KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1920
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Teile papierne Rechte bleiben, nicht weil sie von den anderen Nationen böswillig verletzt und gebrochen würden, sondern weil wir de facto nicht in der Lage sein werden, von ihnen vollen Gebrauch zu machen." So ist nach Klatzkin der Nationalismus der Diaspora haltlos, unlogisch und ohne Wert. Es gibt keinen Ausgleich zwischen dem Diasporajudentum und dem Niederlassungsland. Die Diaspora muß sterben, damit Palästina leben kann! Jedes Band, das sie in versöhnlichem Ausgleich mit der Umgebung knüpft, Hilst die Verwirklichung Palästinas hinausschieben. Und da die Diaspora weder mit einem Schlage nach Palästina, überführt -noch sonst aus den jetzigen Wohngebieten verschwinden kann, heißt es wenigstens das Gefühl absoluterFremdheit züchten. Für die Zeit des Übergangs müssen nationale Mauern aufgerichtet werden, undurchdringliche und nicht zu erschütternde Mauern, deren Höhe ein Übersteigen ausschließt. Auch die Diaspora muß hebräisch werden, weil es fremd ist. „Wir sind allerorten der Landesnation gegenüber Volksfremde und wollen unbeugsam in unserer Fremdartigkeit verharren, das heißt unsere Eigenart wahren." Wohl sind wir zu einem guten Teile eingebürgert, „wir sehen es aber als unseren Fluch an, nicht als eine Segnung". „Diese Bände (so. die uns mit der Umgebung verknüpfenden) sind nur Fesseln, die uns entehren." .„Wir wollten lieber den alten Leibzoll der Ausnahmestellung, als den neuen Seelenzoll der Gleichmachung entrichten. Lieber Juden ohne Gleichberechtigung, als Gleichberechtigung ohne Juden." Gerade diese Seite des Buches macht es gewiß gefährlich, denn Klatzkin spricht nicht von sich selbst und seinen Freunden, sondern von allen Juden, und seine Deklamationen von der Fremdheit finden bei den Judenfeinden ein williges Ohr, den Haß gewiß nicht erregend, wohl aber ihn begründend. Vielleicht wird man die Rechtfertigung für das Vergießen von Strömen jüdischen Bluts aus derartigen fatalen theoretischen Sätzen der Schreibtischweisheit entnehmen. Aber so sehr wir die anmaßende Verallgemeinerung seiner Urteile verdammen, die souverän auch über die ihm feindlichen Religionsjuden, die vaterländisch gerichteten verfügt, so sehr schätzen wir seinen Drang zur Ehrlichkeit. Denn ehrlich ist Klatzkin, und das auch dem Gegner gegenüber. Welcher Schreck muß dem braven Durchschnittsphilister nnter den Schekelzahlern, der zum Abendbrot soviel Assimilanten verspeist wie der Bierphilister Schoppen trinkt, in die Glieder fahren, wenn er über die bösen Gegner folgendes liest: „Die ersten Impulse der Assimilationsbewegung kamen nicht aus einem materialistisch gerichteten Streben, das, wie man gemeiniglich saczt, die jüdische Seele um das Linsengericht b?t Gleichberechtigung verhandelnd wollte; sie kamen aus einer idealistisch bestimmten .Gesinnung, die das Judentum nach Erschütterung seines religiösen Grundes als eine Ideologie erhalten zu können glaubte. — Die Assimilationstendenz ist also — in ihrem Ursprünge — keineswegs Nachahmungssucht und Knechtschaft in Freiheit, wie man sie zu verleumden pflegt." Wenn er die Assimilation dann freilich eine Verirrung des nationalen Instinkts nennt, so dürfte es in Wahrheit wohl umgekehrt liegen. Der Nationalismus — der ja offensichtlich seinen geistigen Vater im Nationalismus der anderen Völker erblicken muß — ist eine Verirr ung des Assrmilationswillens, und zwar die schlimmste, weil sie den wahren Charakter und Wert des Judentums blindlings den Götzen der Zeit opfert. Klatzkins Ideen sind praktisch widerspruchsvoll und unmöglich. Ein jüdisches Palästina steht weit im Felde, und selbst wenn es den maximalistischen Wünschen gemäß entstehen sollte, ein nationales Leben in der von Klatzkin geforderten Ausschließkeit und Reinheit kann in einem von Engländern beherrschten und von Arabern bewohnten Lande sich kaum entwickeln. Und die Massen der Diaspora gehorchen leider der Theorie des vom Schreibtisch kommandierenden Klatzkin nicht, sie opfern sich nicht selbstlos für Palästina, sondern sie wollen leben, wollen glücklich sein! Da aber persönliches Wohlergehen von Anschluß und Ausgleich abhängen, fehlt jeder Wille tzur Verwirklichung des unbedingten Palästinanationalismus, und man wird sich mit dem Nationalismus des schönen Wortes und der schönen Geste auch weiterhin begnügen. Theoretisch aber sind seine . Gedanken dem Geiste des Judentums fremd. Wie man auch religiös sich stellen möge, ein Judentum ohne Primat der Religion, ohne den Messianismus, der die Schranken zwischen den - Völkern einreißt, gibt es nicht! Ein Judentum, das nicht in die Menschheit einmündet und den Nationalismus einst überwindet, hat keine Zukunft, hat keine Berechtigung. Prophetismus und Messianismus, selbst die vielgeschmähte Mission, sind eben nicht liberale Erfindungen, sondern Grundlage und Ziel der Gemeinschaft. Wer Israel mit Serbien gleichstellt und seine Zukuyftswünsche auf irdische Macht, auf nationales Ausleben richtet, der mag Klatzkin folgen. Der Serbe, der nicht in Serbien lebt, hat seinen serbischen Beruf verfehlt. Aber Israel ist denn wohl doch ein wenig anders,' sagen wir sogar — mehr! Und den Sinn jüdischen Lebens in der Erfüllung nationaler Krämerwünsche erblicken, hieße das Wesen jüdischer Zukunft fälschen. Klatzkins Geschichtsauffassung ist materialistisch