KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 4-5 (April 1920)
- Date
- 1920-04-01
- Page
- Seite 41 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Einstweilen müssen Greise und Kinder diese nationalistischen Neckereien mit ihrem Blute bezahlen." Wenn aber auch Zollschan nicht zu einem so klaren und konsequenten Ausdruck seiner Meinungen gelangt ist, im Grunde meint Mch er, daß einerseits die Forderung der nationalen Autonomie, die Leidenschaften insbesondere der Polen maßlos gesteigert hat und daß die ganze Agitation um so verwerflicher ist, als hinter den Juden keine Macht steht. Nationale Autonomie hat nur dann einen Sinn, wenn' die Minderheit.sich wohlgeborgen weiß unter den Fittigen ihrer Hauptmacht im Mutterlande. Beim Judentum bedeutet sie eine Frage des Rechts, und nur der etwas problematische Völkerbund wäre sein Rückhalt. Ob dieser überhaupt den Willen hätte, zu -Gunsten der Juden zu intervenieren, mag nach dem geradezu entsetzlichen Verhalten der Garantiemächte — das „judenfreundliche" England,spielt dabei die erste Rolle — gegenüber den rumänischen Greueln und Vergewaltigungen füglich bezweifelt werden. Aber auch Zollschan fragt mit Recht, wie man es sich denn vorstelle, daß der jüdische Teil her polnischen Bevölkerung stets und ständig den polnischen T>eil beim Völkerbund verklagen müsse. „Was also bleibt? Nur um des Bekentnisdranges und des politischen Betätigungsstrebens willen dieser Eifer für den Ruhm eines Herostrat, der die mühsam genug erworbene Gleichberechtigung wieder in ein Recht der Metöken zurückverwandelt." Aber auch die innerpolitischen jüdischen.Folgen sollen nicht unterschätzt werden. Denn die Forderung der nationalen Autonomie bedeutet einfach ein Auseinanderfallen der Judenheit in zwei scharf geschiedene Teile: in einen nationalen und einen religiösen! Zollschan untersucht die Frage, ob der künftige nationale Körper ein Zwangsverband sein solle. Das würde natürlich eine furchtbare Vergewaltigung bedeuten. „Wenn sie (i. «e. die jüdische Nationalität ein Zwangsverband sein würde (sie) soll jeder Jude, der andern Sinnes ist, aus dem Judentum austreten müssen? Haben wir im Sinne unserer wirklichen nationalen Ziele ein Recht, -alle diejenigen, welche jetzt nicht unsere Auffassung teilen, auf diese Wüse aus dem Judentum hinaus zu drängend Und mißbilligend heißt es: „In den meisten östlichen Ländern ist ein Zwangskataster geplant. Alle bisher als Religionsjuden immatrikulierten Personen sollen nolcns voleus von nun an.als zur Nationsgemeinschaft gehörig registriert werden; man schreckt also hier vor einer derartig reaktionären Maßnahme, wie es die etwaige Vergewaltigung der innersten Überzeugung der einzeln?» Personen wäre, nicht zurück." Hat man freilich die nationale Option, so ist das Judentum in zwei Teile getrennt, und die Väter der nationalen Autonomie werden dann in der Geschichte mit dem' Makel genannt werden, daß sie die Einheit des Judentums, die auf religiöser Grundlage — hier schwächer, dort stärker empfunden— Vorhänden ist, um politischer Zeitumstände, um eingebildeter Vorteile willen.zerstört haben. Von den wirtschaftlichen Folgen, die gewiß die furchtbarsten'sein würden, kann Iman sich durch einen Blick 'auf das alte Rumänien und das neue Polen einen klaren Begriff machen. Die nationale Autonomie würde, wie Zollschan nachweist, wirklich ein privilegium odiosum sein. - Gesetzlich wären, wie bereits ermähnt, nninerus clausus und Prozentnorm die Folgen, die jede freie und erfolgreiche wirtschaftliche Betätigung ersticken und das .soziale Elend, das aus den beiden erwähnten Ländern bekannt ist, über die gesamte Judenheit ausbreiten müßten. Und das alles fraglos.von Rechts wegen! Daneben aber droht das Gespenst des Boykotts! Selbst wenn es gelänge das Wunder zu vollbringen und nationale Autonomie mit individueller Gleichberechtigung zu vereinen, selbst wenn der Völkerbund in wirksamer Weise Übertretungen der Gesetze zu ahnden wüßte, gegen diese Waffe der Mehrheit hilft nichts, und wie furchtbar sie zu wüten weiß, beweist das Polen -von heute. Daß sich seder Nationalstaat gegen einen „Staat im Staate" wehren wird und muß, wird von keiner Seite bezweifelt. Es gibt kein Land, das nicht die Errichtung der nationalen Autonomie mit wirtschaftlichen Boykott 'beantworten würde, und das Verlangen nach ihr bedeutet nichts mehr Amd nichts weniger.als (ein Spielen mit per elementarsten Existenzmöglichkeit -der Judenheit. Zollschan beschäftigt sich aber nicht nur mit den Wirkungen, die eine nationale Autonomie auf die -Beziehungen zur Umwelt hat. Er betrachtet das Problem auch vonr innerjüdis chen Standpunkt. Welcher -soll der stoffliche Inhalt d e r F o r d e r u n a sein? Bisher waren jüdische Gemeinden reine Kultusvereinigungen, die allerdings den Kreis ihrer Aufgaben oft recht weit zogen und profanen Unterricht, Berufswahl und soziale Fürsorge zum Gegenstände des Mühens machten. Was ist nun der Stoff der nationalen Betätigung und wie unterscheidet sie sich von .der der 'Kultusgemeinde? Die Antwort ist einigermaßen verblüffend, aber doch sehr einleuchtend. Da alle Kriterien einer Pollnation den Teilen in .der Diaspora fehlen, da sie weder eigene Sprache, noch eigenes Land, noch eigene Kultur, noch «eigenes Gesetz haben, gibt -es in Wahrheit keinen Gegenstand, der den Aufgabenkreis der nationalen