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KC-Blätter · 1920-09-01 · Heft 9-10 (September 1920) · p. Seite 101

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1920
Issue
Heft 9-10 (September 1920)
Date
1920-09-01
Page
Seite 101 (sequence 11)
Language
German
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deutsches Element!" „Jüdische KommunistGherrschaft!" Um der Vergangenheit des greisen Mannes willen wollen wir uns mit der Feststellung der Tatsache begnügen und schweigen. Ungar«. Uber den maßlosen Greueln, die jetzt in Ungarn geschehen — was in den Zeitungen steht, ist übrigens nicht ein Hmrdertstel von dem, was in Wahrheit vor sich geht — übersiehtmän, daß auch auf den H ochsch.ulen Ungarns Zustände eingerissen sind, gegen die das Verhalten des zaristischen Rußlands wie liÄevolle Gerechtigkeit erscheint. Zunächst ist für jüdische Studenten ein „nurncrus clausus“ eingerichtet worden, und nur fünf vom Hundert dürfen die Universitäten besuchen. Diese wenigen aber hindert man mit Gewalt am Betreten der Hochschulgebäude und gelingt es ihnen, den Fuß über ihre Schwelle zu setzen, so verschwindet der eine oder andere in irgend einem Keller, und er kann glücklich sein, wenn er nur geblendet oder gelähmt wieder die Stätte der Wissenschaft verlaßt und nicht eines Tages als verstümmelte Leiche in der Donau gefunden wird. Schwere antisemitische Ausschreitungen sind zu verzeichnen, und ein Ende des geradezu furchtbaren „weißen T.errors" ist nicht abzusehen. Einem Bericht der „Kreuz-Zeitung" entnehmen wir folgende Stelle: „In der ungarischen Nationalversammlung steht gegenwärtig der Gesetzentwurf über den sogenannten „Numerus clausus" zur Verhandlung (ist inzwischen von der Nationalversammlung angenommen worden. D. Red.), der „Rechtfertigungsparagraph", der allenun zuverlässigen und vor allem nicht chriblichen Elementen das Studium an der hiesigen Universität möglichst erschweren bezw. unmöglich, machen soll. Was man bisher seit dem Beginn des neuen christlich-nationalen Regimes in Ungarn einfach mit roher Gewalt, d.h. durch Putsche, erreicht hat, nämlich die Säuberung der Budapester Universität von den jüdischen Hörern, soll nunmehr in Zukunft durch den vorerwähnten Gesetzentwurf auf gesetzlichem Wege fortgesetzt werden. Der Numerus clausus bestimmt u.«., daß sich j ed er an der hiesigen Hochschule zur Einschreibung gelangende Hörer einem- Rechtser tigungsverfahr en in der Hinsicht zu unterziehen habe, ob er von durchaus lauterem, patriotischem Ch arakter, inakellosen Vorlebens und einwandfreier christlicher Abstammung ist. In Ausnahmefällen werden künftig wohl auch noch jüdische Hörer zugelassen, aber im Vergleich zu den christliKen nur in ganz beschränkter Zahl, nämlich höchstens 5 v. H. der Gesamtsumme der Studierenden und nur die Söhne hier seit langen Jahren angesessener, als „politisch unverdächtig" bekannter Familien. Waren früher von den durchschnittlich 4000 Studenten an der Budapester Universität oft mehr als die Hälfte Juden, so werden sie nunmehr, wie gesagt, hier dank dem Numerus clausus nur einen ganz geringen Bruchteil der Hörer bilden, besonders im Advokaten- und Arztestande, die bisher hierzulande von den Juden geradezu beherrscht wurden. Die christlich-nationale Mehrheit der ungarischen Nationalversammlung wird dafür sorgen, daß der Numerus clausus, über den natürlich die gesamte Judenschaft Ungarns sehr ungehalten ist, bald Gesetzeskraft «langen wird, wenn auch ein demokratischer Redner im Hause höhnisch bemerkte, daß als Folge davon bereits ein großer Teil der ungarisch-jüdischen Studentenschaft ins Ausland, nach Wien und B erlin, gegangen ist, und nur noch'die— „christlich studierende Jugend im Lande geblieben sei." Er erntete mit diesen Worten gegen seine Erwartung allerdings nur den Beifall des