KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1919
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1919)
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 122 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2268830-2268917-2268922--2383-2271540- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
122 Ausländer haben die Kosten, die für jeden deutschen Studenten vom Reiche aufgebracht werden, selbst zu tragen. Die Zahl der Ausländer darf fünf Prozent der für die betreffende Fakultät eingeschriebenen deutschen Studenten nicht überschreiten. Als Assistenten und Famuli sind Ausländer nur nach dem Modus der Gegenseitigkeit zuzulassen. Beim Belegen haben Ausländer den Inländern nachzustehcn. Zu den Vertretungen haben sie weder aktives noch passives Wahlrecht. Damit war die Tagesordnung erschöpft. Es wurde noch beschlossen, Telegramme an die Deutsche und die Deutsch-österreichische Nationalversammlung und den Schweizer Bundesrat zu senden. Nach emigen Schlußworten des Vorsitzenden schloß die Tagung. Ehe jedoch die Versammlung auseinander ging, erklang, keiner wußte, wer begonnen hatte, „Deutschland, Deutschland, über alles." Dieses Lied des StrebenS nach Einigkeit. Recht und Freiheit war wie kein anderes geeignet, einen würdigen Abschluß dieser Tagung zu bilden, der es gelungen war. alle Deutschen Studenten Deutschlands und Deutsch-Oesterreichs zu gemeinsamer Arbeit zusammenzuschließen, so verschieden auch sonst ihre Anschauungen in politischer, studentischer und beruflicher Hinsicht auscinandergingen. Auch wir können mir Genugtuung auf diese Tagung zurückblicken. Nicht nur, daß cs endlich gelungen ist. die gesamte Studentenschaft zusammenzuschließen und diese Vertretung zu wirklicher Arbeit zu befähigen, sondern auch das Fehlen jeglichen antisemitischen Mißtones und die Ausschaltung aller religiösen Fragen sind äußerst erfreulich. Damit sind alle Versuche, die jüdischen Studenten aus der Vertretung auszusch ließen, ein für allemal durch den einstimmigen Willen der gesamten deutschen Studentenschaft zur Erfolglosigkeit verurteilt. Die Akademiker-Landstedeümg. <J>. <$•) Cs unterliegt keinem Zweifel, daß wir einer verhängnisvollen Ueberfüllung der akademischen Berufe cntgegensteuern. Von allen Seiten tönen wohlgemeinte Warnungsrufe. Doch die Lockung ist zu mächtig. Streben nach höherer sozialer Stellung, das Bedürfnis nach geistigen Gütern, die oft krankhafte Geringcrschätzung der nichtgeistigen Berufe und,der Drang nach persönlicher Freiheit: Das sind bedauerlicherweise die Triebkräfte, die unsere Jugend oft geradezu in Verblendung ins akademische Studium hineinführen. Dabei werden alle sonstigen Gesichtspunkte außer Betracht gelassen, die doch für die Berufswahl mit ausschlaggebend sein sollten, nämlich gesundheitliche und stammesgesundheitliche Erwägungen. Wenn der Satz richtig ist, daß Großstadtgeschlechter mit ihren Urenkeln durchschnittlich aussterben, wenn es ferner richtig ist. daß das Nervensystem unserer Zeit, besonders in jüdischen Kreisen, dringend der Auffrischung bedarf, dann kann es eigentlich nur eine Losung geben und die lautet: aufs Land! Doch nun kommen all die gewichtigen Einwände, denen bisher wohl die Mehrzahl unterlegen ist. Da ist vor allem das Gewohntsein höherer Kultur, eines verfeinerten Lebens, eines abwechslungsreichen Straßenbildes, unsere Vorliebe für edle Kunst. Theater und Konzert, scheinbar alles Kleinigkeiten, in Wirklichkeit aber starke Anker, die uns mächtig an die Großstadt fesseln. Dazu die erhöhten Erwerbsaussichten, das erweiterte Feld für die Wahl einer Lebensgefährtin, die angenehmere Lebensführung, die größere Fühlungnahme mit Tages- und Zeitströmungen: all das sind Dinge, die uns scheinbar unentbehrlich sind, Ader sind das nicht