KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 6-8 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- Seite 70 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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einem spontanen Gefühl der Verurteilung heraus, sondern erst auf eine Anregung unsererseits bei dem damaligen Herrn Rektor, dessen beigefügte Antwort einen Hinweis des Asta auf Unterlassung der von uns gerügten Übelstände für genügend erachtete. .- Angriffe gegen die Ehre sind schlimmer als körperliche: so gibt es für die . jüdische Studentenschaft eine geistige Notwehr, und sie must es ablehnen, jemandem, sei er Jude oder Nichtjude, der in diesem Kampfe zu ihr hält, mit einer Desavouierung zwecks Aufrechterhaltung einer tatsächlich doch nicht mehr vorhandenen Einigkeit der Studentenschaft in den Rücken zu fallen. Auch wir bedauern, daß der von Ew. Magnifizenz beklagte Bruch des studentischen Gemeinschaftsgefühls eingetreten ist. Aber weder, wir noch der, der mit der Veröffentlichung der Bilder die Unflätigkeiten aus dem schützenden Dunkel eines Abortraumes herausgeholt und der öffentlichen Beurteilung zugänglich gemacht hat, verschulden diesen Bruch, sondern unseres ^achtens haben sich diejenigen, die selbst die Klosettwand für das geeignete Püblikationsorgan ihrer gerstigen Erzeugnisse ansehen, damit außerhalb der Gemeinschaft der Gebildeten überhaupt, der akademischen Bürger im ganz besonderen gestellt. Die unterfertigten Korporationen müßten es als einen Akt der Selbsterniedrigung ansehen, wenn sie in dem bisher einzigen Falle, in dem die Gegenseite die Konsequenzen ihrer Handlungsweise zu spüren bekommt und daraus lernen könnte, daß der uns zugedachte Schmutz einzig und allein auf seine Urheber zurückfällt, eine dies bedauernde Erklärung abgeben würden. Feindschaft und Gehässigkeit seitens der anderen haben uns in die Kampfstellung gebracht, eine jüw Betonung unserer friedlichen Gesinnung würde uns nur neue Beschimpfungen, den Vorwurf der Würdelosigkeit' und Feigheit einbringen." Man bedauerte gewiß, den persönlichen Wunsch des derzeitigen Rektors, der sich selber völlig korrekt benommen hatte, nicht erfüllen zu können, denn er erklärte, daß er zwar deutschnationaler Gesinnung sei, aber daß er persönlich alle diese Vorgänge auf das Schärfste mißbillige. Im Wahlkampf hat er dann auch tatsächlich beleidigende antisemitische Wahlaufrufe entfernen lassen. In allgemeiner Studentenversammlung vom 15. Juli wurde ein Antrag eingebracht, jüdische Studenten nach dem Beispiel in Hannover von der zu bildenden Studentenschaft auszuschließen. Alle jüdischen Studenten, die K. C. er, die Zionisten und die Freistudenten griffen energisch ein und konnten auch hier den Erfolg verzeichnen/ daß der Rektor diesen gegen die Reichsverfassung verstoßenden unsinnigen Beschluß mißbilligte und auch den Vorsitzenden des Studentenausschusses davon überzeugte, daß ein solcher Antrag nichts wäre wie eine törichte Demonstration. Ein Kommentar zu diesen Vorgängen ist überflüssig! Man wird oder ein Bild davon bekommen haben, welch schweren Kampf unsere wackere Hansea auszufechten hat, und daß ihr eine tatkräftige Unterstützung der Kartellbrüder vonnöten ist. Erfahrrrngen mit dem Anttsemitismirs. Der Hauptgeschüftsführer der Deutschnationalen Volkspartei Landtagsabgeordneter Walter Gräf schreibt in dem von der Hauptgeschäftsstelle herausgegebenen Blatte „Unsere