KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 9-10 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 105 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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. endliche Leiden getragen, die es sich vollkommen hätte ersparen können, wenn e& diesen Glauben hätte oblegen wollen. Nur allein die Nachkommen derer, die, all n Leiden zum Trotz, an diesem Glauben festhielten, gehören heute zum Mischen Volk. Die Nachkommen jener, in denen nichts war, was man jüdischen Glauben nennen konntc, sind lkr -st in den christlichen Völkern spurlos aufgegangen. Trotzdem soll ein Bekenntnis züm Mischen Glauben eine Verleugnung des Mischen Volkes in sich schließen! Das begreife, wer kann: Allein, Sie, verehrter Herr Professor, gehen noch weiter und nennen unser Bekenntnis zum Mischen Glcuben eine Leisetreterei! Es braucht nicht betont zu werden, daß wir jedem anderen gegenüber es verschmähen würden, auf diesen Vorwurf zu reagieren. Ihnen aber möchten wir nur bemerken, daß heutzutage gerade kein besonderer Mut dazu gehört, sich vom Mischen. Glauben loszusagen, heutzutage, do es Mode geworden ist, daß jeder mißver-müate Handlungsbeflissene, jede verliebte kleine Tippmamsell flink an die Behörde einen Zettel schreibt, in welchem sie erklärt: „in mir ist nichts, was man jüdischen Glauben nennen kann, ich trete aus der Mischen Glaubens- Genossenschaft aus". *; Sie, verehrter Herr Professor, versichern, es sei eine Forderung der Wütire und Selbstachtung, daß wir uns „als Nation" ansehen, und Sie sind überzeugt, daß dann „der'Arier" vor uns mehr Respekt haben werde. Uns hindert ja in der Tat niemand, uns den Titel einer Nation beizulegen. Aber die anderen Nationen, z. B. die deutsche, französische, englische, oder auch die schwedische, norwegische, holländische besitzen außer dem Titel, nebenbei auch noch ein eigenes, zusammenhängendes Territorium, ein eigenes, zusammenhängendes Wirtschaftsgebiet, zu ' dessen Verteidigung sie ein Heer und eine Flotte aufstellen können. Wir besitzen von alledem nichts. Wenn wir uns nun den Titel einer Nation beilegen, glauben Sie nicht, daß wir dem Purimrabbiner in den alten jüdischen Gemeinden gleichen würden, der den ganzen Purimlag über, zur Belustigung des Publikums, den Titel eines Rabbi führen und dessen Gebärden nachmachen durfte, ober keine einzige Funktion seiner Würde ausüben konnte? Glauben Sie wirklich, daß solcher Mummenschanz die Achtung vor uns in der Welt erhöhen würde? Wenn wir nicht mehr als Religionsgemeinschaft, sondern als Nationalität gelten wollen; wenn wir nicht mehr irr derselben Reihe mit den .beiden'anderen Weltreligionen, aber beiden voran, sondern in einer Reihe mit Slowaken, Kroaten, Litauern, Esten, Wenden stehen; wenn wir nicht mehr vom brennenden, unversehrbaren Dornbusch und vom Singi, sondern vom Kasino zu Basel und vom Trianon zu Versailles unseren Ursprung herleiten, meinen Sie wirklich, daß wir dann dem Arier mehr Respekt einflößen werden? Es ist bedauerlich festzustellen, daß ein großer Geist sich von banalen Tagesschlagworten einfangen und in seiner Weltfremdheit auf einem ihm fernliegenden Gebiet irreführen läßt. Sie, verehrter Herr Professor, haben leider nicht erwogen, daß der Ehrentitel einer Nation uns ehemals vom Arier bereitwilligst zuerkannt wurde, das war in der Zeit vor. der Emanzipation. Damals nannten uns sogar die staatlichen Urkunden „natio judaica“. Ob aber damals, als wir den gelben Fleck und den Spitzhut trugen, den Leibzoll entrichten mußten, und außerhalb der Ghettomauern nicht wohnen dursten'— ob wir damals vom Arier viel höher respektiert wurden, als heutzutage, das dürfte doch ziemlich .fraglich, sein. Das offizielle Rumänien hat seineri Juden längst die Würde einer „Ration juivs" verliehen, nämlich schon im Jahre 1866, indem es auf eine mehrere Jahrzehnte zurückliegende russische Anschauung zurückgriff. Man kann nicht sagen, daß mit dieser Auszeichnung besondere Ehrungen und Vorteile für