KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 6-8 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- Seite 81 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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manie", die im Europäertum den Gipfel aller Schlechtigkeit und zur Unkultur gewordenen Überkultur, im Asiatentum den Inbegriff aller Reinheit und Wahrheit erblickt. Was aber in Abhandlungen fast komisch wirkt, gewinnt in der Dichtung ein anderes Gesicht, was dem kritischen Verstände nicht? standhält, wird im Reiche des Gefühls zu einer Wahrheit. Hoeflich ist ein Dichter, seine gesammelten Skizzen zeugen von starkem Empfinden und einer glänzenden Darstellungsgabe. Einige von ihnen erheben sich zu einer nicht unbeträchtlichen Höhe. Dieser Aufschrei gegen das kulturschänderische Europa ist echt und ergreifend. Leon Kellner, Theodor Herzls Lehrjahre. 1920. Ut. Löwit, Verlag. Berlin und Wien. — Wie auch die im Banne der Zeitereignisse stehende Judenheit sich in ihren einzelnen Teilen zu Herzls Wollen stellen mag, der Mensch steht über dem Werke, und zu den großen Juden wird man ihn für ewige Zeiten rechnen müssen. Damit gewinnt aber auch jener Teil seines Lebens Interesse und Wert, der nicht der eigentlichen jüdischen Aufgabe galt. Das Persönliche und Intime ist überdies für die Entwicklung einer Gestalt von so unendlicher Bedeutung, daß auch dieser Gesichtspunkt. Kellners Arbeit zu einer wichtigen macht. Wir erfahren in Form einer Biographie eine Fülle von Einzelheiten aus Herzls Leben und vorzügliche Bilder begleiten die ohnehin frische und lebendige Darstellung. Für den jüdischen Akademiker ist besonders interessant das Kapitel „-Der Student", das in seiner Schilderung von Herzls Austritt aus der Wiener akademischen Burschenschaft „Albia" zugleich einen Beitrag zur Judenfrage in oer Studentenschaft bietet. Neben die Herzlbiographie von Friedmann-ist die Arbeit Kellners als notwendige und wertvolle Ergänzung getreten. Ostjüdische LiebÄlieder» Übertragungen jüdischer Volksdichtung von Ludwig Strauß. (Die Weltbücher Nr. 20/21.) Welt-Verlag,. Berlin. — Die Liebespoesie des Ostjuden ist nicht sonderlich ausgebildet, die frühen Heiraten sowie der bestimmende Einfluß der Eltern auf die Wahl des Gatten schränken die Möglichkeiten zu ihrer Entstehung von vornherein, stark ein. Aus dem Vorhandenen hat Strauß eine gute Auswahl getroffen, die in buchtechnisch hervorragender Weise herausgegeben worden ist. Über seine Übersetzungsprinzipien läßt sich streiten. Da es sich darum handelt, jüdisches Gut für deutsche Leser in deutscher Sprache wiederzugeben, hätte er wohl mit der deutschen Sprache als etwas gegebenem rechnen müssen, anstatt sie,' wie es oft geschieht, dem jüdischen Empfinden anzupassen. Hervert Fuchs-Robetin. Ein soziales Programm für Palästina. 1920. Welt-Verlag, Berlin.- — Auch dieses Büchlein dürfte zu den Utopien gehören, freilich weniger' zu den sozialen als zu den politischen, denn daß im jüdischen Palästina «rüdere Grundsätze als die von England gebilligten je zugelassen werden, ist schwer zu glauben. Immerhin sei anerkannt, daß der Verfasser einen verständigen Standpunkt einnimmt. Er verlangt Nationalisierung des Bodens und der Bodenschätze, Arbeitspflicht und Arbeitsarmee- Eliminierung des Warenhandels und .Verstaatlichung der Verkehrsmittel. Außerhalb dieses Rahmens bleibt die Privatwirtschaft bestehen. Das interessant und anregend geschriebene, gedankenreiche Büchlein