KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1919
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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der türkische Minister des Innern dem Abgesandten PinSkerS, Kalmänowitsch, sowie dem Redakteur, des „Razswjet", Rosenfeld, die Regierung fei bereit, gegen Zahlung von "20000 türkischen .Pfund den Juden den Eintritt nach Palästina freizugeben. Die bedeutendsten ersten sechs Kolonien sind gegründet und ausgebaut worden zu der Zeit, als das EinwänderungSverbot bestand! Viel schlimmer war eS, daß die Kolonisation im Namen deS national-politischen Ideals nicht fähig war, die geeigneten Schichten zur Auswanderung zu bewegen. Lilienblum hatte vorgeschlagen, daß die Bemittelten zuerst auswandern sollten, um in Palästina den Unbemittelten Existenzmöglichkeiten zu bereiten. Pinsker schlug den umgekehrten Weg vor. In Wirklichkeit kam es lediglich darauf an, daß solche Personen autzwanderten, die geeignet waren, in Palästina Ackerbau und Viehzucht zu treiben. Dann war es aber auch völlig gleichgültig, ob sie die Mittel auS Eigenem aufbrachten, oder ob sie ihnen von anderer Seite, fei es auch nur als milde Gabe, geboten wurden. DaS allein dazu geeignete Element waren die Dorfjuden (Schankwirte, Molkerei- und Mühlenpächter ufw.), von denen jeder ein halber Bauer war, die das städtische Leben nicht brauchten, meist einen Garten oder auch Acker bestellten, und deren Frauen Gemüsebau, Diehwirtschast und Geflügelzucht vorzüglich verstanden. Diese Leute konnten unter günstigen Umständen leicht Vollbauern werden, ebenso wie sie unter dem Druck der Not Hausierer, Vermittler oder Industriearbeiter wurden. Allein das sind schwerfällige, durchaus unliterarische Menschen, sie entschließen sich nur in äußerstem Fall zur Auswanderung, dann kann man aber auch von ihnen nicht verlangen, daß sie ihr und ihrer Familien Wohl aufs Spiel setzen, um ein fernes nationalpolitisches Ideal zu verwirklichen, das nach 100 Jahren daS ganze jüdische Volk erlösen würde. So setzte denn LilienblumS Weckruf zunächst eine Masse sehr begeisterungßfähiger, aber körperlich untüchtiger, blutarmer Städter in Bewegung, und wie wir gesehen, war er bald gezwungen, dem Strom Einhalt zu gebieten. Flammende Begeisterung entstand unter den Studenten, man diskutierte die Frage mit großem Eifer und Vielseitigkeit, bald hieß es, die „Bilu"-Vereine hätten etwa 500 Familien um sich geschart, die bereit wären, sich in Palästina alt Landwirte anzusicdeln; in Wirklichkeit kamen etwa zehn junge, völlig mittellose Studenten aus Charkow, die von der Landwirtschaft keine Ahnung hatten. Diese besiedelten auch, wie erwähnt, die Kolonie Rischon Lezion. Aber als Lilienblum April 1883, in der WochenauSgabe des weit verbreiteten russisch-jüdischen „Woschod" „Personen, die mindestens 4000 Rubel in har besaßen und mit eigener Hand in Palästina den Acker zu bestellen bereit wären" aufforderte, „sich zwecks Gründung einer Kolonie mit einem Grundkapital von 200000 Rubeln bet ihm zu melden", erhielt er anstatt der erwarteten fünfzig im ganzen vier Antworten. Jenen jungen Studenten aus Charkow, die Rischon Lezion besiedelten, gebührt der Ruhm, gehandelt zu haben, wie die Söhne des Nachschon ben Jehuda, die beim llebergang durch daS Schilfmeer, noch bevor das Wunder geschah, in die Wellen sprangen, um das ganze Volk mitzuretßen. Aber sie befanden sich bald in großer Bedrängnis. Der Baron Moritz Hirsch in Paris hörte davon und schickte seinen Sekretär Venetiani nach dem Orient, um den jungen Kolonisten zu Hilfe zu kommen. Aber dem bereits erwähnten Joseph Feinberg war es inzwischen gelungen, das Interesse des Barons Edmund .Rothschild in Paris zu erregen, der den Kolonisten zunächst 25000 Franks borgte und sich in aller Stille anschickte, die ganze Kolonie unter seine Protektion zu nehmen. Baron Hirsch zog sich hierauf von Palästina zurück