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KC-Blätter · 1920-06-01 · Heft 6-8 (Juni 1920) · p. Seite 74

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Journal
KC-Blätter
Volume
1920
Issue
Heft 6-8 (Juni 1920)
Date
1920-06-01
Page
Seite 74 (sequence 16)
Language
German
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74 schuß zu der ungeheuerlichen Feststellung, daß unter den Begriff des Ausländsdeutschen nur Arier fallen! Das würde, falls die Regierung sich diese These zu eigen macht, Ledeuten, daß etwa ein deutscher Jude aus Posen Hei der Zulassung wie irgend ein Ausländer behandelt würde! Verhandlungen wie die des Ausländerausschusses, dessen Richtlinien übrigens dom Plenum vu dloo angenommen wurden, oder wie die zur Osterreicherfrage mochten einen tief niederziehenden Eindruck machen — trotzdem blieb der Gesämteindruck des Tages ein starker und, auch wenn wir ganz die sachlichen Referate und. Debatten außer acht lassen und nur die Stellung des Tages zur „Judenfrage" beachten, letzten Endes ein guter. Gerade weil die völlig Überwiegende Mehrheit des Studententages antisemitisch gesinnt war, und gerade weil unter dieser Mehrheit sehr viele waren, die sich sicher nur von ihren eingewurzelten Vorurteilen leiten ließen, ist es erfreulich, daß die geistige Führung (dort Lei der Gruppe derer lag, die, mögen sie auch überzeugte Antisemiten oder Anhänger der völkischen Bewegung sein, doch immer das sachliche Moment voranstellten und darum nie den Standpunkt des Rechts verließen. Überhaupt ist festzustellen, daß der Rädauantisemitismus, der, mag er sich auch ein vaterländisches oder völkisches Mäntelchen umhängen, doch nur um seiner selbst willen besteht, im Abflauen begriffen ist (wenn wir von Österreich absehen) und sowohl von Seiten gewisser Korporationsstudenten aus korporativen Rücksichten wie auch von den vernünftigen .und sachlichen Elementen der völkischen Bewegung isoliert wird. Andererseits kann aber nicht geleugnet werden, daß die völkische Bewegung erstarkt, vielleicht gerade dadurch, daß sie sich vom Radauantisemitismus-abwendet, den ^Iiechtsstandpunkt anerkennt und daß sich die in ihr vorhandenen geistigen Führer mit positivem Programme stärker hervortreten. Wenn wir diös als Ergebnis des Göttinger Tages festhalten, so bleibt die Frage, die eine genaue ^Untersuchung wert ist, ob diese Entwicklung der völkischen Bewegung nicht auch für uns ihr Gutes -hat. Denn in denl Maße, in dem sich diese nach.innen wendet.und das Moment der persönlichen Gehässigkeit verliert, wird unser Kainpf mit ihr zwar nicht Nachlassen, aber er wird vielleicht das erhalten, was ihm bis jetzt fehlte: die gleiche Grundlage, er wird zum Kampfe »zweier in sich gleichberechtigter Erziehungsideale, in dem kein Gegner dein anderen seine Würde und sein Recht bestreitet. Franz Ludwig Fuchs (Bav. Sprev.) „Me große räusckung." . Unter diesem Titel veröffentlicht Friedrich Delitzsch eilt neues in seiner bekannten temperamentvollen Art geschriebenes Buch; Und daß wirs nur gleich sagen: selten hat es für em Buch einen so richtigen Titel gegeben, allerdings in anderem Sinne, als Delitzsch es selber meint. Denn es ist im Ganzen von A bis Z eine große, Täuschung, eine Selbsttäuschung größten Stiles. Es' tritt auf den Plan mit dem Willen, Wahrheit zu künden, und gibt doch nur eine Verzerrung, es will geschrieben sein ßineiraet Btudio und ist doch eine leidenschaftliche Kampfschrift cumiraet studio, es will den Splitter im Auge des anderen aufzeigen, aber der Balken im Auge des Verfassers ist so groß, daß sein Blick verdunkelt bleibt. Worin gipfelt die Schrift? Sie soll nach dem Willen des Autors Anden, daß das, was man altes -1) Deutsche Verlags-Anstalt. Testament nennt und was bislang auch dem Christentum als heilige Schrift galt, so unheilig ist, daß sein Anspruch, heilige Verkündigung zu sein, als Täuschung ausgegeben-werden muß, daß es eine Täuschung ist, in dem Gott, den die Bibel prärigt, den Gott zu erblicken, den Europas Kultur(??)