KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 11-12 (November 1920)
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2268830-2268925-2268930--2626-2271794- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
131 Jedenfalls haben die jungen Burschenschafter aus ihrer diesjährigen Eisenacher Tagung nicht unüberlegt oder hingerissen van einer Tagesströmung ihre Beschlüsse gesagt, sandern nach reislicher Vorprüfung innerhalb der einzelnen Burschenschaften. Auch sind es nicht „grüne Jungen", wie demokratische und sozialistische Blätter die Studenten zu bezeichnen pflegen, lvenn sie nicht gerade jüdischen oder sozialistischen Bereinigungen augehören, sondern junge Männer reiferen' Alters, die als Vertreter in Eisenach tagten, Jünglinge, die wie einst die Gründer der Burschenschajt -den furchtbaren Krieg als Mitstreiter kennengelernt haben und das Recht beanspruchen, an dem Neuaufbau des Vaterlandes mitzuarbeitcn. Wenn sie sich einen solchen nur durch die Rückkehr zu echt deutscher Art, nur aus der Gründlage einer deutschen Volksgemeinschaft denken können und sich deshalb zum dentichvöltkischen Standpunkte bekenuen, wer wollte sie darum tadeln? Die heutige Burschen schast möchte den „Traditionen der alten B." getreu ivieder Tatmenschen erziehen, möchte die Führerstellung innerhalb der deutschen Studentenschaft wie einst jene zum V>fit und im Dienste des Boliksgau^en wiedergewinnen und nimmt schon seht eine führende Stellung in der zirkuustreicheu völkischen Bewegung ein, die in dem Hochschulriuge deutscher Art den. weitaus grölsten Teil der akademischen Jugend nmschliesst. Sic war also gezwungen, ossen und klar tz-u der Judensragc. Stellung zu nehmen, und wenn sie das .Heil des deutschen Volkes allein von der 'Rückkehr zu deutscher Art, allein vom arischen Geiste aus erwartet, sollen' wir Alten ihr das wehren? Weder Parteirücksichten — die Jugend hastt unser elendes .Parteigetriebe! — noch Antisemitismus haben die Beschlüsse von Eisenach diktiert, sondern allein die beige Liebe zum deutschen Volke und der starke Wille, ihm z» Helsen. Von diesem Gesichtspunkte aus unb nicht von dem der „Opportunität" den Eisenacher Beschluß der deutschen Burschenschast zu betrachten, schien mir nach den Angriffen aus dem eigenen Lager die Pflicht eines alten Burschenschafters zu sein, der, wenn er auch nicht allen Einzelheiten dieser Beschlüsse beizutreteu vermag, doch mit der überwiegenden Mehrheit der die Jugend verstehenden alten Herren ihr mutiges Bekenntnis zum deutschen Volkstum anerkennt und' Bestes für unser Vaterland davon erhofft." Darauihin gab Prosessor Richard Eickhosf am 7. Dezember an der gleichen Stelle eine deutliche Antwort, die hier abgedruckt sei. Wenn auch ein praktischer Wert ihr nicht innewohm. so sei sie angesührt als ein Zeichen, dag auch innerhalb der Burschenschaft noch nicht alle Besonnenheit getilgt ist. Vielleicht wird man einmal in spätereren Jahren diejen Geist als den echten burschenschaftlichen betrachten. „Meine Ausführungen im „Tag" Mr. 220 vom 30. September d. I.) über die Deutsche Burschenschast und die Eisenacher Beschlüsse des Deutschen.' BurscheutageS haben in diesen Blättern von zwei alten Burfchenschaitern eine Erwiderung erfahren, aus die ich mit gütiger Erlaubnis der Redaktion in einem kurzen Rachlvort znrürlkomme. Ich darf mich dabei schon ans dem Grunde so kurz >vie möglich fassen, weil beide Entgegnungen von einer Weltanschauung auSgehcn, die nicht die meiuige ist. und eine Verständigung über diese grundsätzlichen Fragen mir nnmöglich erscheint. Denn dag es auch unter den alten Burschenschaftern grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten gibt, wird mir jeder zugeben, der weis;, dcch in den lebten fünfzig Jahren.in den Kreisen der Burschenschast von einer „Rechten" und einer „Linken" genau so gesprochen lverden kann, wie man in der Sprache des Parlaments diesen Gegensatz zu kennzeichnen pflegt. Ich selbst aber habe schon aus Tradition zwar nicht dem „jüdisch-demokratischen" Liberalismus angehört, wie sich der eine meiner Herren Kritiker ausdrückt, wohl aber bin ich von detl Tagen meiner Jugendzeit an ein überzeugter Freund der „freisinnigen Gedankenwelt unserer Väter" gewiesen und werde eS bleiben bis an das Ende meiner Tage. Wcrube dieser Umstand war es, der den jungen Studenten bewog, der Fahne der Burschenschaft zu folgen, in der ich meine Ideal? am ehesten verrvirklichen zu können glaubte. Sowohl Herr Or. Karl Hofsmann 'vgl. Nr. 240 vom 30. Oktober: „Tie Wiedergeburt per Burschen» schast") als auch öcrr Direktor Dr. I Koch zvgl. Nr. 25»8 vom 23. November: „Die Eisenacher Beschlüsse der D-.ntictnm Burschenschast'". stehen dieser freisinnigen Geoanlenwelt offenbar fremd, um nicht zu sagen: feindlich gegenüber, und insofern ist eine Verständigung zwischen „ns nicht möglich. Leiber ist es mir versagt, an dieser Stelle aus die Geschichte der Burschenschast näher einzngehen und die Darstellung, die meine beiden Herren Gegner von ihr geben, meinerseits.kritisch zu beleuchten. Ich mns; mir dies für eine andere Stelle Vorbehalten. Nur einen Punkt möchte ich hier mit aller D.'nllichkeit hervorheben^ tveil beide Herren sich für' die Eisenacher Beschlüsse auf die Urburschenschast von 1815» berufen, die „eine Bereinigung deutscher (also arischer' und christlicher (also nichtjüdischer» Burschen sein wollte", und somit der Ansicht Ausdruck geben, das; die Eisenacher Beschlüsse „ganz bewusst ans die Traditionen der alten Burschenschast zurückgreisen". Ich bestreite die Richtigkeit dieser Auffassung aufs entschiedenste. Denn wenn in die Burschenschaft von 1815» auch keine Judenausgenommen worden sind und das „christlichdculschc" Element eine besonders starke Betonung in ihr findet, so beweist daS nichts von dem, was meine Herren Kritiker beweisen wollen: es hat einmal seinen- Grund in der Tatsache, das; unsere jüdischen Mitbürger erst wenige Jahre zuvor durch die Stein- Hardenbergsche Gesetzgebung ihre Bürgcrireiheit erlangt hatten, liiiD zum andern darin, das; der „Geist der Zeit", wie ihn uns Ernst Moritz Arndt schildert, überhanpt unter dem Joche der langen französischen Fremdherrscliast ein irvmmer im besten Sinne des Wortes geworden war, wie dies ja auch in dem nr« sprünglichen Wahlsprnch der Burschenschast seinen deutlichen Ausdruck fand, der lautete: „Gott, Ehre, Freiheit, Vaterland." Doch die Zeiten ändern sich, und wir uns in ihnen. Auch die bnrschenschastliche Belvegung hat in« Lause der Zeiten Wandlungen durchgemacht wie alle geistigen Bewegungen im Leben der Völker. Als in den vierziger Jahren die Burschenschaft unter den -Studenten wieder auslebte, lvar sie zwar von der gleichen sveiheitlichen und vaterländischen Gesinnung beseelt wie die Burschenschaft von 1815», aber ihre Gedawkenwelt war doch eine andere geworden als die der Unburschenschaft, die unter dem unmittelbaren Eindruck der Fre-iheitskriege begründet wurde. In den Burschenschaften der vierziger Jahre waven weit lebendiger die Erinnerungen an die Berjolgnngen, denen die "Burschenschaft kaum ein Jahrzehnt zuvor durch die Reaktion ansgesetzt gewesen lvar, an jene Zeit, wo die Burschenschafter nicht einmal das schwarz-rot-goldene Band ossen tragen dursten, wollten sie nicht, tvie Fritz Reuter und viele andere, auf die Festung oder in die Kasematten tvandcrn. Noch erinnere ich mich lebhaft eines der besten dieser Männer, des späteren Prvvinzialschnlrats Dietrich Landsermann in Koblenz, der als junger Burschenschafter viele Jahre im Gefängnis geschmachtet hatte unb auch, als er post tot. diacrimina