KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 9-10 (September 1920)
- Date
- 1920-09-01
- Page
- Seite 104 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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T -GlaubenL^eichnen könnte. Wenn das zuträfe, so wäre / «ssehrbedauerlich — natürlich nicht etwa für den jüdischen ' Glauben. Wir sind indessen überzeugt, daß Sie sich glücklicherweise über Ihren eigenen Seelenzustand im Irrtum , befinden. Was ist Glaube? Ein starkes Gefühl, das sich aus zwei Elementen zusammensetzt, aus Sehnsucht und aus Hoffnung, Sehnsucht nach einem bestimmten Sein, und Hoffnung auf dessen Verwirklichung in Vergangenheit, EMenwart oder Zukunft; bei einem jüdischen Glaubensakt, insofern er sich auf' Gegenwart oder Zukunft bezieht, kommt noch hinzu, daß der Jude hofft, mit seiner Kraft an der Verwirklichung dieses ersehnten Seins mitzuwirken. Sollten nun gerade Sie, verehrter Herr Professor,. gar keine Mischen .Sehnsüchte und Hofftmngen hegen, an deren Verwirklichung Sie mit Arer Kraft Mitwirken möchten? Wohlgemerkt, es handelt sich hier nicht darum, : ob Sie an den biblischen Schöpfungsbericht, an die Berbalinspiration oder an die 13 Grundwahrheiten glauben, sondern ob Sie in der Tat alle Werte, die die jüdische Religion im Leben ihrer Bekenner und im Leben der Welt hervorgebracht hat, alle ihre Auswirkungen und Ausstrahlungen , ^ablehnen und ihnen völlig gleichgültig gegenübeHehen. ' Wenn dem so ist, dann muß wohl Ihre Freude, dem jüdischen Volle anzugehören, etwas sehr Passives, Mattes, Abgestorbenes sein, ohne Lebenskraft, ohne Fortpflanzungsfahigkeit, etwas, dos keinen Schwung verleiht, nicht zur Tat anfeuert, und erst recht nicht den Mut gibt, ein Leid auf sich zunehm«:. Einesolch ^Zugehörigkeit zum jüdischen Bolle erhält sich eine Weile, kraft des Trägheitsmoments, erbt sich ober auf die nächste Generation nicht fort. Denken v Sie sich einen Griechen, etwo aus der Zeit des Perikles, der den Glauben an die Götter Griechenlands verloren hatte, und nun meinte, für ihn hätten alle aus diesem Götterglauben hervorgegangenen Schöpfungen, also der Mythos, die Polis, der Agon, die Tragödie Men Sinn und Wert eingebüßt. Wäre er dann noch ein Grieche gewesen? Gewiß konnte ein Zeitgenosse des Perikles nicht. ' aus dem Griechentum oustreten, sich in einen Barbaren verwandeln. Wer könnte er noch eine lebendige .Freude an der Zugehörigkeit zum griechischen Bolle empfinden? Würde er diese Freude seinem Sohne vererben? Würde er das griechische Voll zu verteidigen, oder gar dafür zu sterben bereit sein? Schwerlich. Zur Zeit des Perikles gab es in Hellas.viele, für die die Griechengötter aufgehört hatten,, Realitäten zu sein. Wer wenn in den Seelen' dieser Männer nichts mehr gewesen wäre, was man griechischen Glauben nennen konnte, meinen Sie nicht, daß >es damals schon um das griechische Voll geschehen wäre? Allein, Sie haben noch einen Grund, nicht eine Strecke lang mit uns zu gehen: Sie sind kein deutscher Staats-; bürg er. Wir wissen, Sie sind seit Ihrem 21. Lebensjahr Schweizerischer Staatsbürger. Ihr Schweizerisches Staats- Lürgertum ist also für Sie mit ein Grund, daß Sie mit Juden nichtschweizerischen Staatsbürgertums nichts zu tun haben wollen. Dabei machen Sie uns den Borwurf, daß . wir durch deü.Hinweis aufunser deutsches Staatsbürgertum uns von unseren armen ostMischen Brüdern absondern wollen. Ein schwerer logischer Wwerspruch! Dieser Borwurf ist übrigens so ungerecht, als nurmöglich. Der Zentralverein hat die Aufgabe, die Bürgerrechte der Juden zu verteidigen. Es sind aber unsere deutschen Staatsbürger- - rechte, nicht etwa unsere Weltbürgerrechte, die es zu verteidigen gilt, da letztere uns von niemandem streitig gemacht werden.' Es ist also nur logisch, daß wir unser deutsches Staatsbürgertum betonen. Was Ihnen das Recht gibt, - unsere Aufrichtigkeit zu bezweifeln, ist unerfindlich, ebenso, warum Sie in dem Hinweis auf die unleugbare Tatsache, 'daß wir deutsche Staatsbürger sind, eine Überheblichkeit gegen unsere armen ostMischen Brüder erblicken. Es widerstrebt uns, aufzuzählen, was