KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1919
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Muß es denn just Palästina sein? sagte sich indessen Herzl, .als er merktedaß die Ansichten auf den Charter in nebelhafte Ferne rückten. Er wandte sich im Namen des 1898 begründeten Londoner „Jewjsh Colonial Trust“ an Joseph C hamberlein mit dem Ansuchen, ihm in irgendeiner der englischen Kolonien ein Land zur Gründung des Judenstaates zu überlassen. Die englische Regierung wies auf die Halbinsel Sinai hin- (Dort hatte in den 80 er Jahren ein getaufter Jude, namens Fri ed m ann, mit einer größeren Anzahl russischer Flüchtlinge eine Kolonie gegründet; das Unternehmen war jämmerlich gescheitert, und zwar an der Unbrauchbarkeit des Bodens. Die Kolonisten gingen größtenteils zugrunde.) Herzl entsandte dorthin -im Winter 1903 eine Expedition, die sich jedoch gegen das Projekt aussprach. Auf dem Kongreß 1903 konnte Herzl einen gewaltigen Triumpf seiner Diplomatie ankünden. England hatte mit sehr warmen Worten den Juden eine gesicherte Heimstätte in-Uganda angeboren! Das war ein berauschender Triumpf. Schon allein die Tatsache, daß ein mächtiges Reich den Juden ein Land zur Begründung eines eigenen Staatswesens überlassen wollte, bedeutete einen „Wendepunkt in unserer Geschichte" und war geeignet, unsere Herzen höher schlagen zu lassen. Freilich war der Weg von Palästina nach Uganda sehr, sehr weit. Unter den Zionisten drohte eine Spaltung einzureißen. Die zur AuSsenvung einer Expedition dorthin nötigen 20000 Rubel waren schwer aufzubringen. Der Jüdische Nationalfonds versagte seine Mitwirkung. Aber schon war ein abermaliger gewaltiger Triumpf zu verzeichnen. Herzl wurde im August 1903 von dem russischen Minister Plehwe, diesem grausamsten Judenquäler, empfangen. Plehwe hatte nichts dagegen, daß alle Juden, sogar auf einmal, aus Rußland auswanderten und einen eigenen Staat begründeten, in Palästina, Uganda oder auf Honolulu. In Wilna bereiteten die Zionisten zu Ehren Herzl's enthusiastische Kundgebungen, wie sie diese Gemeinde seit der Anwesenheit Moses Montefiores in ihren Mauern, 1846, nicht gesehen hatte. Allerdings gab Plehwe gleich darauf einen scharfen Erlaß gegen den Zionismus heraus, der die zionistischen Vereine und das Sammeln für den Nationalfonds förmlich verbot. Aber das minderte nicht im geringsten den Glanz der Tatsache, daß selbst dieser fürchterliche Jüdenwürger nichts gegen einen Judenstaat einzuwenden, hatte. Die zionistische Werbearbeit für Uganda ließ nicht nach, die amtlichen Organe ergingen sich förmlich inLobliedern auf dieses Land und in Herabsetzungen Palästinas. Nach Uganda sollten wir ziehen, in Uganda das neue Jerusalem mit dem siebenstündigen Arbeitstag aufrichten. Aber die noch immer zahlreichen Anhänger Palästinas fragten sich, wenn es schon mcht unbedingt Palästina sein muß, war nicht Argentinien dem Weltenfernen unbekannten Uganda vorzuziehen? Der Uganda-Taumel wich erst, als die Expedition den Bescheid heimbrachte, dieses Land sei gänzlich ungeeignet. Da erscholl auf einmal der erlösende Ruf: „Zurück nach Palästina!" sogar der Bann gegen die „Infiltration" wurde aufgehoben. Herzl setzte indessen unveyagt seine. diplomatischen Missionen fort. Im Winter 1904 würde er vom Papst und vom König von Italien empfangen. WaS der Heilige Vater gesagt hatte, weiß man nicht, jedenfalls hatte er nicht unbedingt „Nein" gesagt. Vom König