KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 6-8 (Juni 1920)
- Date
- 1920-06-01
- Page
- Seite 64 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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?-*- Men Willen" ist in einem Einleitungsäufsatz ganz vichlig ausgesprochen: „Sachlichkeit und Stofflichkeit hätten/in der nationaljüdischen Jugendbewegung bisher in hohem Maße gefehlt." . Wenn -er Verfasser schreibt, die national-jüdische Jugendbewegung sei allzusehr „auf gefühlsmäßige, instinktive Erfassung dessen, was uns bewegt", eingestellt, so ist das durchaus wahr. Das wird auch unsererseits behauptet: Man läßt sich durch eine zahlgemäß übrigens garnicht so übermäßig starke judenfeindliche Masse in seinen Gefühlen leiten. Der „Jüdische Wille" empfindet die Anerkennung der Judengegner die sie naturgemäß allen denen zollen, die im Endergebnis ihren Forderungen beistimmen, als eine Wohltat. Und man denke: er rühmt sich dessen noch! Wir müssen in diesem Blatte folgendes. lesen: „W i r ertragen sei ne Verachtu ng (d. h. die Verachtung der deutsch gesinnten Juden. Der Verfasser) um so leichte hals wir gleichzeitig die A.ch t ü n g a l l e r d e r j e n i g en gewonnen haben, um d ie j ener b ish er so hoffen u n g s l o s w a r b" d. h. der Antisemiten! Dieser Satz verdient festgehalten zu werden, denn er beweist, welch hoher Wert in diesem Kreise die Achtung der Antisemiten darstcllt. Die Verwirrung in der Fragestellung sei auch hier festgeftellt. Die Achtung aller ehrlich gesinnten deutschen Studenten zu erwerben, ist uns Aufgabe, die durch Tat und Gesinnung gelöst wird. An der Schätzung einseitiger Nationalisten kann uns um so weniger gelegen sein, weil ihre Werturteile sich aus Voraussetzungen stützen, die wir von vornherein ablehnen. Man will jüdischer werden. Gut! Es ist anzuerkennen, daß unsere alte Generation ihre jüdischen Werte stark vernachlässigt hat. Man predigt der jüdischen Jugend die Rückkehr zum Judentum und schafft, da diese Rückkehr zum Judentum in seiner allen Gestalt scheinbar ausgegeben wird, ein neue s Judentum, das mit dem alten im Grunde genommen n u r den Namen gemeinsam hat. Man mag die Literatur des vorigen Jahrhunderts prüfen, gleichviel, ob sie auf gesetzestreuem oder auf liberalem Standpunkte steht, von diesem „Ersatzjudentum" ist nicht das geringste zu finden. Dabei wird nicht bestritten werden, daß das 19. Jahrhundert eine außerordentliche Blüte der jüdischen Wissenschaft und der Gesamterkenntnis des Judentums geschaffen hat. Me Vertreter dieser Wissenschaft, sie mögen sich in äußeren Fragen noch so scharf gegenübergestanden haben, haben Wert und Weihe des Judentums in seinem religiösen Erlebnis und in seinen charakterbildenden, charakterfördernden und charaktererhaltenden Werken gefunden. Ms der Oberflächlichkeit des Tages in eine Innerlichkeit des religiösen Bewußtseins zurüctzukehren, mag schwierig und für den einen oder andern vielleicht ganz unmöglich sein. Es ist und bleibt aber für Uns die einzig Pforte, diezum Judentum zurückführt. Nicht zu verkennen ist, daß fortgesetzt, christologische Anschauungen in die nationaljüdische Erörterung hineingetragen werden. Niemals hat es ein Minim alp r o gramm für das „Jude sein" gegeben. Niemals hat irgend ein Lehrer des Judentums die „Jüdischkeit" in -Bedingungen erblickt, welche auß erh alb d es religiös en. L e b e ns der jüdischen Gemeinschaft gelegen haben. Und wem Erfahrung und Erlebnis das Gefühl der Nötwendigkeit einer Rückkehr zum Judentum eingegeben hat, dem kann der sog. positive Gehalt nur in der Rückkehr zur Religiosllät des Judentums und nicht zu den nationalen Werten im Judentum bestehen. Weder die Neuschaffung der Mischen Kultur, die es einheitlich seit Jahrtausenden nicht mehr gegeben hat, noch irgend einpolitisches. Programm kann etwas anderes sein als ein tönernes Gefäß, das sehr bald platzen wird und damit das Judentum seiner Auslösung entgegenführt. Und wenn im gesetzestreueu „Israelit" berichtet wird, daß der religiöse Nihilismus des palästinensischen Nationaljudentums in dortigen orthodoxen Kreisen den Gedanken der A u s w a n d e r u n g aus Jerusalem aufkommen läßt, um die jüdische Lehre zu retten, so sagt das genug. IV. Darin lieg^ auch der Grund, weshalb wir die Beschlüsse von San Remo mit einer starken Skepsis begrüßt haben und immer wieder betrachten müssen. Gewiß sehen auch wir in der Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für die Juden einen Erfolg, gewiß werden auch Wir es mit Freuden begrüßen, wenn es einen Boden gibt, aus dem große Massen von geknechteten Juden ein freies Heim finden können. Wer, wie viele von uns, schon vor mehr als 20 Jahren, als das Nationaljudentum noch in den Windeln lag, die Bestrebungen des „Esra" mit einiger Anteilnahme und dem Verlangen nach tätiger Mitarbeitbegrüßt hat, für den bedeutet San Remö bestenfalls nichts anderes als eine körperliche und damit auch geistige Sicherung einer Aitzahl von Juden, womit, und das ist der entscheidende Punkt, jedoch keineswegs die Erhaltung und Sicherung des J u d entums verknüpft/ist. Denn durch die territoriale Lösung einer Reihe politischer und ökonomischer Probleme in Palästina ist die eigentliche Lösung der Frage: „Wie erhalten wir die uns überlieferten jüdischen Werte?", die bis vor wenigen Jahren in dem Urteil aller Interessierten das Judentum ausgemacht haben, nicht um allzuviel Schritte wellergebracht. Unser Bestreben warmes, ist es und wird es sein, Achtung und Kenntnis von Juden und Judentum zu verbreiten und uns und unserer Überzeugung den ihnen gebührenden Platz an der Sonne zu sichern. Wer für dieses Judentum nicht zu gewinnen ist, wer jede Bindung mit ihm verloren hat, hört eben auf, Jude zu sein. Die