KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 6-8 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- Seite 71 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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positives R. C.ertum. Führt man heute als K. Cer Debatten mit Außenstehenden über jüdische Tagesfragen und die Bestrebungen der Verschiedenen jüdischen Organisationen, so, begegnet einen: stets und in immer neuen Variationen der Vorwurf: „Euch fehlt das Positive, mit Eurer negativen Kampftendenz lockt Ihr keinen Hund hinterm Ofen hervor, werdet Ihr nie die Jugend dauernd an Euch zu einer großen Bewegung fesseln." Die Häufigkeit und Hartnäckigkeit, mit der man uns diese Behauptung immer und immer wieder auftischt, müßte eigentlich einem jeden von uns Anlaß geben, sich die positive Seite unserr Tendenz so vor Augen zu führen und zu eigen zu machen, daß er stets ein lebender Gegenbeweis für diesen Vorwurf wäre. Dies ist leider bei weitem noch nicht in dem erwünschten Maße der Fall, und so sollen diese Zeilen einen kurzen Versuch bilden zu zeigen, inwieweit nach Ansicht des Verfassers jedem K. C. er seine Anschauung den jüdischen Lebensinhalt ausmachen kann, ebensogut wie jedem Nationaljuden die seine. Wenn unser Tendenzparagraph die Erziehung unserer Mitglieder zu selbstbewußten Juden fordert, so rst damit nicht nur die Heranbildung eines Geschlechtes tüchtiger Trotzjuden verlangt, die ihre politischen Forderungen mit dem nötigen Nachdruck zu vertreten imstande sind, sondern auch die Heranbildung zur Erfassung innerer Werte, die die geistige Grundlage zum begeisterten, von echter Überzeugung getragenen Kampfe nach außen sirü). Dazu gehört es, seine intellektuellen und augemein gefühlsmäßigen Anregungen zu schöpfen aus dem Borne deutscher Kultur, seine ethische und religiöse Lebensrichtung aber zu bestimmen nach unserem Judentum, unserem Festhalten an seiner Ethik und seiner Kulturmission, deren Erfüllung zugleich die Erfüllung höchster Menschheitsidee in sich birgt. Diese Schlagworte in die Welt zu setzen ist an und für sich nicht schwer, und es wäre jedem eine Kleinigkeit mit diesem Paradefeuerwerk einen positiv orientierten K. C. er darzustellen. Es stecken ledoch hinter diesen Worten Werte, die schon einige Arbeit verlangen, Arbeit an sich selbst, sollen sie anders richtig erkannt werden. Will man von sich sagen dürfen, man schöpfe seine ethischen Anschauungen aus dem Judentum, so ist die erste Grundbedingung, daß man von rnnen heraus, d. h. in seiner Weltanschauung, Idealist und Optimist ist. Es läßt sich hier vielleicht einwenden, dies seien keine ethischen Postulate, und doch beeinflussen diese beiden Faktoren wie die Ethik des Judentums so auch die ethische Stellungnahme des Einzelnen und geben ihr je nach Vorhandensein ihr Kolorit. Im Gegensatz zu anderen pessimistisch orientierten Religionen vertröstet das Judentum die Menschheit mit einer Besserung des Erdendaseins nicht auf das Jenseits nach dem Tode, sondern vertritt die Ansicht, daß durch Bemühen und durch Streben der Menschen nach sittlich hochstehendem Handeln und Denken mit der messianischen Zeit hier auf Erden Tage der Besserung einziehen werden. 