KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1919
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ms aller Kreise, .namentlich aber „den Durst nach großen Taten", nämlich großen Worten,' der die heranreifenbe Jugend stets beseelt'. Wie grau und nüchlern erschien, mit solchen glänzenden Aussichten verglichen, eine Kolonie mit ein paar Bauernhäusern und' einigen Stück Lieh in Palästina oder gar im fernen Argentinien! Die ganze bisherige Wirksamkeit dev Chvwewe Zion wurde auf einmal zu Staub und Asche. Die „Infiltrqtion" Palästinas, die Besiedelung des Landes dtirch Juden, die Schaffung eines jüdischen Bauernstandes im Lande der Väter verschwand vom offiziellen Programm des Zionismus, und an deren Stelle trat das Ideal „die völkerrechtlich ge-' sicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina" (Baseler Programm), die nur durch den Charter zu erreichen wäre. , Auf welchem Wege aber könnte man einen Charter erreichen? Natürlich nur auf dem Wege der Diplomatie. Jetzt beginnt die neue Phase des Ziomsmns, die diplomatische. Ein Charter ist nebenbei eine Sache, die auf völkerrechtlicher Basis beruhet: muß. Lilienblunt erklärte zwar.1898 den Judenstaat für eine Utopie und behauptete, auf das Völkerrecht wäre heutztitage kein Verlaß. Allein gegen ihn zeugten „Autoritäten",' wie Herzl und Max Nord au, die in Paris lebten, und in der Neuen Freien-Presse schrieben. (Herzl war einige Jahre hindurch Pariser Korrespondent und wurde, nachher Feuilletonredakteur dieses Blattes.') Man muß wissen, wie stark der Glaube der Juden, namentlich in Osteuropa, an dieses einflußreiche Weltblatt war, um zu verstehen, daß sie in die Versicherungen Herzls grenzenloses Vertrauen setzten. Vor einem Redakteur der Neuen freien Presse öffneten sich alle hohen' Pforten, er stand mit leitenden Staatsmännern und gekrönten Häuptern auf vertrautem Fuße, nichts ivar ihn: unerreichbar. Geheimnisvolle Andeutungen Herzls und seiner Umgebung verstärkten nur noch diesen Glauben. Das beste Geschäft machte dabei die Neue freie Presse, denn ihr Ansehen und die Zahl ihrer Leser wuchs ins Ungemessene. Der anglikanische Prediger der Wiener englischen Botschaft Öechier, der sich als Missionar für die neue Bewegung interessierte, erwirkte für Herzl eine Audienz beim Großherzog von Badenuiib im Herbst 1897 durfte Herzl Kaiser Wilhelnr II.* in Palästina begrüßen. Der Charter lag vor der Türe. Natürlich hätte der Charter, auch wenn er erreicht worden wäre, nicht im geringsten genützt, denn er hätte ja die wirtschaftlichen und finanziellen Kräfte und das einwanderungssähige Menschenmaterial, nicht unr ein Haar* verbessert, und im Ernstfall iväre er ein „Fetzen Papiers" geworden, gleichwie z. B. der Artikel 44 des Berliner Vertrages, den färmliche Großmächte garantier: hatten. Aber in maßgebenden türkischen Kreisen beuachtete man die Sache von:-„finanziellen" Dtandvunkte. Gleich in den ersten Jahren der Kolon! sationsbewegung war der Bodenpreis* in Palästina enorm in die Höhe gegangen; es hatte sich nämlich die Kunde verbreitet, daß hinter diesen blutarmen, körperlich nichr sonderlich hervorragenden Einwanderern das ganze furchtbar gewaltige „jüdische Kapital" von Europa einhermarschierte, welches den Boden des Heiligen Landes kaufen wollte. In türkischen Regierungskreisen wußte man natürlich genau, was davon zu halten war. Politische Bedenken stiegen erst auf, als eine kleine Gruppe Jerusalemer Literaten offen die Errichtung eines unabhängigen Judenstaates in Palästina, also die Losreißung des Landes vom ottomaniscken Reich verkündeten. Ende 1893 wurde der Redakteur Ben Jehuda in Jerusalem sogar für kurze Zeit in Haft genommen, was ihm die Gloriole eines politischen Märtyrers für das jüdische Volk verschaffte und der ggnzen Bewegung einen höheren Anstrich verliehe Selbst die jüdischen Sozialisten welche die ganze