vielleicht auch Irrlichter, die einen Teil von uns in den Sumpf des geistigen Proletariats, geistiger und körperlicher Minderwertigkeit zu locken vermögen? Was uns das Land im Gegensatz zur Stadt, besonders zur Großstadt so abschreckend erscheinen laßt, ist vor allem die Furcht, wir könnten uns dort mit unserem Denken, Fühlen und Wollen vereinsamt Vorkommen. Uiid tatsächlich hatte sich in den letzten Jahrzehnten gerade oft der geistig regsamere Teil unserer jüdischen Landbevölkerung der Großstadt in die Arme geworfen. Auf den ersten Blick scheint ihnen der Erfolg recht gegeben zu haben. Aber wir müssen uns endlich einmal daran gewöhnen, das Glück unserer Nebenmenschen nicht bloß nach der Größe ihrer Wohnung und dem Luxus ihres Hauses zu beurteilen. Was nur vor allem erstreben müssen, das ist: Verinnerlichung! Solange wir unser ganzes Glück darin suchen, anderen zu beweisen, wie unendlich glücklich wir wären, haben wir echte Lebenskunst noch nicht erreicht. Und gerade der moderne Jude, dem in dieser Hinsicht vielleicht em wenig Ruhmsucht angeboren ist, leidet unter diesem Mißstande. Unser ganzes Lebensstreben geht heute in erster Linie danach, glücklich zu scheinen, erst in zweiter Linie ist es darauf gerichtet, glücklich zu sein. Um des Scheines willen verraten wir unser bestes Selbst. Vielleicht daß unsere umwälzende Gegenwart etwas mehr ebnend und ausgleichend auf dem Gebiete unserer gesellschaftlichen Wertschätzungen wirkt, daß diese geradezu ungesunde Ueberschätzung des Akademikers einer vernünftigen Einschätzung des Menschen als solchen Platz macht. Gerade in unseren modernen Kanfmannskreisen macht sich heute oft ein Streben nach wissenschaftlicher Höherbildung und kultureller Verfeinerung bemerkbar, das im obigen Sinne wirken dürfte und das andrerseits uns Akademikern Ansporn sein sollte, nicht auf unsere Stellung stolz zu sein, ohne auch zugleich uns dieselbe durch höheres, nichtberufliches geistiges Streben zu erringen. Wenn man die Literatur betrachtet, dann ist es oft schwer zu sagen, ob wir den Zeitgeist formen oder der Zeitgeist uns formt. Eine Literatur, die unserer Zeit nicht zusagt, wird niemals an Einfluß gewinnen. Wenn wir nun die Literatur, der letzten zwei Jahrzehnte betrachten. dann ist es geradezu auffallend, wie sehr der akademisch Gebildete (auch der Künstler) als Mustertyp gegenüber dem nüchternen, nur dem Erwerbe Nachjagenden aufgestellt und — was das Bezeichnende ist — auch beliebt ist Etwa ähnlich wie bei Schiller im „Fiesko" gesagt ist, daß man den Mord liebe, aber den Mörder verachte, so wurde eS Mode, den Kaufmann, trotz größter persönlicher Tüchtigkeit, und obwohl doch eigentlich die. Mittel zum Studium größtenteils nur durch die kaufmännische Tätigkeit der vorhergehenden Generation erworben sind, hintanzusetzen gegenüber dem Akademiker. Und nachdem doch die moderne Literatur am meisten denen zugänglich ist. welche die meiste Zeit und bas größte Interesse dafür übrig haben, so war es selbstverjtändlich, daß bisher — für die Gegenwart gilt dies vrelleicht schon weniger — die junge Mädchen- und Frauenwelt diesen Gedankengängen am zugänglichsten war. Und gerade in jüdischen Kreisen besteht zwischen der Jdealgestalt des Mannes, wie sie dem Mädchen vorschwebt und der Berufswahl des jungen Mannes ein engerer Zusammenhang als wir gewöhnlich annehmen und somit also auch ein solcher zwischen Literatur und Berufswahl durch diesen eigenartigen Zwischenweg. Die erste Forderung die wir daher an die Gegenwart. die einer so nebligen Zukunft entgegensieht, vor allem an untere Literaten richten, lautet also: helft uns unsere Zeitgenossen wieder zu innerem Glück erziehen, zur Abkehr von aller Aeußerlichkeit des Lebens (ohne Verzicht auf Schönheitssinn!), zur Vertiefung der Persön-