KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 4-5 (April 1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- Seite 44 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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44 WnAen' Anschauungen in unsererr Reihen ünd so soll Ees auch weiterhin bleiben. /- / ' Wie aber kommt es, daß gerade bei uns 7 Deutschen das Gebiet des nationalen Fühlens 5. mnd Denkens so leicht und schnell zur Parteidomäne gemacht werden kann? Wie kommt es, i daß das Wort „deutsch" erst rwch durch das r Wort „national" ergänzt werden muß, um als deutsch im vaterländischen Sinne verstanden zu werden? Wie kommt es, daß eine politische Partei £ es sich erlauben kann, sich als die allein deutsch- - nationale zu bezeichnen? Dieses Wort deutschnational, das an und für sich durchaus nicht den Inhalt von etwas Parteimäßigem in sich trägt, . hatte schon vor dem Kriege einen parteipolitischen .''Beigeschmack) und viele unserer Volksgenossen . enrpfanden dieses Wort als Ausdruck eines nationalistischett Chauvinismus. In der Beantwortung . - der oben gestellten Fragen liegt auch die Antwort auf die Frage nach der Ursache der Schwäche des - deutschen Nationalgefühls. . Erst mit den Befreiungskriegen begann die Entwicklung Deutschlands zum Nationalstaat. Die s-- Deutschen Kaiser des Mittelalters betrachteten sich als die Erben des römischen Imperiums, und -r. der Einfluß des Deutschtums war viel mehr kulturell als politisch, umsomehr, als das damalige heilige römische Reich nicht nur Angehörige der %: deutschen Sprachgemeinschaft umfaßte. Mit dem "-'Aufkommen der Renaissance und des Humanis- ...mus ging der kulturelle Einfluß des Deutsch- ■' tums zurück und die geschichtlichen Vorgänge der " folgenden Jahrhunderte trugen weiterhin dazu .. bei, seine politische Macht lediglich auf das - deutsche Sprachgebiet zu beschränken. An die '7 7 Stelle der vom Boden losgelösten deutschen Universität trat mehr und mehr die Verbundenheit; mit dem Heimatboden, eine Verbindung, wie sie .-.bei Italienern, Franzosen uno Engländern schon? lange vorher bestand. Da wir aber in dieses . Stadium konkreten Verbundenseins viel rascher hineingedrängt wurden, als wir uns darauf gefühlsmäßig einstellen fonr.teit, war das deutsche Nation algefühl in uns noch nicht natürlich und . selbstverständlich genug. Dieser Mangel wurde V noch verstärkt durch das Auseinanderstreben der ' verschiedenen deutschen Stänrme, das im Bruder- Kckriege 1866 seinen stärksten Ausdruck fand. So ^'7war das Wort „deutsch" noch zu sehr fast ledig- -mlich Kultur- und Sprachbegriff geblieben, um den frpolitisch-nationalen Inhalt schon in sich auf- KÄiehmen zu können. ^. Auch durch die Schaffung eines.überwiegend -national geschlossenen deutschen Staates im Krieg 1870/71 wurde dieses Stadium nicht überwunden. 7. Heute ist durch die Lostrenmmg deutscher Volksteile vom Staatsgebiet in dieser Beziehung noch ein bedeutender Rückschlag eingetreten, so daß sich das Wort „deutsch" noch weniger wie vorher mit dem politischen Begriff Deutschland vereinigen läßt. Die Schwäche des deutschen Nationalgefühls kommt uns deutschen Juden doppelt stark zum Bewußtsein, wo uns noch die Feindschaft eines großen Teils unserer eigenen Volksgenossen in die Seele schneidet. Umsomehr müssen wir uns klar sein über die Unzerstörbarkeit des Gefühls, aus innerlichem Erleben heraus Deutsche zu sein. Die Art dieses Erlebens ist bei dem Einzelnen, verschieden und läßt sich nicht auf eine Formel bringen. „So ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nie /erjagen!" So tragen die. ganzen Zeitumstände dazu bei, uns zu veranlassen,, unser Deutschtum zu verinnerlichen, indem wir uns-von den trostlosen äußeren politischen Geschehnissen zu den unvergänglichen inneren Werten wenden, die das Deutschtum, die deutsche Dichter und Denker geschaffen haben, Werte,, die allen Deutschen gemeinsam teuer sein sollten. Diese Gesinnung ist für uns deutsche Juden eine Gefühlsgrundlage, die auch ein Judenprogrom nicht zerstören kann. Wenn diese Gedankengänge Gemeingut auch unserer nicht-jüdischen Volksgenossen werden, die einsehen, daß vaterländische Gesinnung nicht erwächst auf der Grundlage wüster Parteikämpfe unter Zuhilfenahme der Judenhetze, dann können wir hoffen, daß dereinst das Deutschtum der Menschheit wieder Männer schenken wird, die Mitarbeiten an den großen Bestrebungen zur Verwirklichung der Menschheitsziele und -Ideale. Diese Ziele können nur erreicht , werden, indem jedes Volk sich kulturell frei entwickeln kann. Eure uferlose Menschheitsverbrüderungs- und Gleichmachungsidee müßte die Verwässerung jedes Kulturideals zur Folge haben. So glauben wir, daß der Wiederaufstieg Deutschlands notwendig ist auch im Interesse der ganzen Menschheit. Wir, die wir unser Vaterland lieben und uns doch den Sinn für die Werte erhalten haben, die der ganzen Menschheit gemeinsam zu Teil werden müssen, sind gleich weit entfernt vom Chauvinismus wie vom Jnternationalisnrus. Wir wollen Deutsche sein in der Zeit der Not, wie wiu es in der Zeit des Glückes waren. „Ob du reich bist, oder bettelarm. Unser deine Freude, unser sei dein Harm; Wir, wie du geschmäht, befehdet und verkannt, Liebeir dich, du deutsches Vaterland!"