-Menschheit verehrt, den^Gott der Welt, den liebenden Vater aller Menschen, daß den Propheten nicht die Verehrung zukommt, mit der sie. seit Jahrhunderten von den Christen bedacht und gepriesen werden, daß die berühmte sinaitische Offenbarung Dinge enthalte, die längst vorher im Gesetzbuch Hammurabis und überhaupt bei den Babyloniern viel besser gesagt und geübt waren. An solchen Behäuvtungen kann man nicht einfach vorübergehen, schade nur daß man an diesem Ort nicht so genau sein kann, wie es notwendig wäre, denn das Buch wimmelt von Schiefheiten und Jrrtümern, und nur ein Keiner Teil kann hier aufgezeigt werden. Wie sucht Delitzsch seine Behauptungen zu erweisen? Sein erstes Argument ist, daß der biblische Bericht über die Einwanderung in Kanaan eine Reihe von Unstimmigkeiten an sich trage, die seine Glaubwürdigkeit aufheben; wenn aber in Wahrheit dieser Bericht Zeugnis von Gott ablegen soll, Offenbarung Gottes sei, dann seien solche Unstimmigkeiten nicht ertragbar, und existieren sie, dann ..... dann ist eben alles Täuschung. Als Urtyp dieser Unstimmigkeiten führt er die Geschichte von der Eroberung Jerichos an. Da wird in der Bibel erzählt, sie habe sich fo zugetragen, daß die Israeliten in 6 Tagen die Mauern der Stadt je einmal umkreisten, am siebenten Tage seien sie siebenmal um die Mauern gezogen, und nachdem sie siebenmal in die Posaunen stießen, seien die Mauern von selbst eingefallen; und solch ein unglaubliches Wunder, sagt Delitzsch, gibt sich nun als heilige Geschichte aus. Genau und gründlich macht er eine Rechnung auf, daß nach diesem Bericht der Vorbeizug Israels mehr als 100 Stunden hätte dauern müssen und gar nicht an einem Tage erledigt werden konnte. Und also ist das alles Lüge und das alte Testament Täuschung. Großartige Entdeckung! Aber hat denn Delitzsch nie etwas davon begriffen, daß die Bibel nur gewertet werden kann nach dem Inhalt und Ziel der Darstellung und nicht nach den wunderhaften Einzelheiten? Inhalt und Ziel der Darstellung an dieser Stelle ist die Lehre, daß Israel, daß kein Volk seine Taten aus eigener Kraft vollführt, daß alle Geschichte Werk Gottes ist, daß kein Volk auf seine sogenannten Erfolge stolz sein dürfe. In diesem Ziel liegt , die Heiligkeit der Darstellung, das, was das Buch über Geschichtsdarstellung hinaushebt. Aber bei Delitzsch ist's so. Er war einstens gläubig im Sinne eines starren Buchstabenglaubens. Der Buchstabenglaube ist ihm-verloren gegangen, und damit stürzt seine Welt zusammen. Bibel wort und Religion sind ihm im Grunde identisch geblieben, einstens galt ihm das Wort Wahrheit, da stand sein Glaube an des Buches Heiligkeit fest, nun ist das Wort ihm erschüttert, und der Erlaube an des Buches Heiligkeit entgleitet ihm. Aber längst haben wir begriffen, daß die Bibel kein Geschichtsbuchist, daß sie Gesinnung und Lehre pflanzen will, daß sie Geschichte erzählt nach den Anschauungen und Begriffen der Zeit ihres Werdens, und daß der Geist, der in ihr waltet, das Entscheidende und Göttliche ist. Was würde Delitzsch z. B. sagen, wenn man eine Wundererzählung des neuen Testaments nähme, etwa die Erzählung, wie Jesus mit 5 Broten 5000 Mann speiste. Und dann sagte, diese Erzählung kann nicht wahr sein, denn 12 Körbe voll Brocken müssen ja

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