die rumänischen Juden verbunden waren. „Antisemitismus im Sinne eines psychologischen Phänomens wird es immer geben, solange Juden mit Nichtjuden in Berührung kommen", sagen Sie, und fragen: % „Was schadet cs? Vielleicht verdanken wir es ihm, daß wir uns als Rasse erhalten können. Ich wenigstens glaube < es." W ir glauben allerdings, daß wir unsere Erhaltung inneren, positiven Kräften verdanken, die durch die Feindseligkeit von außen vielleicht hie und da aufgepeitscht und wachgerufen wurden. Aber der von Ihnen gemeinte . Stimmungsantisemitismus schadet nur so lange nicht, als er im Bereiche der Stimmung bleibt. Uns lehrt jedoch die Erfahrung, daß dieser Zustand ganz kurz dauert, nur zu bald verdichtet sich die Stimmung zur Gesinnung, zur Überzeugung, bestimmt die Handlungsweise ganzer Klassen und Völker, beherrscht ganze Zeitepochen, steckt ganze Erdteile an, gewinnt die Form einer systematischen Vevfolgung, wird zum gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Boykott, steigert sich zum Pogrom, verkörperst sich in Ausnahmegesetzen, vertreibt Hundertlausende von Haus und Hof und jagt sie in eine ungewisse Zukunft. Es ist richtig: Ihnen persönlich wird auch dieser ausgewachsene Antisemitismus nicht schaden. Das Genie hat seine Privilegien. Wer auf den Höhen der Menschheit wandelt, zu dem steigen die vergiftenden Dünste aus den Niederungen n.cht hinan. ■ Sie, verehrter Herr Professor, werden sicher von keinem Studentenausschuß eliminiert oder aus dem Lehramt entfernt werden, keine Regierung wird Sie aV lästigen " Ausländer über die Grenze schicken, niemand wird über Ihre Bücher den Boykott verhängen. Haß und Brutalität machen Halt vor Ihrer Schwelle. Sie stehen -unter, dem Schlitz der-öffentlichen Meinung des kultiviertesten Europa. Aber die anderen, die vielen, vielen anderen, denen das Leben so furchtbar schwer gemacht wird?... Sehen Sie, verehrter Herr Professor, diese unzähligen anderen zu beschützen, vorbeugend von ihnen die Gefahr abzuwenden, das ist die Aufgabe des. Zentralvereins. Und an dieser Aufgabe mitzuwirken, hat er Sie eingeladen. Sie sind nicht gekommen. . . Sie sagen, wir sollen ruhig dem Nichtjuden seinen Antisemitismus lassen und unsere Liebe für Unseresgleichen bewahren. In diesem Punkte sind unsere Anschauungen von den Ihrigen grundsätzlich verschieden. Gemäß den Lehren unseres Mischen Glaubens bekämpfen wir den Antisemitismus nicht allein, weil er uns schadet; wir würden ihn bekämpfen, auch wenn wir vor jedem Schaden von seiner Seite gefeit wären, weil er seinen Trägern selber schadet, indem er sie verblendet und irreführt, die niederen,Instinkte in ihnen obsiegen läßt, sie von positiver nützlicher Arbeit ablenkt, Haß und Zwietracht unter den Mitbürgern sät und das Gemeinwohl untergräbt. Unser jüdischer Glaube befiehlt uns n i ch t, dem Bösen nicht zu widerstreben, sondern er befiehlt uns, das Böse mit aller guten Macht zu bekämpfen. Die großen Schöpfer und Lehrmeister unseres Glaubens haben uns so gelehrt. Einer von ihnen aus dem 13. Jahrhundert lehrte: „Wer da sieht, daß ein Nichtjude eine Sünde, begehen will, der muß ihm dies, womöglich, verwehren. Hat doch Gott den Propheten Jona nach Niniweh geschickt, um die Heiden zur Abkehr vom Bösen zu bewegen." „Du sollst Deinen Nächsten zurechtweisen, sonst lädst Du seine Sünde auf Dich." Im Judenhaß bekämpfen wir, auf dem Posten, wo uns die Vorsehung hingestellt hat, nur den Einzelfall der allgemeinen Erscheinung des Menschenhasses. Darum kämpfen auch mit uns gegen den Antisemitismus die besten Geister der deutschen Nation und im weitesten Sinne die besten Geister aller Nationen. Ans ist es durchaus nicht - gleichgültig, ob der NichtMe seinen Antisemitismus behält, denn uns ist der Nichtjude, abermals unseren Glaubenslehren gemäß, ganz so Unsersgleichen,wie unsere Glaubensgenossen, obgleich wir das Mische Voll durchaus in e in ea: Beziehung als avserwählt betrachten, nämlich, eben diesen Glauben an die göttliche, und dämm allgemein menschliche .