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KC-Blätter · 1919-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1919) · p. Seite 119

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1919
Issue
Heft 7-8 (Juli 1919)
Date
1919-07-01
Page
Seite 119 (sequence 15)
Language
German
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119 wollten. Man redet aneinander vorbei, statt Tatsachen setzt man Empfindungen, denkt und spricht über Dinge, die in ihrer ganzen Ausdehnung in tatsächlicher Beziehung durchforscht werden müssen, um zu einem Urteil zu führen. Je größer das Wissen, desto bescheidener das Urteil, und je klarer das Urteil, desto mehr die Fähigkeit, vorhandene Nebel abzuwenden. Der antisemitische und der innerjüdische Parteikampf ist von beweislosen Redensarten erfüllt. Wer bestrebt ist, die Klarheit herbeizuführen, wird in allen Lagerir Segen stiften. Trum ist das Fuchssche Buch zu begrugen. Es ist ein Führer der Verirrten für viele, die in Mischen Fra.reu zu einer Klarheit kommen sollten, ein unentbehrliches Werkzeug für unsere Heranwachsende Jugend, eine nonrnndige Einführung in die Fragen, die sie Zeit ihres Levens am meisten bewegen werden. Judentum rmd Zionismus. Von unserem Kbr. vr. Eduard Strauß (Nass.) ist soeben unter dem obigen Titel (vgl. Bücherschau) eine Broschüre erschienen, die in der Form vornehm und klar, in der Sache zwingend und überzeugend der nationaljüdischen Ideenwelt zu Leibe rückt. Allen K. C.ern sei die Schrift, die noch viel von sich reden machen wird, zur Lektüre dringend empfohlen. Zwei besonders markante Stellen seien im folgenden abgedruckt. Tie westeuropäische Judenheit war seit einem Jahrlmnbiut in die Gemeinschaft der westlichen GejamtzivUiiaiion ausgenommen. TiesesJahrhundertlebhaftester muaor und äußerer Bewegung hatte den bis zur französiicheu Revolution im Ghetto abgeschlossenen Juden erfaßt. Lange gehemmte Kräfte beteiligten sich in aufalmender Betriebsamkeit an der allgemeinen Arbeit. Hohe geistige Spannkraft, jahrhundertelang geübt, erprobte sich nun im Bereich der Probleme, die die Welt bewegten. Eigenes trat — oft allzu willig — hinter Allgemeinem zurück; immer noch wühlende und befeindende Gegner- Ichail wurde leicht übersehen, und der Druck des Äusgeschlossenseins minderte sich bis zur Unfühlbarkeit. Die allgemeine Aufklärung und die volle Emanzipation entzogen ganz allmählich den Juden, was/vielen bisher Shmbol der Einheit gewe,en war: das religiöse Gesetz, Veit rituellen Riesenapparat von heiliggehaltemm Bräuchen und Vorschriften, die, bis ins. kleinste das Leben des Einzelnen regelnd, vergangenen Generationen eine Bindung gegeben hatten. Das. was man im Mittelalter „das Volk der Juden" genannt hatte, was sich selber wohl oft noch lebensgememschaftlich (wenigstens in großen Gruppen) so empfand, vermischte sich mitlebend enger mit den Völkern und deren realer politischer Daseinsform, um sich selber an der Ausgestaltung.dieser Form zu beteiligen. Das wissenschaftliche, philosophische, künstlerische Leben der Zeit ergriff machtvoll den Juden und gab ihm Anteil — zugleich aber schwand Stück für Stück das, was in pietätvoller Tradition gehegt, was immer für spezifisch-jüdisch gehalten worden war. War nun den nreisten eben die traditionelle Form des Judentums das Ganze, so mußte dieses Judentum scheinbar selber schwinden mit seinen Lebensformen. Assimilierte sich der Jude dem Menschenlypus der Zeit, so blieb nichts zurück. was ihn noch besonders an das Judentum hätte fesseln können. Die Einstellung der Zeit auf ein Allgemein-Menschliches. auf eine Ueberwertüng der Arbeit und der Beiveglichkeit gegenüber allen unvertretbaren, in sich ruhenden Werten, Vorherrschaft des Nützlichen, die allgcineine Mechanisierung des Lebens — alles dies bewirkte, daß dem Juden eineigenes religiöses