgt mit. unabweisbarer Notwendigkeit die Frage: Was ist Judentum? Diesen Entwicklungsgang machten vor Jahren jene durch, die wir heute als die westlichen Nationaljuden kennen. Und da sie bei der Entscheidungsfrage vor der Religion zurückschreckten, führten sie ins Judentum den der Umwelt entnommenen, bis dahin dem' Judentum gänzlich unbekannten Begriff des reinen areligiösen Nationalismus ein. Und die Scharen derer, denen ihrer allgemeinen Kultureinstellung gemäß Religion nichts mehr bedeutete, die aber ein Endziel jüdischen Strebens suchten, wandten sich begeistert dem nationalen Judentum zu, das man nicht mit Unrecht als das grandioseste Beispiel der jüdischen Assimilation bezeichnet hat. Nationales Judentum ist eine Zeüerscheinung, und nach einem knappen Bierteljahrhundert seines Bestehens ist dem Einsichtigen dies schon klar. Und daß dem so ist, offenbart sich in der Einstellung so vieler, die jüdischem Denken durch den Antisemllismus nahe gekommen sind. Sie wollen jüdisch sein, sicb zuihrer Gemeinschaft bekennen, und doch, lehnen sie das Nationaljudentum mit Entschiedenheit ab. Der Unterschied gegen früher besteht freilich darin, daß bei oberflächlichem Trotzjudentum keiner bleibt, man tastet und sucht, und die Zeichen mehren sich, daß auf diesem Umwege der Krieg insasern etwas zur religiösen Vertiefung getan hat, als es dann nur die Entscheidung gibt zwischen religiösem und nationalem Judentum! Wer letzteres ablehnt, nach positivem Jlrdentum aber Vordringen will, gelangt auf diesem oder jenem Wege, auf gerader Linie oder auf krummem Nebenpfade, doch an den Urquell, aus dem ewig frisch das religiöse Leben fließt. Die Weishell des alten rabbinischen Wortes wird wieder offenbar. Wer anfangs etwas auch nicht um der Sache willen, sondern aus äußerlichen Gründen tut, kommt schließlich dazu, es um der Sache selbst wlllen zu tun. Wer zuerst sein Judentum nur bekannte, well die Welt es ihm höhnisch zum Vorwurf machte, wird, sofern, er nur ein wenig tiefer veranlagt ist, schließlich auf den Weg religiösen Denkens geführt, dem religiöses Fühlen als zweite und religiöses Handeln als dritte und letzte Stufe folgen müssen. Und daß die Entwicklung tatsächlich diese Richtung einschlägt, kann an manchen Erscheinungen innerhalb des K. C. gezeigt werden. Kaum begann am Ende des Krieges das Leben im K. C. ein wenig zu erstarken, so erlang der Ruf nach P ositivierungder Tendenz! Man erkannte die Ursache des Strebens, sah seine Richtung, wenn auch noch nicht das Ziel. Gewiß war es ein unklares Streben, denn positives Judentum kann nur religiöses Judentum sein, sofern man das nationale ablehnt, und eine Umwandlung der politisch en K. C.-Berbindungen in religiöse schwebte weder den Rufern im Streite vor, noch war sie möglich und erwünscht. Die K. C. Verbindungen firtf) Gebilde, die innerhalb eines begrifflich bereits festgelegten Judentums gegründet sind, um politische Zwecke zu erreichen. Das Bekenntnis zum religiösen Judentum ist Bovaussetzung, nicht. Ziel der Arbell im K. E, und es liegt in jüdischer Anschauung ebenso wie im Wesen