KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 6-8 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- Seite 75 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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viel mehr wiegen als 5 Brote wogen, der Rest kann nicht schwerer sein als das Ganze im Anfang war, und also ist das neue Testament eine einzige große Täuschung? Aber freilich, hier handelt es sich ja um das alte Testament, und es wird von Juden erzählt, und da muß alles aufs Wort stimmen. Eigentlich sollte man sich darüber freuen, wenn Delitzsch es so streng mit den Juden nimmt, denn das heißt, jedem darf man eine.Ungenauigkeit verzeihen, von einem Juden aber wird anderes erwartet, und so aufgefaßt, akzeptieren wir die Schärfe des Jnsgerichtgehens gern. Es ist üicht die Ungenauigkeit allein, die Delitzsch der Bibel zum Vorwurf macht. Schlimmeres kommt. Man höre: Gott hat seine Verheißung nicht erfüllt. Er hat Kanaan den Juden versprochen gehabt, und diese Verheißung ist nicht eingetroffen. Die Juden haben Kanaan nicht völlig in Besitz genommen, die alten Kanaaniter sind großenteils wohnen geblieben, und ihre nationale Selbstärrdigkeit büßten sie nicht ein. Zwischen Verheißung und Erfüllung gähnt eine Kluft. Gott hat nach dem Selbstzeugnis der Bibel sein Wort nicht eingelöst, und also ist die Bibel eine große Täuschung. Seltsamer Schluß: Ein anderer hätte vielleicht folgendermaßen geurteilt: Wie können wir wissen, warum. Gott, dessen Walten für uns ewig undurchdringliches Geheimnis ist, den Israeliten keinen vollen Erfolg gegeben hat, und welche Erziehuwgsabsicht damit verknüpft war? Und hätte dann mit größerem Recht schließen können, wie göttlich, von welchem Wahrheitsgehalt ist die Bibel! Es ist nicht so gekommen, wie man sichs gedacht hat, daß man ganz Kanaan in Besitz bekam, und doch 'wird mit keinem Wort 'versucht, diese Tatsache zu verschleiern, bedingungslos wird sie anerkannt, in der Tat das beste Zeugnis für den göttlichen Geist in dem Bericht der Bibel. Menschengeist hätte, um Gottes Ehre zu retten, den Ereignissen Gewalt angetan und die Geschichte so dargestellt, wie es in den eigenen Kram gepaßt hätte. Nicht bloß der Erzählungen halber ist die Bibel eine große Täuschung, sagt Delitzsch, sondern auch um ihrer Gesetze willen; sie tretenauf als erhabenste, einzigartige Offenbarung, und dabei ist ähnliches schon im Gesetzbuch des Hamurabbi enthalten, und überhaupt, es ist so vieles in ihr, was ganz und gar unsittlich ist. Z. B. erzählt Delitzsch, ist die Stellung der FraU so entsetzlich niedrig. Beweis: Die Ehescheidung ist zu leicht, und sich von seiner Frau nicht scheiden zu können, gilt als schlimmste Strafe für den Mann. Es heißt nämlich: „wenn jemand ein jungfräuliches Mädchen, das nicht verlobt ist, findet und es greift, und ihm beiwohnet und sie gefunden werden, so soll der Mann, der ihm beigewohnt, dem Vater des Mädchens 50 Schekel Silber geben, und sie soll seine Frau werden. Dafür, daß er sie genotzüchtigt, kann er sie zeitlebens nicht entlassen" (5. B M. 22,28). Und daraus folgert Delitzsch, daß den alten Israeliten Unfähigkeit, sich scheiden zu lassen, als die schlimmste Strafe galt. Merkwürdig! Ein gerade und unvoreingenommener denkender Mann hätte wohl so geschlossen: „Welchen Respekt hatte der alte Jsraelite vor der Hoheit des Weibes! wer ihrer Ehre zu nahe trat, büßte in der Ehe jedes Recht ein, das sonst dem Manne gegen seine Frau zustand. Selbst, wenn sie in Unsittlichkeit fiel, er konnte sich Nicht von ihr trennen, denn vielleicht war es 'seine 'Gewalttat, die das Blut ihr vergiftete und die sündige Begier in ihr erregt hatte." Wenn aber ein. Mensch einmal von