'Diese Anschauung 'ist durchaus optimistisch und idealistisch, ist doch ihr Grundtonder Glaube an eine fortschreitende Entwicklung nach oben, der feste Wille das Ziel mit Hilfe der sittlichen Kraft im Menschen zu erreichen. Auf ihr fußen nun die vielen Sittengesetze, die dem Streben nach Vervollkommnung die Richtschnur geben und von uns im besten Sinne sozial genannt werden können. Hieraus ergibt sich zu den beiden genannten Faktoren noch ein dritter:. Sozialismus. Dieses vielgebrauchte, oft mißbrauchte Wort erheischt eine Erklärung. Ist mit den Tagen der messianischen Zeit die Sendung unsrer Gemeinschaft erfüllt, so ist für die Menschheit ein Zustand eingetreten, der das, was wir soziale Bestrebungen nennen, überflüssig macht. Wollen wir die Messiasidee alles symbolischen Beiwerks entkleiden und sie in ihrer für uns wichtigsten Bedeutung ausdrücken, so können wir ihre Erfüllungsepoche etwa schildern als eine Zeit, in der die Menschheit eine höchstmögliche ^kulturelle und ethische Vervollkommnung erreicht hat, deren Rückwirkungen auf das Wirtschaftsleben sich dann als das darstellen, was sich Erfüllung des Sozialismus im besten Sinne des Wortes — nicht etwa nach dem Wollen kurzsichtiger Tagespolitik — nennen ließe. Wenn einmal diese Anschauungen sich in Religionsgesetzen auswirken, wenn eine Gruppe von Menschen sich damit zu ihnen verbindlich bekennt, dann hat sie sich hiermit zum Glauben an die Menschheit oder besser gesagt zum Glauben an die Kraft zum Guten im Menschen bekannt. Das Judentum hat die Sendung als Träger dieser Idee durch die Zeiten zu gehen. Und wem diese Idee nicht Utopie sondern ein Stück warmen. Pulsierenden Lebens bedeutet, wem . ihre Erfüllung höchstes Ideal ist. der schöpft seine ethischen Grundanschauungen aus jüdischer Ethik. Unabhängig vom Judentum hat Christian Morgenstern diese Gedankengänge in einem Aphorismus zusammengefaßt, der sich in seinen „Stufen" unter In me ipsum, 1891 findet: „Nicht im lärmenden Kampf der Tage, auch nicht im Sturme einer großen Zeit, aber nach Jahrtausenden ewig fortwirkenden Webens, dann werden die Menschen gut werden. O, wer diesen Glauben, der mir Gewißheit ist, in allen Augenblicken seines Strebens im Herzen lebendig fühlte, er würde glücklich sein." Wer aus dieser Erkenntnis, aus diesem Glauben für sich die Forderung entnimmt, in seinem kleinen Areis durch sein Denken und Handeln sein Scherflein beizutragen zum Fortschritt auf' dem Wege zur VervoUkommnung, zur messianischen Zeit, der ist ein bewußter Jude und hat damit das Positive unsrer Tendenz erfaßt und in sich ausgewirkt. — Der Weg zu dieser Anschauung wird je nach der sonstigen religiösen Stellung der Einzelnen verschieden sein. Der Strenggläubige löst sich in gewissem Sinne vom Buchstabenglauben, wenn er in der Verheißung des Messias gleichzeitig die Verheißung des Zieles aller Menschheitsentwicklung sieht. Der religiös Liberale sieht in dieser Anschauung einen Teil seiner eigenen, religiösen Überzeugung. Er hat den Glauben an den persönlichen Gott und alle anderen Grundglaubenssätze seiner Religion beibehalten, hat sich aber dennoch soweit vom Glauben an das geschriebene Wort gelöst, daß er Symbolisches symbolisch nimmt und wertet. So bleibt uns noch der Trotzjude, oder mit einer contradiotio in adjecto gesagt, der jüdische Atheist zu betrachten. Selbstverständlich kommt hierbei kein Atheismus in Frage, der einfach einen Ausfluß von Mangel an Denken und von Interesselosigkeit bedeutet, ein Atheismus, der gar keiner ist, da er Religionen leugnet, die er Überhaupt nicht kennt, und die kennen zu lernen er sich nie bemüht hat, sondern nur der auf wirklichem, ernsthaftem Denken beruhende Atheismus. Es handelt sich also um die Anschauung, die das Bestehen eines Gottes leugnet und somit irreligiös ist. Teilen wir sie ein nach dem Fehlen oder Vorhandensein der das Ethos blldenden beiden Faktoren Optimismus und Idealismus, so ergeben sich zwei Richtungen, die man etwa die pessimistisch-resignierende und die optimistischidealistische Anschauungsart nennen könnte. Erstere enthält allerdings eine unbedingte Ablehnung alles dessen, was jüdisch-ethisch ist, letztere aber läßt sich, da sie dieselben Vorbedingungen besitzt, vereinen und