KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 6-8 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- Seite 73 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutsch-Österreichern, die sich zusammen mit den Bayern stets als die echtesten und-unentwegtesten Verfechter des völkischen Gedankens aufspielten und Lei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten antisemitische. Vorstöße machten, war in Dresden die Möglichkeit .der Sonderregelung in der Zusammensetzung ihrer (deutschen) Studentenschaften zugebilligt worden. Eine damals von mir abgegebene formelle Erklärung, daß wir von ihnen erwarteten, daß sie diese Sonderregelung nicht zu einseitigen Maßnahmen gegen die österr. iüd- Studenten benutzten, war von ihnen zur Kenntnis genommen worden, hatte sie aber natürlich nicht gehindert, alle Nichtarier, d. h. alle diejenigen, die nicht Mitglieder ihrer völkischen Verbindungen und Kreise sind, also alle Jüdischen und in den nationalfreiheitlichen (Paritätischen) Verbindungen organisierten Studenten vom aktiven und passiven Wahlrecht zum Asta auszuschließen. Eine Schilderung dieser ungeheuerlichen, allem Rechtsempfinden Hohn sprechenden Verhältnisse erhielt der Studententas-aus dem Munde eines als Gast erschienenen nationalfreiheitlichen Korporationsstudenten. Die deutsch-österreichische Frage mußte gelöst werden, diese Zustände durften nicht bestehen 'bleiben, zumal die Deutsch-Österreicher selbst keine Gelegenheit vorübergehrn ließen, den deutschen Studenten ihre Regelung als die auch für das Reich einzig richtige anzusprechen. Bei diesem Problem zeigte sich der ganze unglückliche Antagonismus in der Zusammensetzung der deutschen Studentenschaft; im Reich beruhend' auf der Staatsangehörigkeit, außerhalb des Reiches auf der Sprachengemeinschaft und dem rassisch-völkisch gedeuteten unklaren Begriff der Abstammung; im Reich hat man rechtlich-bestimmte Ziele,. darüber hinaus will man — an sich völlig zu billigen — eine deutsche studentische Kulturgemeinschast schaffen, doch nicht unter Heranziehung aller wahrhaft deutschbewußter Kulturelemente, sondern auf „arischer" Grundlage, frob paß man hier, außerhalb des Reichs, ohne Rücksicht auf rechtliche Fragen, völkischen Bestrebungen die Zügel schießen lassen kann. Hier wären zwei Lösungen möglich: entweder Schaffung einer klein(reichs)deutschen Studentenschaft, ein Weg, der gerade für uns deutsche Juden unmöglich ist, da auch wir auf den Anschluß Deutschösterreichs hinarbeiten wollen, mag der Antisemitismus seiner Studenten noch so stark sein; oder Gleichberechtigung aller österreichischer Studierender in der deutschen Studentenschaft, die sich zum deutschen Volkstumx) bekennen, seien es Arier oder Juden; denn es ist für uns Reichsdeutsche ein unhaltbarer Zustand, daß die Regelung unserer rechtlichen und sonstigen Verhältnisse bestimmend mit getroffen wird von einer Gruppe, die, wie der Gesandte Hartmann telegraphierte, keine Vertretung der d.-österreichischen Studenten ist und die nach einem völlig widerrechtlichen Wahlrecht gewählt wird, zumal der Studententag seinerseits auf die rechtliche Stellung der Studenten in Österreich gar keinen Einfluß hat, ganz abgesehen davon, daß es uns deutschen Juden im besonderen die Würde verbieten muß, einer Entrechtung unserer Kommilitionen in Deutsch- Österr. ruhig zuzusehen. Der Studententag "hat diese allein mögliche Lösung iabgelehnt; er hat beschlossen, Hur endgültigen Klärung der Lage eine Studienkommisfton nach Österreich zu senden. Bis dahin soll es aber so gut x) Das bedeutet allerdings für Österreich den Ausschluß derer aus der Deutschen Studentenschaft, die als ihre Nationalität „Jüdisch" angeben (wiees in Ö. möglich ist); das entspricht;a dem Wesen der Studentenschaft wie oben geschildert.