KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1919
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1919)
- Date
- 1919-07-01
- Page
- Seite 117 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2268830-2268917-2268922--2378-2271535- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
117 wenn es nur iiod) jüdische Volksgemeinden gibt, aus diesen auslrelen. Die Trennung von Kirche und Staat wird diesen Austritt erleichtern. Ein Teil der Ausgetretenen wird sich vielleicht in Glaubensgemeinden zusammenschließen und ähnlich den apostolischen u. a. Gemeinden ein kümmerliches Dasein fristen, ein anderer Teil aber wird dem Judentum dauernd verloren gehen! Es wird zu einer unheilvollen dauernden Spaltung zwischen Volks- und Glaubensjuden kommen, ein unheilbarer Niß wird durch die jüdische Seele gehen, der Untergang des deutschen Judentums wird nur noch beschleunigt werden. Des deutschen Judentums. dessen Erhaltung uns doch allen am Herzen liegt! Oder liegt sie uns allen vielleicht gar nicht am Herzen? Freilich, die Zionisten wollen ja gar nicht die Erhaltung des deutschen Judentums! Sie erklären ja selbst, der Zionismus werde seinen Weg ohne die deutschen Juden und über sie hinweg nehmen! Ihnen ist es gleichgültig, wenn das deutsche Judentum abstirbt, sie halten es nicht für eine absolute wertvolle Frucht am Baume Judas. Doch welcher Fehlerliegt hierin! Könnte man nicht eher umgekehrt sagen, der wertvollste Teil der Judenheit seien die deutschen Juden. Haben nicht etwa deutsche Juden in großerAnzahlunoergänglicheKulturwerte geschaffen, sind nicht von deutschen Juden Gedariken ausgegangen, die heute die ganze Welt erschüttern. Kann das Ostjudentum aus sich heraus etwas Aehnliches aufweisen, wo es nicht von deutscher Kultur berührt wurde? Hat die Lehre und Wissenschaft von Judentums nicht gerade durch die deutschen Juden reiche Förderung erfahren, und wo wäre letzten Endes der Zionismus heute, wenn nicht deutsche Juden seine Führung an sich genommen, wenn nicht von deutscher Kultur durchtränkte Juden seine ersten Leiter gewesen wären! Es liegen oben Werte in dieser geschichtlich gewordenen festen Vermischung deutscher Kultur mit jüdischer Art, deutschen Hirnes mit jüdischem Herzen, in dem. was wir die Synthese von Deutschtum und Judentum nennen! Wir haben sie längst als wertvoll erkannt, Moses Mendelssohn und Gabriel Rießer verkörpern uns ihre Wahrheit. Die Zionisten leugnen den Wert der Synthese ab. sie haben ihn nicht erkannt oder wollen ihn nicht erkennen. Trotzdem wird dieser, unser Gedanke, die Zukunft für sich haben, weil er die einzig rnögliche, einzig natürliche uud reale Lösung der deutschen Judenfrage bedeutet! Schon regt sich eine Stimme im zionistischen Lager, die das einsieht. Man glaubt, einen Vertreter unserer Anschauung zu hören, wenn man Sätze liest, wie: „Es wäre um die Forderung der vollen staatsbürgerlichen Rechte der Juden schlecht bestellt, wollten und könnten wir den Völkern, unter denen wir leben, nicht die Ueberzeugung verschaffen, daß uns mit ihnen die jahrhundertelange. gemeinsame historische. politische, soziale und kulturelle Entwicklung (im Original gesperrt) auf bas engste verknüpft hält. Sie müssen fühlen, daß wir gemeinsam mit ihnen den nlateriellen und geistigen Fortschritt des Landes wollen, wo wir seit Jahrhunderten eine Heimat gefunden haben, die wir lieben. Alle Kulturgü:er. die Deutschland geschaffen hat. sie sind uns in Fleisch und Blut übergegangen ..., wir sind Kulrurdeutsche geworden... Wir sind Juden nach "Abstammung, aber unsere Gedanken 'sind deutsch. Unser Blut ist jüdisch, unser Gehirn denkt deutsch.... Die Strahlen der deutscher» Kultur brechen sich im Prisma des Juden..." Das schreibt ein Zionist. Kbdr. Prof. vr. Carl Lewin. Berlin, im Märzheft der neuen jüdischen Monats hefte. Wo weicht seine Meinung überhaupt noch von der unsrigen ab? „Wir fühlen mit unseren deutschen Mitbürgern eine Willens- und eine Schicksalsgemeinschafr. Denn des Deutschen Reiches Schicksal ist mit dem unsrigen aufs engste verknüpft ... Die sich im Galuth nach Erhalt der Autonomie entwickelnde Kultur wäre unzweifelhaft eine ganz andere, als die im jüdischen Palästina... Darum ist für uns Juden das Galuth die Forderung des Primats des Judentums auch nur in kulturellen Dingen etwas Unmögliches ... Daß aber ein Primat des Judentums in staatsbürgerlichem Sinne bestehen sollte. .... ist selbst in den Ländern mit nationaler Autonomie der Juden unmöglich. ... geschweige denn für die Juden Deutschlands..." Und noch viele solche Sätze könnten hier angeführt werden, wäre der Raum nicht zu knapp. Der Artikel sei der Lektüre der Kartellbrüder empfohlen. Lewin kommt schließlich zu dem Ergebnis: „es wird für uns Juden der Diaspora immer nur ein Kompromiß geben"... „auch Margulies hält den Zeitpunkt für gekommen, daß der Kampf zwischen Thesis und Antithesis durch eine Synthesis überbrückt wird." Ja, Herr Kartellbruder Lewin, diese Ueberbrückung von Thesis und Antithesis glauben wir längst gefunden zu haben. Sie ist uns nichts Neues, sie ist bei uns Studenten schon lange verkörpert im K. C.-Gedanken! Was sagen die Parteigenossen des Kbdr. Lewin zu seinen Anschauungen? Sie werden sie vorläufig noch abschütteln, aber daß der Zionismus der deutschen Zionisten einst nur diesen Weg zu einer glücklichen Lösung wird beschreiten können, den Weg zur Befreiung aus dem Dilemma, in das er sich selbst und die deutsche Judenheit durch seine Ideen gebracht hat, das ist meine felsenfeste Ueberzeugung! Drei Wege öffnen sich dem deutschen Juden in die Zukunft: heute steht er am Scheidewege und hat zu wählen. Einmal: Er bekennt sich zum jüdischen Staate,