KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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waren — — wer wollte Gefühleanalysieren und Empfindungen rubrizieren? Wenn wir an den hohen Feiertagen im Achtzehngebet die Rückkehr nach Zion erflehten, dann mag sich wohl jeder etwas anderes unter diesem „Zion" vorgestellt haben, wenn aber aus tiefstem Herzen das „oschamnu bogadnu" zum obersten Weltenrichter einporstieg, dann fühlten wir uns alle als eine Einheit, einig in dem Glauben an den einzigen Gott. Gewiß, wir sind mehr als eine Kpufeffion, wenigstens mchr als eine der uns bekannten. Unser Judentum ist mchr als ein Glaubensbekenntnis, ist Weltanschauung und Lebensführung, Bruderliebe und Gemeinschaftsempfinden. Aber hier fühlte ich die wirkliche Einheit des Judentums. Daß es heute für die meisten Großstadtjuden, gleichgültig, ob sie Zionisten oder Antizionisten sind, zumeist „Privatsache", d. h. Nebensache ist, ist ein tiefbedauerlicher Zustand, der überwunden werden muß. Ich verkenne nicht, daß die Besten im Zionismus es sind, die die Jugend vor der Rückkehr in's Judenland zum Judentum zurückgeleiten wollen, wie es Herzl ausgedrückt hat, aber sobald der Primat des Blutes erst einmal anerkannt ist, ist es bei der religiösen Indifferenz des modernen Menschen außerordenüich schwer, Gebräuche und Gebete als nationale bei jenen wieder einzuführen, welche sie kurz vorher als religiöse über Bord geworfen haben. Der Zionismus hat es möglich gemacht, daß man ein guter Jude sein kann ohne Glauben an Gott und ohne sein Gesetz. Er hat die religiöse Indifferenz wenn auch ganz gewiß nicht geschaffen, so doch sanktioniert. Wie wir deutschen Juden die uns angeblich fehlende seelische Einheit im Zionismus finden sollen, vermag ich nicht einzusehen. Soll ich sie erreichen, wenn ich, wie die meisten der mir gleichaltrigen Zionisten in deutscher Sprache sage: „Ich bin kein Deutscher?", oder soll ich sie im Studium des „neuen Judentums" finden, das nicht an Bibel und Talmud, sondern an Kant, Fichte, Hegel orientiert ist? Und selbst, wenn ich nach' Palästina auswänderte, das ich als Heimstätte für diejenigen Juden, die immer noch einer solchen entbehren, erstrebe und dort die viel berühmte Pionierarbeit leistete, — ich würde doch nur das sein, was ich nun einmal bin: ein deutscher Jude. Genehmigen Sie den Ausdruck vorzüglichster Hochachtung. Erich Fröhlich Referendar. vücker der Belehrung. Der oft vernommenen Klage, daß es an Büchern fehle, die in knappen Umrissen die Gebiete der jüdischien Geschichte und - Literatur sowie die modernen Probleme unserer Gemeinschaft behandeln, sucht man heute mit Geschick zu begegnen. Auf drei Veröffentlichungen belehrender Art, die in allerletzter Zeft erschienen sind, sei an dieser Stelle besonders hingewiesen. Wie oft hat man nicht den Mangel an einem kurzen Werke empfunden, das schnell und zuverlässig über Wesen und Organisation der verschiedenen Richtungen im Judentum von heute orientiert! Die Lücke ist nunmehr ausgefüllt. Unter dem Titel „Das deutsche Judentum, seine Parteien und Organisationen, eine Sammelschrift" (Verlag der Neuen jüdischen Monatshefte, Berlin- München 1914) ist ein Buch von etwa achtzig Seiten erschienen, das in fünfzehn Kapiteln zuerst die.Parteien und dann die Organisationen des deutschen Judentums behandelt. Auf einen längeren Aufsatz über das „gesetzestreue Judentum" und die „Freie Bereinigung für die Interessen die svrthoöoxenJudentums", die söge-; nannte „Trennungsorthodoxic" folgt eine Abhandlung über das „liberale Judentum" von Kbdr. vr. Goldmann-Leipzig. Vier weitere Aufsätze des ersten Teiles sind dem Nationaljudentum gewidmet und behandeln den „Zionismus",, den „Misrachi", die „sozialistisch-zionistische Arbeiterpartei Poale-Zion" und die „nationaljüdische Jugendbewegung". Im zweiten Teile werden dann in kürzeren oder längeren «cungen behandelt: Der „Orden B'ne “ — Verfasser ist Kbdr. Dr. Alfred Goldschmidt —, der ,?Verband der deutschen Juden", der „deutsch-israelitische Gemeindebund", der „Hilfsverein der deutschen Jugend", der „Zentralve.rein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" — dieser Aufsatz rührt von Kbdr. vr. Holländer her — der (neutrale) „Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands"> der „Verband der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur" und der „Verband für Statistik der Juden". Wie in fast jedem Sammelwerke sind die Aufsätze von ganz verschiedenem Werte. Jeder hat seine Aufgabe anders angepackt, und ein gewisser Ausgleich — selbst die Länge der einzelnen Beiträge differiert oft ganz erheblich — wäre wohl zu wünschen gewesen. Auch andere Schönheitsfehler stören sehr. Allgemein hat es befremdet, daß beispielsweise der K. C. ebensowenig behandelt wird wie die „Kameradenbewegung. (In einem Briefe an die Redaktion der K. C.-Blätter wird das Versehen erklärt und in einer neuen Auflage wird natürlich auch unser Verband gebührend berücksichtigt werden.) Zu tadeln ist es auch, daß der Darsteller des Zionismus im Gegensatz zu Kbdr. vr. Goldmann und vr. Holländer, die sorgfältig jeden verletzenden Angriff auf das Nationaljudentum vermieden haben und streng sachlich geblieben sind, sich nicht enthalten konnte zu schreiben, daß der jüdische Liberalismus vom Judentum zur völligen Auflösung (!) führen müsse. Hat die Redaktion sonst sorgfältig darauf geachtet, daß beleidigende Anrempeleien anderer Parteien vermieden wurden, so durfte es auch ruhig dem Zionismus gegenüber geschehen. Alle solche Kleinigkeiten wird man aber bei einer Neuauflage vermeiden können. Sie fallen auch den großen Vorzügen und dem sichtbaren Nutzen einer solchen