KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1919
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 81 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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und Industrieschulen für die russischen Juden allzübahnenzu welchem Zwecke Baron Hirsch für den Anfang SO Millionen Rubel zu widmen bereit war. Venetiani fand in Petersburg sehr freundliche Aufnahme, die Regierung zeigte sich seinen Plänen geneigt. Um dieselbe Zeit weilte vr. Pinsker in Paris und suchte durch Michel Erlanger Beziehungen zu Venetiani anzuknüpfen, um den Baron Hirsch für die PalästinasaHe zu gewinnen, — wohl in der Hoffnung, die Kolonien von der Rothschildschen Verwaltung zu befreien. Allein Venetiani war damals in Petersburg. In einem , späteren Brief an Pinsker erklärte Erlanger, jede Bemühung nach dieser Richtung wäre vergeblich, da Baron Hirsch ein „Affimilator", somit ein Gegner der Palästinaidee sei, Pinsker ließ sich davon nicht abschrecken, da ihm ja die Absichten des Barons auf Palästina aus dem Jahre 1883 bekannt waren. Als Baron Hirsch und sein Sekretär im Herbst desselben Jahres in Konstantinopel weilten, entsandte der damals krank darnieder liegende Pinsker dorthin den bereits erwähnten Rechtsanwalt Kalmanowitsch, und dieser machte die Erfahrung, daß Baron Hirsch tatsächlich ein Assimilator war. Venetiani erklärte ihm nämlich, den Juden täte nicht ein neues Lan-, sondern neue produktive Berufszweige not, die sie in der alten Heimat gleichfalls finden könnten; der Baron stünde eben mit der russischen Regierung wegen Errichtung von Handwerkerschulen in Unterhandlungen. Aber in Rußland gewann der extrem-nationalistische Kurs Oberwasser sein Hauptvertreter Pobjedonoszew gab die Parole aus: ein Drittel der Juden müßte totgeschlagen werden, ein Drittel müßte verhungern, ein Drittel müßte auswandern (das war seinerzeit auch die Devise der byzantinischen Kaiser gegen die Juden in Palästina gewesen). Unter diesen Umständen konnte Hirsch an die Verwirklichung seines Planes nicht denken. Er lenkte sein Augenmerk auf Amerika, wo in Kanada schon 1684 eine jüdische Ackerbaukolonie gegründet worden war, und wo auch anderwärts die landwirtschaftliche Ansiedelung von Juden gute Aussichten verhieß. Er brauchte sich nicht daran zu stoßen, daß eS ein getaufter Jude, der deutsche Ingenieur Löwenthal und der nicht gerade jugendfreundliche Engländer Arnold White es gewesen, die ihn auf Argentinien hinwiesen. — White beabsichtigte damit, den Einwandererstrom von England abzulenken — zumal russische Emigranten bereits in den Jahren 1889 und 1890 in diesem Lande Versuche einer Siedelung unternommen harten. In großem Stile begann dortselbst die JCA. im Jahre 1893 zu arbeiten. Baron Hirsch hinterließ ihr einen sehr beträchtlichen Teil seiner Milliarde, gab der Stiftung eine konzentrierte, energische Verwaltung und stellte sie auf gesunde Grundsätze. Die JCA. ist weder national noch antinational, weder orthodox noch freisinnig, weder zionistisch noch antizionistisch. Sie ist gänzlich apolitisch. Ihr einziges Ziel besteht darin, möglichst ausgedehnte, zusammenhängende jüdische Siedelungen auf gesunder, wirklich landwirtschaftlicher Grundlage zu schaffen; die Verwaltung strebt danach, sich selbst überflüssig zu machen indem sie die Siedler zur Selbständigkeit erzieht; sie mengt sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Kolonie ein und läßt ihrer Autonomie und ihrer wirtschaftlichen Initiative soviel Spielraum als möglich. Sie braucht die Juden nur aufs Pferd zu setzen, reiten werden sie schon allein. Es ist Unsinn, ihnen eine gebundene Marschroute in die fernste Zukunft vorschreiben zu wollen. In Palästina läßt sich die JCA. die Mitwirkung der Zionisten gern gefallen, ha diese Mitwirkung manchmal sehr wertvoll sein kann; gestattet