Leben keine Angelegenheit mehr war. . Wenn nicht restloser, durch die Taufe besiegelter Abfall, so war es zumindest der \ Jndiffercntismus weiter Kreise, der am Mark des Judentums zehrte. Soweit nicht völlige Negation des Judentums oder ein widerliches Tarüb.er-Wegsehcn geradezu zur Bedingung „modernen" Lebens gehörte, entartete die Religiosität des Judentums zur bloßen Konfession — zu einer Rubrik in den Listen der staatsbürgerlichen Zugehörigkeit. Aber dieses lichtlose Bild wäre einseitig, würde nicht der Schichten gedacht, die, trotz der allgemeinen Zeitströmung, in gesetzestreuer Haltung verharrten und dein Geiste' der Reformen stärksten Widerstand entgegensetzten. Und auch unter denen, die gewillt waren, alte überkommene Formen preiszugeben, weil sie ihnen gefühlsleer geworden waren, erhoben sich immer wieder die Besten, um forschend und lehrend, mahnend und helfend sich mit ganzer Seele für das Judentum einzusetzen und in der äußerlich so reichen, aber innerlich armen Zeit der Väterreligion den hohen Rang zu wahren, der ihr zukam. Wir bemerken an dieser Zeit als etwas ihr Eigentümliches, daß Judenheit und Judentum sich voneinander gelöst haben. Wurde das Judentum lediglich zur „Idee" einer allgemeinen Ethik — büßte es also seinen personalen religiösen Rang ein —, so blieb Sache der Judenheit der Kampf um die volle bürgerliche Gleichberechtigung. der gegen den Antisemitismus zu führen war. Mag cs nun sein, daß hierbei die Apologie des Judentums und der Juden als Menschen oftmals allzueifrig Wesenhaftcs preisgab und im Negativen und im Gleichmacherischen verblieb — soviel muß gegen vielfache Behauptungen der Zionisten gesagt werden: an Selbstbewußtsein, an Menschenwürde fehlte es in diesem Kampfe.. keineswegs! Die Haltung der Zeit hat sich gewandelt: der „Gleichung" tritt wieder die „Ungleichung" entgegen, dem scheinbar alles beherrschenden Rationalismus widerspricht das Irrationale alles Lebendigen. Das Eigengesetzliche, das Selbständige tritt in den Vordergrund des Zeilbewußtseins. Das gilt für die Allgemeinheit der heutigen Europamenschheit, gilt für den Juden insbesondere. Auch er empfindet, daß die Trennung von Judenheit und Judentum eine unnatürliche ist, und er weiß, daß der Kampf um sein Selbstsein nicht mehr mit den alten Mitteln geführt werden kann. Aus diesem klaren Bewußtsein ist der Zionismus erwachsen. Die seelische Lage, in die er eintrat, kann etwa so charakterisiert werden: als Bekenntnis zum Judentum genügt nicht mebr die Anerkennung einer Ideologie — das heißt, all jenes Gedankliche, das als Erbik den vornehmsten Inhalt jüdischer Lehre für die „Aufklärung" bedeutete. Eme schließlich auf philosophische Gedanken zurückzuführende Lehre, die ja (wie behauptet wird) längst Gemeingut der abendländischen Menschheit geworden ist, gilt nicht mehr als spezifischer Gehalt. Das Religiöse, .verstanden als FesthaUen an Ritus. Kultus, Gesetz, bröckelt mehr und mehr ab. Ganz und gar ohne bindenden Wert für die große Masse der Juden bleibt eine Wissenschaft des Judentums, eine reine Geschichtsforschung; sie lebt — streng genommen — im Toten. Mit einer noch so genauen geschichtlichen Darstellung von Gewesenem erfüllt man nicht das Wollen lebendiger Gegenwart — das regste Interesse beteiligter Kreise bleibt rm Unschofperischen. Wille zur Selbstbehauptung aber ist da. Das Eigenbewußtsein verlangt gebieterisch einen vollebendigen Inhalt. Wo ist der nun zu finden? Dem ganzen Charakter der Zeit entspricht es, diesen Inhalt nicht im Sinne des prophetisch-gläubigen Geistes zu suchen, sondern — da der Gedanke an ein „Werden von unten", an. natürliche oder auch seelische Entwickelung, nicht aber an geschichtliche, göttliche Offenbarung, die Menschen beherrscht — den Inhalt eben aus

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