Palästinabewegung als kleinbäuerlich, klein- .bürgerlich, 'kapitalistisch/ rückschrittlich schroff ablehnten, singen damals an, gnädig auf sie herabzublicken. \ ' Nun hatte Herzl in seiner Broschüre vorgeschlagen, Die Juden sollten,- wenn sich der Kongreß für Palästina entscheidet, die Staatsschulden der Türkei übernehmen, wofür ihnen diese mittels des Charters die Souveränität über das Heilige Land zu überlaffen hätte. Bei dem ungeheueren Aufsehen, welches der erste Zionistenkongreß in der ganzen Welt erregte, glaubte man in Konstanrinopel eine Weste, Herzl hätte tatsächlich eine geheimnisvolle, aber unerschöpfliche Goldmine.erschlossen. Den Charter schätzte man auf der Hohen Pforte seinem vollen Werte nach ein, und erbot sich, ihn an Herzl auszuhändigen, gegen die Summe von fünfzehn Millionen Rubel. Ein wahrer Spottpreis für ein so weltbedeutendes Dokument! Aber.Herzl hatte nicht ein einziges Milliönchen zur Verfügung! Es war ein Jammer. Ei. war denn nicht die JCA. da, mit ihren vollgestopften Goldtruhen? Eine große Wuberhob sich gegen diese Gesellschaft, Wie? bildete der Zionistenkongreß mit seinen weiteren und engeren Aktionskomitee nicht die einzig rechtmäßige Vertretung der gesamten jüdischen Nation? Hatte er nicht eine nie dagewesene Begeisterung entfacht, hätte Herzl' nicht einen seit Sabbatai Zewi unerhörten Taumel über die ganzeJndenheit ausgegofsen? N»d da wagte eine Privatgesellschaft, kalt auf ihren Gcldsäcken zu sitzen, anstatt sie dem rechtmäßigen Eigentümer auszuliefern: sie schleppte die armen Juden nach Argentinien und Kanada, wo sie dem nationalen Ideal auf ewig verloren gingen; nun hatte sie auch schon angefangen, in Palästina zu rumoren, ohne Herzl, das Aktionskomitee uitd den Kongreß (Präsident, Regierung und Parlament) um Erlaubnis zu bitten. Alles, was in Palästina nicht im Namen oes nationalen Ideals geschah, war ja null und nichtig, profan, sogar schädlich. Der Zorn gegen die JCA stieg immer höher, und Max Nord au machte sich zu seinem öffentlichen Sprachrohr. Tie Privatgesellschaft blieb.vollkommen ungerührt, saß auf ihren Geldsäcken und fuhr fort, die armen Auswanderer nach Amerika zu schleppen, wo sie dem nationalen Ideal auf ewig verloren zu gehen in Gefahr standen, in Palästina tat sie. was sie für nötig hielt, ohne sich um einen Charter zu kümmern. Es ging eben auch so. Theodor Herzl begann unterdessen seine großen diplomatischen Missionen, über die jedoch nur ganz unbestimmte Gerüchte in die Ocffcntlichkeit drangen. Vom diplomatischen Geheimnis durste ja nur ein kleiner Zffifel gelüftet werden. Aber was man sich zuflüsterte, genügte, inn die Zionisten, namentlich die junge Generation in Entzücken zu versetzen. Herzl war von diesem oder jenem Staatsmann empfangen worden, ein anderer hatte „Ja!" gesagt, ein Dritter sogar freudig zugestimmt. Kurz.die Welldiplomatie rechnete mit'uns, wir waren eine Macht, fpicLtcii eine Rolle in der großen Politik. Der Charter kommt, der Charter kommt, der Charter ist schon da! Aber der Charter kam nicht. Alle Tage hofften wir auf ihn, aber er säumte immerzu. Endlich gelang es Herzl. im Mai 1901, wie es heißt, dank der Fürsprache des Profeffors Armin Vambsry. eines persönlichen Freundes des Sultans, zu Seiner Ottomanischen Majestät Zurritt zu erlangen. Er erhielt einen hohen Orden, aber der Charter blieb aus: Die Reihen der Zionisten fingen an zu wanken, die durch das Getöse der Kongreffe und die diplomatischen Erfolge Herzl's eingeschüchrerten Chowewe Zion fingen arr, sich aus ihren Verstecken ihervorzuwagen, uno ihre mühselige Kleinarbeit in Palästina wieder aufzunehmen, was dem offiziellen Zionismus Abbruch zu tun drohte. In Palästina hatte sich die JCA. eingenistet und arbeitete unverdrossen an der „Infiltration". Empört über das Verhalten des Sultans, verkündete Herzl einmal, erwarte mit der Uhr in der Hand auf, den Moment, da die