wird man mit großem Nutzen lesen. AuS dem heiligen Buche Sohar des Rabbi Schimon veu Jochai. Eine Auswahl, zusammengestellt und übertragen von Jankew Seidmunm Im Welt-Verlag, Berlin. — Aus der Bibel der Kabbala, der älteren Mystik, gibt Seidmann einige charakteristische Stellen in schöner Übersetzung, Meauch dem Fernstehenden einen Begriff vom Geiste des Werkes geben werden. In dem geschichtlichen Rückblick hätte man getrost den Hinweis darauf, daß der Sohar seiner Behauptung gemäß im Altertum entstanden sei, fortlassen können. Die bisherige Meinung, daß der Sohar ein aus dem 13. Jahrhundert stammendes Werk des Mose de Leon, also in -gewissem Sinne eine literarische Mystifikation darstellt, ist entschieden besser begründet. L. SchaPiro, Die Stadt der Toten und andere Erzählungen. Aus dem Jüdischen übertragen von Siegfried Schmitz) Welt-Verlag, Berlin. — Die ersten beiden lÄzählungen, Me den Hauptteil des Buches ausmachen, behmdeln das Grauen des Pogroms.' In der „Stadt der- Toten" steigt er in der Erinnerung des unschuldigen Kindes auf, das an dieser Last zu Grunde geht. Im „Kreuz" wandelt er sein Opfer in eine Bestie, die in ungezügelter Wildheit seine Schrecken übertrumpft.. Beide Erzählungensind verschieden, die eine weich und zerfließend, hineingreifend in die Wunderwelt der . Geister und der Träume, die andere rauh und scharf, mit unbarmherziger Genauigkeit nackte Wahrheit schildernd! Und doch sind sie gleich in dem Weheruf .der sich ihnen entringt, der gellenden Klage-des gepeinigten Juden. Beide Stücke sind in ihrer Art Meisterwerke, Zeugnisse echten dichterischen Könnens. Bildung — und lei« Ende. Wünsche zum Mischen Bildungsproblem des Augenblicks insbesondere zur Volkshochschulfrage von Franz Rosenzweig. 1920. I. Kauffmann, Verlag, Frankfurt a. Main. — Das unserem Kbdr. Eduard Strauß gewidmete Büchlein stammt von Franz Rosenzweig, der sich um den Gedanken der jüdischen Akademie verdient gemacht hat, die freilich in anderer Form, als er es vorschlug, jetzt Wahrheit geworden ist. Etwas beeinflußt von der heute herrschenden romantischen Hinneigung zu dem ostjüdischen Menschen, der Jude durch die Tatsache seines Daseins ist, kritisiert er die. bestehenden jüdischen Richtungen des ' Westens. Was er aber zum Zwecke positiven Aufbaus slhaffen will, bleibt unklar. Wie man annehmen muß, dem Verfasser selber auch! Selbst auf die Gefahr hin, von ihm mitleidig verachtet zu werden, müssen wir seine Worte anwenden: „Wie vag, wie unbestimmt, wie nebelhaft!" Man legt das Büchlein freilich mit der tröstlichen Hoffnung aus der Hand, daß sein sonst so vielversprechender Autor bald selber bedauern wird, es geschrieben zu haben. " Max Brod. Sozialismus im Zionismus. R. Löwit, Verlag, 1920, Wien-Berlin. — Brod ist ein Dichter! Und des echten Dichters Zeichen ist es ja, daß er fernab von den Realitäten dieser Erde sich sein Rerch der Träume aufbaut. Unangenehm wird es nur, wenn er die konkreten Dinge dieser realen Welt seinem Dichterreicheeinverleibt. Das tut Brod. Er ist zum Zionismus gekommen: wie und weshalb sei hier nicht erörtert. Mer statt daß er sich der Idee unterwirft, macht er sie seinen sonstigen Lebensanschauungen dienstbar: Und so wird der Zionismus in dieser Veröffentlichung der Ehre gewürdigt, äußere Form für Brods soziale Forderungen zu werden. Er schwärmt für drei sozialistische Ideale, für Bodenreform, für die Popperschen Vorschläge der Garantierung des Lebensminimums als Äquivalent für den Dienst in