KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1919
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1919)
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 120 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2268830-2268917-2268922--2381-2271538- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
120 natürlichen und seelischen Elementen sich neu entwickeln zu lassen und so erst in Wahrheit auch die Geschichte selbst, >vie man sie auffa&t, in den lebenden Menschen aufzunehmcn und in seiner Existenz ztt rechtfertigen. 'Aber ich greife mit diesen Gedanken der eigentlichen motivischen Entwickelung vor. Der Zionislnus ging ja zunächst von der äuHeren Judeimot aus. Er erblickte in der bisherigen Sin der Bekämpfung des Antisemitismus eine ungenügende Form der Gegenwehr. Dem religiös indifferenten Juden, dem doch schließlich die Befeindung durch den Antisemitismus (nauientlich in seiner bösartigsten Form als Rasse-Antisemitismus. als Kampf gegen ^.Blnt und Geist") genau ebenso galt, wie dem noch gläubigen und gesegcstreucn, muhte— da er sich selber nicht anfgeben wollte — eine sogar zum Angriff wirksame Waffe in die Hand gegeben werden. Diese fand sich in der gleichen 'Waffe, die auch der Gegner führte. Der Zionismus bejahte die Behauptungen res AnlrsemitismuS, indem er erklärte: „Ja. es ist wahr, wir sind nicht eurer Art — wir sollen cs und wollenes auch nicht sein! Wir sind ein Volk, das Anrecht darauf besitzt, neben anderen Völkern der Erde in voller Realität. politisch und kulturell, seine nationale Eigenart selbständig auszuleben." (L. 1t—16.) Ich habe in dem Gesagten nur eine Seite der zionistischen Bewegung betont. Ich habe nicht vol» politischen Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten, von äußeren Gefahren und Nöten, von möglichen Kompromiffcn und neuen Verwicklungen (sehr realistischer Art!) gesprochen. Ich habe nicht auf die Unklarheiten und die schwankenden Ausdeutungen hingewicsen. denen die Begriffe Volk und Nation unterliegen. Es ist auch in diesem Rahmen unmöglich, die positive jüdische, nichtzionistische Stellung anders, als wie cs geschehen, d. h. andeutungsweise darzustellen. Was ich hervorheben will und was mir von Wichtigkeit zu sein scheint, ist dies: daß der Zionismus als geistige Bewegung zur Erneuerung des Judentums mit den Tendenzen des geistigen Europa der Gegenwart genau so konform ist, wie es ehedem Emanzipation und Reformjuden waren! Ich glaube, daß sich die Zeichen für eine echte religiöse Erhebung mehren, in der das Judentum seinen eigensten Platz cinzunchmen berufen ist: nicht als Kulturerscheinung, nicht als Ideologie, sondern als gelebter Glaube. In dieser Erhebung muß der Jude seine Stelle als religiöse Persönlichkeit finden: im zein'ibcrlcgenen Geiste seiner Lehre, seines Prophctentums. seines Glaubens an das Walten des einzigen Gottes in der Geschichte, auf deren Grunde das Judentum lebt, als Glied des „metaphysischen Volkes" unter den Völkern, dessen Stellung zur Kultur überhaupt und zu allen geistigen Werten von seiner besonderen religiösen Einstellung auf das Absolute her eine völlig andere ist, als die einer jüdisch-eigenen Kultureinheit. Ich glaube, daß der Kampf um Judentum und Judenheit ein notwendiger ist und daß aus ihm heraus die Versuchung überwunden werden wird, die in der Form der zionistischen Realgestaltung an den Juden heran getreten ist. Wir kämpfen für unsere Freiheit als Judenheit mit der ganzen Menschheit den gleichen Kampf. Wir kämpfen ihn gläubigen Herzens für die Menschheit wider all jene Menschheit, die knechten will, aber nicht so, daß wir dabei selber unser Judentum als Realkultur und endlich als etwas rein Polnisches