KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1921
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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zu welchem Grade der Grausamkeit und Unmenschlichkeit Menschen durch das Kriegshandwerk getrieben werden können; je vollkommenerer die Wajfen werden, je schneller daher das Morden geht, desto schneller sinkt auch die Moral, nnd wer es über sich zu bringen vermag, von den Untaten der ukrainischen wilden Horden, von den raffiniert grausamen Judenpeinigungen seitens der ungarischen Regierungstruppen zu lesen, der weiß, daß man während der sechs letzten Jahre in der Gemeinheit bedeutend weiter gekommen ist als im ganzen Dreißigjährigen Krieg. So wenig wie die Masse erfährt auch das Individuum durch den Krieg religiöse . Vertiefung. Gewiß gibt es Gelegenheit zur Entwicklung höchster Tugenden, deren sittlicher Wert in der Religion wurzelt. Wer wüßte nicht die erhebendsten Beispiele von aufopfernder Kameradschaft, von bewundernswerter Selbstlosigkeit und unverbrüchlicher Treue zu berichten! Keiner wird bestreiten, daß in all das Scheußliche des Kriegs hinein die Liebe des Freundes, die Fürsorge des Vorgesetzten, das Vertrauen des Untergebenen wie freundliche Sterne mllde hmeinscheinen! Der Krieg bat aberhier höchstens das sekundäre Verdienst, daß er den verborgenen Eigenschaften ein Feld der Betätigung eröffnet. Er verursacht sie nicht. Wer sie nicht mitbringt, erwirbt sie im Kampfe ganz gewiß nichts Und die Fälle sind nicht selten, da feiner empfindende Menschen den festen Glauben und den Trieb zur sittlichen Handlung radikal verlieren. Kein gläubiger Mensch kann sich .dem Drange zum Vergleichen entziehen. Er schaut in Menschenschicksale, in ihren unverdienten Aufstieg und Niedergang, in ihren von grotesker-Schicksalslaune oft bestimmten Lebenslauf, und die im früheren Leben oft rege gewesenen Zweifel an hie göttliche Gerechtigkeit werden zu trauriger, anscheinender Gewißheit, zu fressendem Skeptizismus, zu blutigem Hohne! Nur Menschen mit einem ganz starken Glauben, 'die durch äußeres Erleben nicht mehr in ihren Überzeugungen erschüttert werden, deren, starkes inneres Erleben'der Außenwelt und ihrem Geschehen nur einen relativen Wert beimißt, mögen ihr religiöses Empfinden aus den Greueln des Krieges retten, mögen, in Einzelsällen darüber hinaus eine Vertiefung ihres religiösen Sinnes verspüren.' Es geschieht das aber nur aus der Kraft des Gegensatzes heraus. Je mehr ihr Glaube sie stärkt, desto tiefer empfinden sie die Unmoral und die Religionsseindlichkeit des Krieges. Die allgemeinen Betrachtungen geben schon eine ausreichende Antwort aus das mir gestellte Tyema. Auch der Weltkrieg hat — von einzelnen Jndividualfällen abgesehen — nirgends zu einer Vertiefung des religiösen Empfindens geführt. Man hätte doch irgendwo einen matten Strahl, wenn nicht der Liebe und des Mitleids, so doch der Toleranz und des Verstehens finden müssen. Die Friedensverträge sind diktiert von kaltem Haß. Eingeleitet durch den welthistorischen Betrug jenes Amerikaners^ bei dem die Welt nur im Zweifel ist, ob er ein armer, betrogener Narr> oder ein Heuchler sei^ wurde die grausame Komödie von Versailles gespielt, und die sadistischen Racheinstinkte Frankreichs/ das gierig rafft und raubt, sind nur geeignet in Deutschland die Empfindung brennenden Hasses zu verewigen. Soll man in diesem Zusammenhänge überhaupt an das Judenlos rühren? Die Zahl der unter ausge,uchten Martern grausam Ermordeten geht in die Hunderttausende, der Vertriebenen, der Bettler gewordenen smd Millionen! Die ganze Welt ist erfüllt von Grausamkeit, Unsittlichkeit, Haß und Selbflucht, das politische Leben, hat einen Grad der Lieblosigkeit und der Entzweiung erlar gt, den man nie für möglich gehalten hätte! Niedrigste Jnteressenpolitik herrscht aus der ganzen Linie, nie war unser Volk, nie-war die Welt weiter entfernt von milder Nächstenliebe, von weiser Gerechtigkeit! Und so klingt die Frage, ob. der Krieg zur Vertiefung des religiösen Sinnes beigetragen habe, fast wie ein grausamer Hohn. Das akademische Leben bildet nur ein getreues Abbild der allgemeinen Verhältnisse Bon religiösem Aufschwung nirgends eine Spur! Auch äußerlich weisen die konfessionellen Verbindungen, sowohl die evangelischen wie die katholischen, obgleich insbesondere die letzteren durch ihre politische Betätigung größere Anziehungskraft ausüben, keinen besonderen Zulauf auf. Dafür herrscht aber auf der ganzen Linie „völkischer" Geist, der das genaue Gegenteil der Religion darstellt, Religion bedeutet Individualismus, sie bewertet den Menschen nach seiner Gesinnung und. seiner persönlichen Leistung. Unsere Studentenschaft schätzt ihn nur nach seiner Abstammung ein. Religion verlangt . Achtung vor der Menschenwürde, Liebe zum Nächsten und einsichtsvolle Gerechtigkeit. Die jungen Herren auf den Universitäten überbieten sich im schäumenden Hasse und lassen keine Gelegenheit vorübergehen, um den Juden, zu beschimpfen oder ihm ihre.tiefe Verachtung zu zeigen. Den Gipfelpunkt erklomm wohl jene antisemitische Zeitung, die jüngst, als die Burschenschaft in kaum zu überbietender Gesinnung ihre Mitglieder vor Heiraten mit „Jüdinnen und- Farbigen" warnte, die Neger gegen die Zusammenstellung mit Juden iy Schutz nahm!, Solche sittliche Entartung sieht gewiß nicht nach religiöser Vertiefung aus, und es ist auch nicht anzunehmen, daß auf jener Seite individuelles religiöses Empfinden den Krieg ohne Schaden überdauert hat.' Es müßte sich doch in diesem Falle wenigstens .hier und da,eine Stimme erheben, die voll tiefer Scham sich gegen das Versinken in diesen Sumpf der Gemeinheit , wehrt. Hand in Hand damit geht, daß Deutschlands Akademikerwelt im allgemeinennoch