und überließ dieses Gebiet seinem Rivalen, der ihm züvorgekommen war. Das ist, wie wir sehen werden» für die Kolonien verhängnisvoll geworden. Im Herbst 1883 wurde in Odessa die Gesellschaft Ehowewe Zion gegründet, zum Präsidenten Pmsker, zum Sekretär Lilienblum gewählt. Obgleich diese Gesell schaft erst volle fünf Jahre später behördlich genehmigt wurde, durfte sie sofort, mit vollem Wissen der Regierung, eine rührige Tätigkeit entfalten. Im Herbst 188s fand der Kongreß der Chowewe Zion in Kattowitz statt, welcher als der von Pinsker gewünschte.Nationalkongreß" betrachtet werden durfte; das Programm war jedoch nicht das Pinskcrsche, sondern daS Lilienblumsche: kein Judenstaat, sondern ein Judenland, und zwar nur in Palästina, sei zu erstreben! Nun durfte man auch auf die Verwirklichung der weiteren Punkte hoffen, zunächst auf die Begründung eines Konsortiums von Kapitalisten als Gründern ecner später zu bildenden Aktiengesellschaft, um ein Asyl für die armen Auswanderer zu schaffen. (Das war, wte man sieht, eine Synthese von den Ideen der beiden Führer.) Allein, wenn Pinsker gehofft hatte, die finanzielle Ausführung des Unternehmens würde auf keine unüberwindlichen Schwierigkeiten stoßen, so hatte er sich geirrt. Zwar flössen der Gesellschaft von allen Seiten reiche Gaben zu, aber sie bildeten insgesamt ein Tröpfchen im Vergleich zu den erforderlichen Summen. Die Vorkämpfer der Palästinakolonisation machten sich nämlich von dem Reichtum der paar jüdischen Millionäre in Rußland sowie von der Vermögenslage der bemittelten Klassen, unter dem Einfluß des Neides und der Hetze der judenfeindlichen Presse, ganz chimärische Vorstellungen. Alle zusammen wären, selbst unter großen Opfern, nicht imstande gewesen, die nötigen Mittel aufzubringen. Sogar ein Mann wie Rotschild erlahmte schließlich. Außerdem gehörte zur Durchführung des Planes eine stramm organisierte, energische Verwaltung, die aber mit völliger Uneigennützigkeit und Hingebung handelte. Eine Gesellschaft mit vielen Zehntausenden von Mitgliedern konnte zwar den Anschein erwecken, als hätte sich das ganze Volk erhoben, um ein lange geträumtes Ideal zu verwirklichen, konnte auch großen Enthusiasmus und Schwung erregen, einen trefflichen Resonanzboden für prächtige Reden darstellen. Indessen ist Begeisterung zwar ein schönes Ding, taugt aber nur für kurz andauernde Akttonen, z. B. einerr wirklichen oder vermeintlichen Verteidigungskrieg, und auch da hält sie nicht ewig vor. Die Durchführung einer Kolonisation im großen Maßstab erfordert nüchterne, harte, zielbewußte, stille Arbeit. Eine vieltausendköpfige Gesellschaft, in der jeder Beitragende ein Wort zu haben berechtigt ist, hat Raum für geistvolle Diskussionen, hindert aber die erfolgreiche Tat. Und da jeder Beteiligte, oder jede Gruppe von Beteiligten, berechtigt ist, Einfluß auf die Leitung zu nehmen, so kann eS schwerlich zu andauerndem, folgerichtigen Handeln kommen. Mustert man die Protokolle der Chowewe Zesu. so ist man betrübt über die Dürftigkeit der finanziellen Mittel im Vergleich zum großen Ziel und über die langwierigen Debatten, die meist zu keinem praktischen Ergebnis führten. Zugleich ist man freudig erstaunt, daß trotz alledem bis zum Jahre 1897 immerhin 35 Kolonien nebst einer stattlichen Anzahl kultureller Institutionen errichtet wurden, und man fragt sich mit Bedauern, was daraus, bei Anwendung richtiger Methoden, hätte werden können. Allerdings wäre daS ganze Unternehmen gleich in den ersten Jahren gescheitert, wenn ihm nicht Baron Rotschild unter die Arme gegriffen hätte. Baron Edmund Rothschild, der sich von seinem guten Herzen und seinen schlechten Ratgebern leiten ließ, beging aber zunächst den schweren Fehler, die ganze Kolonisation, anstatt auf den Körnerbau und die Viehzucht, auf den Weinbau einzustellen, der sich in — — Frankreich glänzend rentiert.MDieseZ Einseitigkeit brachte kbte