von Italien dagegen wissen wir ganz genau, daß er den Präsidenten des Zionistenkongresses sehr gnädig empfing, sich mit ihm lange unterhielt, sich nach dem Befinden sämtlicher Juden erkundigte und steudigen Herzens seine Einwilligung erteilte, einen jüdischen Staat auf türkischem Gebiet zu errichten. Wäre Herzl nicht ein halbes Jahr darauf gestorben, er hätte uns gewiß die Einwilligung des Fürsten von Montenegro und des NeguS von Abeft synien gebracht. Hat nicht erst vor kurzem Japan erklärt, eS habe nichts dagegen, daß in Palästina ein Judenstaat gegründet werde? . AIS Herzl, dieser Idealist, an dessen Uneigennützigkeit auch seine Gegner nicht zweifeln, auS dem Leben schied, durfte er sich sagen, daß er die Idee des Zionismus, die er fertig vorgefunden, nicht nur nicht um Haaresbreite gefördert, sondern ihre Verwirklichung schwer gehemmt hatte. Weder harte er etwas dazu beigetragen. Juden als Landwirte anzusiedeln, noch dazu, daS Land unserer Väter durch Juden zu besiedeln. Beides hatte er sechs oder sieben Jahre lang hintenangehalten. Der jüdische Landbesitz war durch ihn nicht um ein Ar, nicht um einen Halm vermehrt worden. Nicht einen einzigen neuen oder fruchtbaren Gedanken oder Plan hatte er hinterlassen. Der Charter erwies sich als eine Chimäre. Die Sinaihalbinsel und . die Uganda hatten nur Verwirrung gestiftet und mußten fallen gelassen werden. Der Jewish Kolonial Trust besaß in London prächtige Burauräume mit Direktoren und dem ganzen Zubehör, konnte aber vorläufig nichts unternehmen. Der Jüdische Nationalfonds war nicht in Basel, sondern in Minsk worden, uno zwar im ausgesprochenen egensatz zur Herzlichen Politik. Nur ein Riesen gebirge von bedrucktem Papier hatte Herzl hinterlassen — Zeitungen, Broschüren, Flugblätter — und ein wildes Chaos in den Köpfen Und dennoch hallte die Totenklage nach ihm so laut und weit, wie nach keinem wahrhaft verdienten Mann in der Judenheit, und die Trauer war, besonders bei der jüngeren Generation, tief und schmerzlich. Die Menschen lieben und bewundern nämlich nicht diejenigen, welche sie zu anstrengendem Nachdenken und harter Pflichterfüllung erziehen, oder sie zu geräuschloser entsagungsvoller Arbeit anleiten, deren Früchte langsam reifen uno erst von der Nachwelt genossen werden können, sondern nur diejenigen, die ihrer Phantasie lustvolle Bilder vorgaukeln, sie in süße, berauschende Träume wiegen, ihre Nerven angenehm kitzeln, ihrem Größenwahn schmeicheln. Nur solche „Führer" sind populär, die anderen müssen sich mit der inneren Befriedigung und dem Urteil der Geschichte begnügen... Der Baron Hirsch war einer der genialsten und kühnsten wirtschaftlichen Organisatoren der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Den nahen Orient kannte er ausgezeichnet. Mit der Judenfrage hatte er sich vielfach beschäftigt und einige Male durch Millionenspenden, namentlich an die Pariser Alliance, die Verbreitung von nützlichen Kenntnissen unter den jüdischen Massen gefördert. Die russischen Pogrome regten ihn an, über eine umfassende Aktion zur Linderung des Judenelends nachzudenken. Wir wissen, daß er anfänglich an die Schaffung von Siedelungen in Palästina dachte, aber dem Baron Rotschild den Platz räumte. Seitdem galt er als „Assimilator", als Gegner der jüdisch-nationalen Idee. Im Sommer 1887 entsandte, er seinen Sekretär Venetiani nach Petersburg, um Verhandlungen mit der Regierung über Begründung von Handwerk-