Partei" in einer Wahlbetrachtung über die Erfahrungen, die mit einem krassen Antisemitismus gemacht wurden: „Alle Einseitigkeit ist vom Übel. Versagt hat die übertreibende Bttonung des Antisemitismus. Sie hat nur in ganz wenigen Gebieten Erfolg gehabt. In Hessen-Nassau, der alten Domäne antisemitischer Gedanken, versprachen sich unsere Freunde viel davon, daß die Deutsche Volkspartei in diesem Wahlkreis Riester kandidieren ließ, der angeblich als Jude die Stimmen der dortigen Bevölkerung nicht erhalten, werde. Erfolg? Me Deutsche Volkspartei brachte ihren dritten Kandidaten glatt durch, während der unsere nur mit Hilfe der Reststimmen aus Hessen- Darmstadt siegte. In Groß-Berlin brachten wir es mit Ach und Krach auf 4, die Deutsche Volkspartei glatt auf 5 Sitze. In den westlichen Vororten haben dort die Gebildeten diesmal zu Tausenden die Deutsche Volkspartei gewählt, während sie 1919 für uns eintraten; wir haben dort vielfach einen erheblichen Stimmenrückgang gegenüber dem vorigen Jahr gehabt. Grund? Nicht nur die Fälle Kardorff und Gierke, sondern fraglos auch die nicht immer glücklichen Agitationsmethoden antisemitischer Färbung. Der Antisemitismus hat eine schwache Stelle: den. Mangel an praktischen Lösungsmöglichkeiten. Abgesehen von der Abwehr des Zustroms der Ostiuden liegen positive Lösungsmöglichkeiten für die Juoenfrage vor im Ausbau des Genossenschaftswesens zwecks Eindämmung des jüdischen Zwischenhandels und in der Stärkung des nationalen Instinkts der Deutschen. Gesetztechnisch ist sehr wenig auszurichten. Dafür hat man im Volke ein feines Verständnis, und deshalb hat der Versammlungserfolg antisemitischer Tönungen keine nachhaltige Wirkung. Vor allem ist die vielfach begangene Einseitigkeit schädlich, alle politischen und sozialen Mißstände auf die Juden zurückführen zu wollen. Wir müssen, uns von solchen Einseitigkeiten freihalten, so sehr wir auch im übrigen, und in den Parlamenten noch nachdrücklicher als bisher, die Vorherrschaft des Judentums in Regierung und Öffentlichkeit bekämpfen müssen. In der Forin abstoßende Agitationsmittel müssen unter allen Umständen vermieden werden. Sie schaden uns.- Niemand wird daran denken wollen, die antisemitische Note aus der Partei zu entfernen oder an der programmatischen Festlegung unserer Partei in der Judenfrage etwas zu ändern. Aber es darf nicht der Eindruck entstehen, als seien wir nur eine antisemitische Partei uno hatten nicht noch zahlreiche sonstige Programm-' Forderungen, die ebenso bedeutungsvoll sind wie die Bekämpfung der Vorherrschaft des Judentums. Unsere Partei darf nicht zu einem Konventikel für eine einzige, wenn auch an sich wichtige, aber doch nicht alles erschöpfende Idee werden." Man darf natürlich die Bedeutung solcher Stimmen nicht überschätzen, und es ist immer zu bedenken, daß die Zurückdrängung des Radauantisemitismus mit einer Vertiefung des völkischen Standpunktes Hand in Hand geht. Diese Zeilen seien aber veröffentlicht, weil sie eine Stimmung wiederspiegeln, der man auch — die Verhandlungen des Göttinger Studententages beweisen es, — in akademischen Kreisen begegnet. Wir aber begrüßen jede solche Selbstbesinnung aus dem Grunde, weil sie den Kampf von dem Boden roher Gewalt auf den des Perstandes und der Menschlichkeit, auf den des Rechts treibt. Und vor einer Auseinandersetzung mit Gegnern, denen der Wille zur Sachlichkeit innewohnt, haben wir gewiß keine Furcht.