unsere und die anderen mit uns verbundenen jüdischen Organisationen in den letzten Jahren zum Schutz und zur Hilfe unserer ostMischen Brstder innerhalb und außerhalb Deutschlands getan haben.. Aber Folgendesmöchten Sie doch bÄenken: indem wir unsere deutschen Staatsbürgerrechte verteidigen, verteidigen wir zugleich Ehre, Rechte, Existenz gerade unserer armen ostjüdischen Brüder. Wissen Sie denn nicht, daß der ganze Osten seine Blicke stets auf Deutschland gerichtet hielt, von hier aus seine Kulturideen bezog, und daß dies wahrscheinlich noch für Generationen so sein wird? Wenn bei uns der Antisemitismus niedergehalten wird, kann er auch im Osten nicht aufkommen. Gehen seine Wogen bei uns hoch, so überflutet er unsere Brüder im Osten und verdirbt ihnen das Leben. Unter dem Antisemitismus der akademischen Kreise Deutschlands haben die zahlreichen jüdischen Studierenden aus dem Osten besonders zu leiden, viel mehr als die deutschen Juden. Eine Abwehr des Antisemitismus gerade dieser Kreise liegt also ganz hervorragend im Interesse der Ostjüden. Daß Sie aus Liebe zu ihnen dieser^ Aufgabe sich entziehen, finden wir seltsam. Es kostet nichts und ist sehr angenehm, sich stillvergnügt der Freude über die Zugehörigkeit zum Mischen Bolle hinzugeben. ' Allein, ein Mann ist verpflichtet, auch die Lasten und Opfer auf sich zu nehmen, die aus dieser Zügehörigkeit fließen. Zu diesen Pflichten gehört in erster Reihe, seine persönlichen Velleitäten und Stimmungen den Anforderungen der Allgemeinheit unterzuordnen. Der Zentralverein steht seit mehr als einem Bierteljcchrhundert im Kampfe gegen die judenfeindlichen Strömungen in Deutschlands Die schwersten Phasen dieses Kampfes hat er durchgemacht. Er kennt die Feinde, und er kennt den Kriegsschauplatz. Er hat eine reiche Erfahrung gesammelt. Und er hat darum das Recht, zu erwarten, daß alle, die es gut mit den Juden meinen, sich um ihn scharen, wenn er in der Stunde der Gefahr zu den Waffen rust, aleichviel, ob sie mit allen seinen Grundsätzen einverstanden sind, oder nicht. Wer aber :n einem solchen Moment mit ihm erst eine Diskussion über Weltanschauungsfragen beginnt, und an seinem Namen herumkrittelt, der beweist einen erschreckenden Mangel an sozialer Disziplin, stellt seine individuellen Neigungen und Theorien höher, als die Zwecke der Allgemeinheit. Im öffentlichen Leben kann eine ersprießliche Zusammenarbeit nur dann stattfinden, wenn jeder nur auf dem Felde die Führung innehat, welches er vollkommen beherrscht. In allem, was die himmlischen Regionen anbetrifft, überlassen wir anderen uns vertrauensvoll. Ihrer Leitung, verehrter Herr Professor! Sie aber würden sich nichts vergeben, wenn Sie in den irdischen Dingen Männern folgen würden, die in den verschlungenen, dornenvollen Pfaden hier auf unserer platten Erde Bescheid wissen. Hätten Sie unsere bisherige Tätigkeit verfolgt, so würden Sie wissen, daß die Bekämpfung des Antisemitismus und der knechtischen Gesinnung unter uns Juden stets einen wichtigen Bestandteil des Zentralvereinsprogramms bildete. Ihr Verhalten lehrt uns, daß wir fortab auch gegen Mangel an Einpassung in unseren Reihen ankämpfen müssen, die. um so gefährlicher werden können, als ein Mann von Ihrer Bedeutung und Ihrem Ruhm hierin mit dem Beispiel vorangeht. Sie nennen es höhnisch „ein Geständnis schöner Seelen", daß wir uns zum Mischen Glauben bekennen und leiten davon die Behauptung ab, daß wir nicht als Kinder unseres Bottes, sondern „nur" als Mitglieder einer religiösen Gemeinschaft angesehen werden wollen. Da muß doch jeder Gerechtdenkende ftagen: Ist einer, der sich zum jüdischen Glauben bekennt, darum kein Kind des jüdischen Bottes,, wird er erst dann würdig, sich ein Kind des jüdschen Bottes zu nennen, wenn in ihm nichts mehr ist, was Mischer Glaube genannt werden kann? Der jüdische Glaube war die größte schöpferische Tat des Mischen Bottes, als dieses Mische Volk sogar noch eine Nation war, in dem staatspolitischen Sinne, in welchem dieses Wort heutzutage gebraucht wird Um dieses Glaubens willen hat das jüdische Bott zweitausend Jahre lang un-