gesamten Hauses." Man verspürt ordentlich den stillen Neid der Kreuzzeitung und das Bedauern, daß man in Deutschland noch nicht so weit ist. Naturgemäß sind tausende von ungarischen Juden nach anderen Universitäten, insbesondere nach Wien, gezogen, wo sie die dort bestehenden Schwierigkeiten nur noch vermehren. Die Wiener Universitätsbehörden weigern sich aber, Ausländer (lies: ausländische Juden) zu immatrikulieren und trotz gegenteiliger Anweisungen der Regierung sind sie bei diesem Standpunkte geblieben.. Man» muß dazu bedenken, daß diese „Ausländer" alle ehemalige Bürger der österreichisch-ungarischen Monarchie sind, also bis 1918 in Wien heimatberechtigt waren. Interessieren wird in diesem Zusammenhänge auch eine Auslassung der „Deutschen H o ch s ch ml e", des Organs der paritätischen Verbindungen zur Ausländerfrage: „Wir leben in einem materialistischen Zeitalter. Dies leugnen, hieße den Kopf in den Sand stecken. Wohl kommen auch ideelle und kulturelle Fragen zur Sprache, aber sie gruppieren sich um das Materielle und werden von ihm stark beeinflußt. Dies gilt auch für die Frage der studieren-? den Ausländer. Es ist nicht'zu leugnen, daß auch nationale, ethische und ästhetische Gründe hiebei mitsprechen, aber bei näherem Zusehen treten diese Dinge alle vor der Existenzfrage völlig zurück. Deutschösterreich ist ein armes Land; und die ärmsten seiner Bewohner sind seine „geistigen Arbeiter?. Ihre Zukunft war auf die geistige Führerschaft eines Sechzigmillionenlandes eingestellt und wurde plötzlich auf die eines Siebenmillionenlandes eingeschränkt. Das bedeutete den wirtschaftlichen Zusammenbruch des ganzen Standes und stellte die Erwerbsmöglichkeit des Nachwuchses in Frage. Regierungen und Parteien können seine Läge verschlimmern oder erleichtern, ändern können sie diese nicht. Zahlreiche akademisch Gebildete suchen in kaufmännischen und manuellen Berufen ihren Unterhalt; das ist keine Schande, sondern Energieverschwendung. Trotz dieser verzweifelten Lage strömen alljährlich nicht nur Hunderte, sondern Tausende qus Polen und Ungarn herbei, nicht um sich deutsche Bildung anzueignen und sie dann in ihrem Vaterlande zu verwerten, sondern um nach vollendetem Studium mit den einheimischen Österreichern um die wenigen Stellen der Lehrer, Richter, Beamten, Ärzte, Rechtsanwälte und Ingenieure.in Wettbewerb zu treten. Sie? vermehren dadurch die Zahl derer, die ihrerseits gezwungen sind, ihr Brot in der Fremde zu suchen, und es ist begreiflich, daß diese und ihre Angehörigen mit gemischten Gefühlen auf diese Ausländer blicken. Die Ausländerfrage ist für uns also in erster Linie eine wirtschaftliche Frage, und sie durch Schlagworte der Rassen- und Klassenpolitik zu verwirren, zeigt nur von Unwissenheit und Bosheit. Wir haben Hunger und müssen um unsere Existenz kärnpfen; wenn andere unter dem-) selben Drucke leiden, so tun sie uns heimlich leid. Helfen, können wir ihnen nicht, das müssen die tun,, die satt sind." Satisfaktion. Zur Satisfaktionsfrage liegen einige Äußerungen der Verbände vor, die zunächst einmal registiert werden sollen. Der Deutsche Burschentag zu Eisenach hat folgenden Beschluß gefaßt: „Die Deutsche Burschenschaft hält an dem Grundsätze der unbedingten. Genugtuung gegenüber ehrenhaften Studenten fest. Die örtliche Burschenschaft kann durch einstimmigen Beschluß feststellen, daß nach Maß-, gäbe der örtlichen Anschauungen eine Durchführung diesS Grundsatzes gegenüber fremdrassigen Studenten nicht möglich ist. An diesen Beschluß sind alle nicht Philistrierten Mitglieder der betr. Burschenschaften gebunden. Ist eine Einstimmigkeit in der örtlichen Burschenschaft nicht zu erzielen, so kann die einzelne Burschenschaft für ihre MitgliÄer eine besondere Regelung schaffen."

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