verdinglichen, sondern nur um das zu sein, was wir sein wollen, zu unserm Heil und zum Heile aller: nicht ein Stamm, ein Volk, sondern religiöser Stamm und Glaubensvolk. Wohl weiß ich, daß von bester zionistischer Seite diese Behauptung des religiösen Sinnes des Jude-Seins zugegeben wird — ja, es mag sogar schon Zionisten geben, die ihre Bewegung Nur als einen „Nebergang" zum wahren Indem tum empfinden. Mit ihnen ist kein Streit, wenn nicht doch auch bei ihnen jene lleberwermng und falsche Einstellung auf das Natürliche und Rcalgeschichtliche durchbricht. Gerade diesen Kreisen muß. so hoffen wir,' schließlich Klarheit darüber werden, daß der Weg zum Judentum nur durch das Judentum selber und seine heilige Lehre fuhrt, aber nicht über' die Straßen der politischen Welt, nicht durch die Wirrsale ihrer Zwecke und Meinungen, und daß unser jüdischer Kidduschhafchem keiner Umwege bedarf. Die Zeit ist aus den Fugen. Wieder blickt die gequälte Menschheit aufwärts, da der Blick abwärts sie liichr mehr zu leiten vermag, lieber Völkern und Kulturen schlägt eine neue Sintflut znsammen. Verlassen wir die Arche nicht, die uiis durch Jahrtausende über das Meer der Weltgeschichte getragen hat. Kein Berg irgendeines Landes ivird hoch genug sein, uns vor dem Uiltcrgang zu bewahren, keine Wirklichkeit schützt vor dein Weltgericht, wenn nicht der Glaube in uns. „Glaubet ihr nicht, so bleibet ihr nicht!" spricht der Prophet. Heule ruft es das Judentum seiner Judenheit zu. (Seile 40 bis Ende.) Der erste allgemeine Studententag deutscher Kochschulen. Dom 17.—19. Juli tagte in Würzburg zum ersten Male der allgemeine Studententag deutscher Hochschulen. Der Plan, ein allgemeines deutsches E-tudentenparlament zu schaffen, in dem alle deutschen Studenten ohne Rücksicht auf ihre Zugehörigkeit zu einer Korporation odcrHochschulgattung zu Worte kommen sollen, reicht weit zurück. Der Studententag, der in Jena im Januar 1918 zusammentrat, beauftragte die Universitäten Berlin und Güttingen und die Technische Hochschule Stuttgart mit der'Vorbereitung eines solch.n allgemeinen Hochschultagcs. Um eine Grundlage für die Zusammensetzung der Vertretung zu geben, wurde bestimmt, daß auf jedes angefangeneTausend Studierende ein Vertreter entsandt werden durfte, und daß diese Vertreter aus allgemeinen gleichen Wahlen hervorgehen sollten. Fast alle Hochschulen des Deutschen Reiches waren vertreten, auch die österreichischen Universitäten Graz und Innsbruck und die Technische Hochschulen in Graz hatten Vertreter entsandt; im ganzen kamen 60 Hochschulen mit 117270 (Btubentm durch 148 Vertreter zum Wort. Tie Tagung wurde am -16. Juli mit einem Begrüßungsadend eröffnet; es war dies die einzige gesellige Veranstaltung, und auch sie nicht als Festlichkeit gedacht, vielmehr sollte sie der persönlichen Fühlungnahme der einzelnen Vertreter dienen. Die Verhandlung begann am 17. Juli nach Prüfung der Mandate um 9 Uhr vormittags. Nach Absendung eines Telegramms an Generalfeldmarschall von Hindenburg (weitere Telegranune wurden bis zum Schluß der Tagung zuruckgestellt) und Annahme einer vorläufigen Geschäftsordnung, folgten die Referate über den Verfaffungsentwurf, die Zuständigkeit der allgemeinen Studentenausschüsse und die Neugestaltung des studentischen Disziplinarwesens. Die Beschlußfassung über die Verfassung wurde zum letzten Tage zurückgestellr, bis zu dem ein hierfür eingesetzter Sonderausschuß die vorliegenden Entwürfe durchberaten sollte. Beschlossen wurde ferner, daß auf.Antrag von fünf Vertretern oder drei Hochschulen, zur Vermeidung einer Majorisierung der kleinen Hochschulen, eine Nachabstimmung möglich sein sollte, bei der jede Hochschule nur eine Stimme hat.