einer Idee besessen ist, dann wird er blind und sieht nichts. So gehts Delitzsch, er ist von der Idee besessen, daß der Jude keinen Begriff von der Hoheit der, Frau hat, und nun biegt er alles um und preßt es sv lange, bis es dazu paßt. Es gilt z. B. als einhoher Ruhmestitel Israels, daß in ihm der Glaube an eine Göttin neben einem Gott nie Platz griff, und in Wahrheit das ist ein Ruhm, denn mit den Göttinnen kam in das Denken und Handeln der Menschen viel Unzucht und Sittenlosigkeit. Nein, dekretiert mit souveräner Geste Delitzsch, die Juden haben deshalb keine Göttin sich denken können, weil das Weib bei ihnen eine zu niedrige Stellung hatte. Da waren die alten Babylonier andere Kerle, die schätzten das Weib so hoch, „daß sie die Gestalt der segenspendenden Jschtar schufen, die dann im Laufe der Zeit als Astarte in Kanaan heimisch ward", und deren Dienst, so ergänzen wir, darin bestand, daß Frauen und Jungfrauen zur Ehre der Göttin ihre Weibesehre an bestimmten Tagen an jeden Beliebigen fortschenkten. So sieht die Wirkung der Schöpfung der Astarte aus, die nach Delitzsch das A eichen der Anschauung von der Vollwertigkeit des Weibes und seiner Gleichberechtigung mit dem Manne ist. Und ' dann der berühmte Kodex . Hamurabbi! Delitzsch läßt sich die Mühe nicht verdrießen und in einem Anhang — man kann für ihn nur dankbar sein, denn es gibt keine bessere Widerlegung des Buches, als diese Zusammenstellung ältisraelitischer Gesetze — druckt er neben den wichtigsten. Gesetzen der Bibel entsprechende Kapitel aus.Hamurabbi ab> damit jeder sehe und vergleiche. Wir sehen und vergleichen und finden z. B. folgendes Gesetz: „Wenn jemand eine freie Frau schlägt und ihrer Leibesfrucht beraubt . ... . ., wenn jene Frau stirbt, so soll man seine Tochter töten." Und es gibt Menschen, die auch nur wagen, ein Gesetzbuch mit solch einer entsetzlichen Bestimmung mit der Bibel zu vergleichen und mit ihr in einem Atemzug zu nennen? Oder wir finden folgendes Gesetz: „Wenn jemand seine Tochter erkennt, so soll man jenen Menschen aus der Ortschaft jagen". Für ein Volk, das „in der Bewertung der Frau umsoviel höher steht als Israel", eine reichlich Milde Strafe. In die Babylonier ist Delitzch überhaupt verliebt. Im babylonischen Gesetzbuch steht nichts über Meineid; was folgert er daraus? Daß den Babyloniern der Eid so sakrosankt war, daß nicht einmal des Meineids. Erwähnung getan ist. Hätte in der Bibel nichts davon gestanden, ob Delitzsch ajuch so geurteilt hätte? Dann hätte sicher der Schluß so gelautet: Diese Juden, es steht nicht einmal ein Wort über die Sünde des Meineids, er scheint also bei ihnen gar nicht als Sünde gegolten zu Haben, und dieses Volk soll eine Weltmission haben? Die größte Täuschung aber, versichert Delitzsch, ist, daß man der Welt wpis machen Will, der Gott, den wir verehren, sei der Gott der Bibel. ' Gar nicht wahr, der Gott der Bibel ist ein Stammesgott, ein eitler, selbstgefälliger, grausamer Fratz, ein Götze schlimmster Art. An dieser Täuschung, sagt' Delitzsch, ist das Christentum mit schuld, das den Propheten ohne Grund Hoheit und Weite des Denkens zuschrieb und sich als das „geistige Israel" bekannte. In Wahrheit aber habe Christentum und Judentum gär nichts miteinander gemein, innerlich bestehen keinerlei Verbindung. Gemach! Ein gewisser Friedrich Delitzsch hielt im 'Dezember 1914 einen Vortrag über die Psalmen; in dem sprach er davon, daß die jüdischen Psalmen auch das Gebetbuch der Kirche wurden. Uüd fährt fort: „Mit Recht insofern das Christentum seinem Ursprung nach mit dem Judentum engst verwachsen ist und sich die Christenheit als das geistige Israel auch ihrerseits zu dem Gott bekennt, wie ihn die