^Da diese aber rechtliche Bedeutung nur im Reich hat, bedeutet das natürlich keine Entrechtung. wie beim- Alten bleiben; die reichsdeutschen „Nicht-, Arier" dürfen in O. nur in Sonderausschüssen wählen, wenn sie auch der Deutschen Studentenschaft weiter 'angehören. Die österreichischen „Nichtarier" aber erhalten aktives und passives Wahlrecht nur nach, Belieben der „arischen" Ausschüsse. *) Das war, so unglaublich es klingt, das Ergebnis langer, äußerst erregter Debatten. Über die praktische Ausführung zerbrach man sich nicht den-Kopf. Daß dieses Ergebnis auch als vorläufiges uns'unannehmbar ist und daß uns nur das Bewußtsein »unserer Aufgaben in der reichsdeutschen Studentenschaft und unser Wille, am Aufbau der großdeutschen Studentenschaft auf der wahren Grundlage des Rechts mitzuarberten, aus dem Studententage festhalte, dieser Stellungnahme gab ich in einer offiziellen Erklärung Ausdrück. Wie die österreichische Frage, so wurde auch die Ausländerfrage ganz vom Rassestandpunkt aus behandelt. Hier geht es nicht -um die Zulassung zur Studentenschaft, sondern um die der Zulassung von Ausländern zum Studium, auf die die Studentenschaft einen erhöhten Einfluß gewinnen will. So berechtigt dieses Streben ist, so unerfreuliche Ergebnisse kann die Mitarbeit der Studentenschaft ,in dieser Frage habenwenn sie nach lden in Göttittgen vom Ausländerausschuß und Studententage angenommenen Richtlinien erfolgt. Man gab in Göttingen den bis dahin beobachteten Standpunkt des möglichsten Abschlusses gegen Ausländer auf, besonders wohl wegen des starken Widerspruchs, den diese Politik überall hervorgerufen hatte, und erfaßte die Richtlinien im Sinne einer sogenannten Auslands-Kulturpolitik, die bestrebt ist, die deutsche Kultur durch möglichst weite Zulassung von Ausländern zu fördern. Ein schönes und wahres Ideal. Nur muß man ihm um seiner selbst willen folgen und darf es nicht von rassischen Ideologien abhängig machen; dann wird es zum Deckmantel jeder Willkür. Eine wahre akttve Auslandspolitik hätte neben dem selbstverständlichen Schuh des Äuslandsdeutschtums gerade Kulturbeziehungen zu den Ländern schaffen müssen, die überhaupt, noch kulturempfänglich sind und dann auch ihrerseits innere Beziehungen zur deutschen Kultur haben, hätte also gerahe eine gewisse Fühlungnahme mit dem Osten verlangt, in dem z. %. beide Voraussetzungen vorhanden sind. Statt dessen stellte der Ausländenausschuß eine nach rassischen Gesichtspunkten zusammengestellte Kategorie von „bevorzugten Ausländern" auf (Germanen und im weiteren Sinne Ariern (!), ohne Rücksicht auf die politische Stellung dieser Völker zu uns); andererseits erklärte man, einen möglichst scharfen Abschluß gegen den Osten, das bedeutet ie veia fast nur gegen die Ostjuden, da die Polen nach dem Friedensvertrag nicht benachteiligt werden dürfen. Alle Vorstellungen waren hier vergeblich, vergeblich auch die zahlenmäßig nachgewiesene Feststellung, daß von einer auch nur einigermaßen starken Anzahl von Ostjuden an deutschen Universitäten nicht die Rede sein kann. Die Debatte hinterließ den unerfreulichen Eindruck, daß die Stellungnahme weiter Kreise der Studentenschaft zur Ausländerfrage trotz der schönen Worte von Kulturpolitik doch Noch Zimmer von blindem Rassenhaß geleitet wird. Noch immer wird bei der Ausländerfrage auch die Stellung der deutschen Juden in die Debatte gezogen; man bedauert es, daß man an die Frage nicht recht heran kann, weil die Juden „nun /mal Staatsangehörige sind". Aber sie sind auch nur Staatsangehörige; so kam man im Aüs- *) „Um diesen den Kampf gegen die Gefahren des Ostens nicht zu erschweren" lautete das ständige Argument.