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KC-Blätter · 1920-01-01 · Heft 1-3 (Januar 1920) · p. Seite 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1920
Issue
Heft 1-3 (Januar 1920)
Date
1920-01-01
Page
Seite 13 (sequence 15)
Language
German
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W-: feit, eine Kluft in der Stellungnahme zu den geistigen und sittlichen Fragen des Lebens" habe ich nie empfunden, sondert: gerade immer gemerkt, wie tief das Judentum auf die geistigen, sittlichen und moralischen Fragen des heutigen Deutschen eingewirkt hat. Ich gebe Ihnen gern zu, daß auch, meine Erfahrungen nicht verallgemeinert werden dürfen. Ich habe späterhin, als ich mit Offizieren und Akademikern zusammenkam, auch andere Erfahrungen gemacht. Anfang 1918 kam das Gespräch auf die leidige Judenfrage, die man im allgemeinen in diesen Kreisen ängstlich vermeidet, besonders in Gegenwart gesellschaftlich gleichstehender Juden. Eine so leicht hingeworfene Frage, wie: „Warum sind unter diesen Bolschewisten so viel Juden?", meine Antwort und Gegenantwort brachten, das Gespräch in Fluß, von dem ich nicht eher wieder abließ, bis die Frage nicht nur nach" der politischen, sondern auch der religiösen, der sozialen und natürlich der unvermeidlichen rassentheoretischen Seite hin „geklärt" war. Trotzdem mir am Schluß unserer mehrstündigen Debatte kaum einer der durchweg alldeutschen Herren etwas zu erwidern hatte, und ich mit einer ausgesuchten Höflichkeit behandelt wurde, habe ich doch stets das Gefühl gehabt, als fremder Eindringling angesehen zu werden. Zwischen diesen Anschauungen klafft nicht nur hinsichtlich der Juden ein Gegensatz, der aber ganz gewiß nicht im Blute wurzelt, sondern diese deutschnationalistischen Anschauungen sind durch Schule, Gesellschaft, Universität, Korps änerzogen, sozusagen eingeimpft. Wenn Sie von den Anschauungen und Gefühlen der deutschen Soldaten schlechtweg sprechen, so haben Sie zweifellos einem Teile Zwang angetan, gewiß haben Sie die Ansichten der sozial höher stehenden deutschen Kreise für die urdeutschen angesehen. Sind wir aber berechtigt, unsere Alldeutschen als die alleinigen Vertreter des deutschen Gedankens anzuerkennen, weil sie sich selbst als die Deutsch-Nationalen bezeichnen zum Unterschiede von den anderen, den vaterlandslosen Gesellen? 'So sehr ich es verurteile, wenn Nicht- oder Antizionisten den Zionismus unter dem Gesichtswinkel des Antisemitismus beurteilen, so wenig kann ich natürlich meine Stellung zum Deutschtum von den Anschauungen alldeutscher A nt isemiten über unser Judentum abhängig machen.' Ich glaube, meine Stellung zu Deutschtum und Judentum doch ein wenig anders präzisieren zu müssen und mit mir' ein großer Teil der jüdischen Jugend an Deutschlands hohen Schulen, als Sie es getan haben. Für uns hat das Wort „deutsch" nicht nur geographische, das Wort „Staatsbürger" nicht nur juristische Bedeutung. Ich weiß nicht, ob' ich der deutschen /Kultur „dankbar und ergeben" bin, ob ich „LiehL und Verständnis" für sie zeige,- weil ich selbst ein Produkt dieser deutschen Kultur bin und deshalb ein Werturteil über sie gar nicht fällen kann. Was wären wir ohne unsere deutsche Sprache und was wir ihr verdanken. Nähme man sie uns, so würden wir nicht nur unsere Bildung, unsere geistigen Werte, sondern auch unser Judentum einbüßen. Die Schriften unserer Väter werde ich in der Ursprache' wohl lesen, nach gehöriger Präparation auch übersetzen können, aber denken kann ich nur in deutscher Sprache. Nimmt man mir mein Deutschtum, so verliere ich alles — alles, außer einem schwachen Körper, der die Spuren eines ,tausendjährigen Ghetto- und nervenzerrüttenden Großstadtleoens leider nicht verleugnet. Gewiß ist es richtig, daß Körper und Geist in ständigem Wechselspiel miteinander stehen: Wir fassen eben das Deutsche auf unsere Weise auf, gießen den deutschen Wein in ein jüdisches Gefäß, es entsteht ein neuer Menschentypus, um den wir die Welt bereichern: der deutsche Jude. Und wenn ich als solcher mithelfen will, das deutsche Volk aus Schmach und Not zu erretten, so weiß ich mich einig mit den Besten des. deutschen Volkes, die freilich nicht mit den formell Gebildetsten identisch sind, weiß mich aber auch himmelweit entfernt von jenem proletarischanarchistischen Völkerbeglückungsgewimmel, das gewisse Literaten in Szene setzen. Wir wollen in einem freien Deutschland freie Juden sein, so frei, daß auch der Einzelne seinen Glaubensbrüdern im Osten gegenüber die Stellung einnehmen kann, die ihm sein Herz gebietet, ohne fürchten zu müssen, deswegen, weil seine Wünsche nicht an Deutschlands Grenzen Halt machen, als Deutscher minderen Grades behandelt zu werden. Werden nicht gerade die Wünsche der besten Deutschen jetzt weit und oft über die Ostgrenzen des Reiches hinausgehen? Als in meinem oberschlesischen Heimatsdorfe tausende russischer Kriegsgefangenen zum Bergbau verwendet wurden, kam ich mit Juden Rußlands, Rumäniens, ja sogar Sibiriens und der Ukraine, die unter diesen Gefangenen waren, in nähere Berührung. Einige, die des öfteren in unser Haus kamen,' habe, ich allmählich verstehen gelernt. Ich sage absichtlich, ich habe es gelernt; denn wenn sie von ihren Angehörigen, ihren Sitten und Gebräuchen daheim erzählten, habe ich nie „gleiche Art, gleiches Empfinden, gleiche Rasse, gleiche Nationalität" merken können. Ein Gefühl des Erhabenseins habe ich nie empfunden, da ich jede Kultur als berechtigte und gleichwertig cmerfernte. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl war natürlich bei allen da, ob. es freilich nationale, politische, religiöse Bande

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