aber dem ZionismuSkeinen Einfluß auf ihre apolitische „Politik". Was für Ergebnisse sie damit erziehst hat, haben wir gesehen. Elkan Adler in London schreibt in seinem-Buch „Jews in many Land“, er habe von-Baron Hirsch gehört, er sei deswegen ein Gegner Palästinas gewesen; weil er überzeugt war, daß dieses Land schließlich doch in die Hände Rußlands fallen würbe. Diese Relation klingt sehr unwahrscheinlich. Wir wissen nämlich, daß Baron Hirsch kein prinzipieller Gegner Palästinas war, — — sonst hätten die Männer..an der Spitze der JCA. kurz nach seinem Tode schwerlich gegen seinen ausdrücklichen Willen gehandelt und die Kolonien in Palästina übernommen. Ferner wiffen wir, daß Baron Hirsch der Ansicht war, die Juden könnten bei gebesserter wirtschaftlicher Lage sogar in Rußland ganz gut unter der russischen Regierung existieren; um wieviel leichter wäre, dies in Palästina möglich. Da Palästina, die Uebergangsbrücke von Afrika nach Asien, nur für jene Großmacht einen Wert hat, die durch dieses Land ihre afrikanischen mit den asiatischen Besitzungen verbindet, so hätte Rußland sich erst in den Besitz von Vorderasien und von Aegypten setzen müssen, um nach den Besitz von Palästina, beim etwaigen Zerfall der Türkei, zu streben. Daß ein Mann wie Baron Hirsch nach der Okkupation von Cypern und Aegypten dies für möglich gehalten hätte, ist sehr unwahrscheinlich. Möglich, daß Baron Hirsch einem Engländer gegenüber auS Höflichkeit Rußland stattEngland sagte. Er mochte wohl die Befürchtung hegen, daß Palästina in den Händen Englands zum Zankapfel zwischen diesem und Frankreich werden könnte, welches m Syrien wichtige Interessen besitzt, daß es schließlich sich in eine HeereSstraße verwandeln müßte, nicht aber zu einem Sitz friedlicher Bauern, die eine ruhige, stille Entwicklung brauchen. AuS den jüdischen Siedelungen würde England sich ein zweites Ulster, gegen die Araber, zu schaffen bestrebt sein. Man braucht nur Lord Cro merS berühmtes Buch -The modern Egypt“ aufmerksam zu lesen, um einzusehen, um wieviel leichter daS Leben in Aegypten den Engländern wäre, wenn sie dort eine Million anderssprachiger und andersgläubiger Bevölkerung hätten, die sie gegen Ureinwohner großmutig beschützen und --ausspielen könnten. Seit dem berühmten Cypernvertraa mit der Türkei vom 4. Juli 1878, in welchem England dem ottomanischen Reich den unantastbaren Besitz von Vorderasien - verbürgte, verfolgte es unausgesetzt das Ziel, sich den Landweg über Dorderasien nach Indien zu sichern. Jetzt ist das Ziel erreicht. Palästina ist englisch, denn der Völkerbund, unter dessen „Schutz" das Heilige Land stehen soll, wird ja nichts anderes sein, als ein Instrument in englischen Händen. England errichtet dort einen Sudenstaat, ein „nationales Heim für das jüdische Volk". on den 14 Millionen des jüdischen Volkes wohnen gegenwärtig 86—100000 Seelen unter 600000 Arabern. in Palästina. Von diesen jüdischen Einwohnern besitzen etwa 1000 Familien 2% der Bodenfläche des Landes. Das jüdische Volk wohnt also gar nicht in diesem jüdischen Lande. Aber es soll dorthin übersiedeln, um den Boden in Besitz zu nehmen und ihn zu bearbeiten. Denn nur das Volk, welches den Boden bearbeitet, besitzt das Land. Wie wäre das anzustellen? Ein junger Mann aus Berlin, namens Lichtheim, der bis vor kurzem diplomatischer Vertreter des Zionismus in Konstantinopel war, versicherte im Namen der zionistischen Weltorganisation: In den nächsten 30 Jahren werden ganz bestimmt 1,5 Millionen Juden in Palästina angesiedelt.werden. — Selbst wenn dieses durchführbar wäre, könnte es nicht das Geringste zur Linderung des Judenelends in Europa beitragen. Aber ist dies durchführbar? Was für Erfahrungen der genannte junge Mann auf kolonisatorischem Gebiete besitzt, wie viele Kolonien er schon gegründet hat, ist nicht bekannt geworden. Aber