Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März 1919) · p. Seite 47

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1919
Issue
Heft 3-4 (März 1919)
Date
1919-03-01
Page
Seite 47 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2268830-2268917-2268920--2306-2271461
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Schwerpunkt, keine eigene Regierung, keine Vertretung." Daraus erwachse eine Art psychotische Scheu vor den Juden, die. wie jede Psychose^ erblich sei. „Der Jude wird entweder beschützt oder geplündert, beides ist für ihn als Mensch gleich entwürdigend." Um diesem Zustand ein Ende zu machen, müssen die Juden wieder eine Nation werden und einen eigenen Staat besitzen. In diesem Staat soll sich „der Ueberschuß, der ungelöste Rückstand der jüdischen Bevölkerung" sammeln, der sich mit den herrschenden Nationen nicht amalgamiercn kann. Nur muß hierzu ein passendes Land ausgesucht werden. „Nicht das Heilige Land soll'jctzt das Land unserer Bestrebungen sein, sondern das eigene." „Wir brauchen nichts als ein Stück Landes für unsere armen Brüder, welches unser Eigentum bleiben soll, aus dem kein fremder Herr uns verdrängen könnte." „Das zu erreichen, muß unsere eigene Aufgabe sein, denn keinem andern kann es obliegen, dafür zu sorgen, als uns selbst." Die westeuropäischen Juden, als die fortgeichriltendsten und die wohlhabendsten, müssen die Sache in die Hand nehmen, obwohl oder weil sie selber .vorläufig noch nicht unter dem Judenhaß zu leiden haben. Ein Mischer Naiionalkongreß muß einberufen werden, der ein Direktorium bildet, welches die Aufgabe hat, ein Land ausfindig zu machen, das als Asyl für unser armes Volk bienen kann. „Dann soll das Direktorium in Gemeinschaft mit einem Konsortium von Kapitalisten als Gründern einer später zu bildenden Aktiengesellschaft einen Strich Landes ankaufen, auf, welchem mit der Zeit einige Millionen Juden sich ansiedeln könnten." „Dieser Landstrich könnte entweder in Nordamerika ein kleines Territorium oder in der asiatischen Türkei ein suzcränes Paschalik bilden." „Alle Juden der Welt müßten aufgeforderi werden, einem derartig heiligen Zweck die reichsten Mittel zufließen zu lassen." „Es wäre Aufgabe des Direktoriums, die europäischen Kabinette diesem Plan geneigt zu machen, denn ohne Unterstützung derRegierungen könnte die Gründung eines jüdischen Asyls nicht zustande kommen. „Anstatt der vielen Asyle, die wir von jeher zu suchen gewohnt sind, wollen wir ein einziges Asyl haben, dessen Existenz aber auch politisch gesichert sein muß." „Jetzt oder nie," ruft der Veriasser seinen Stammesgenossen zu, „kann die nationale Wiedergeburt erfolgen." „Freilich kann diese nur sehr langsam vor sich gehen, abei wir müssen den ersten Schritt tun." „Die finanzielle Ausführung des Unternehmens kann, nach Lage der Dinge, keinen unüberwindlichen Schwierigkeiten begegnen." Da Pinsker unter den hervorragenden jüdischen Persönlichkeiten in Mittel- und Westeuropa sehr bekannt war, erregte seine Broschüre großes Aufsehen, eme lebhafte Polemik entspann sich in der gesamten jüdischen . Presse, die mittel- und westeuropäische Judenheit lehnte Idee der „Autoemanzipation" einmütig ab *). Pinsker suchte die Bekanntschaft Lilienblums und dieser zog ihn ganz auf seine Seite hinüber. Dem Zusammenarbeiten dieser beiden Männer ist alles zu verdanken, was an positiven wirtschaftlichen und kulturellen Werten in Palästina geschaffen worden ist. (Schluß folgt.) Nawratzkt, der Lilienblum überhaupt nicht kennt und Pinsker nur bell ufig erwähnt, versichert (Seite 99): neben Pinsker war eine ganze Anzadi von Schriftstellern, besonders in der viel« öclcfc en Jargonpresse mit großer Begeisterung für eine Neubesiedelung Palästinas durch Juden eingetreten. .Allein zu jener Zeit gab es überhaupt keine vielgelcsene Jargonvrcssr. neben dem bereits erwähnten wöchentlich erscheinenden Peter-burger Jüdischen ■ Dolksblatt. existierte in Jassy ein Wochenblatt .Lajoez", wclcbeS in der Moldau einige Hundert Abonnenten zählte. Tie weitveroreircten Jargontagcsblätter mit Zeontausendcn von Abonnenten entstanden eist am Anfänge dieses Jahrhunderts, namentlich zur Zeit des russisch-javanischen Krieges. Nawratzkl verwechselt offenbar Jargon mir Hevrälsch. well beides mir den gleichen Lettern gedruckt wird. Gin Mief an Kerrn Konstantin Munner» Verfasser des Buches „Der Judenhaß und die Juden". Von Dr. med. HermannSalomon- Licariae, Visurgiae. (Oesterheld u. Co., Berlin 1918.) Mein sehr liebenswerter Herr Brunner, denn das muß zuerst hervorgehoben werden in dieser Kritik: daß Sie liebenswert sind — nicht nur höchst lesenswert; und es muß doppelt hervorgehoben werden, nicht weil ich als Jude und als Deutscher mich an Ihnen begeistert habe, weil ich mich habe von Ihrem Buche voll Gelehrsamkeit und Tiefe, voll Schärfe des Urteils und des Verurteilend habe durchströmen lassen, sondern weil Sie ein so gütiger Mensch mit einem so tiefen Glauben an das Rechte sind — ob Sie sich auch dagegen wehren — verschämt und stachlich wie ein alter brummiger Lustspielonkel. Wilhelm Busch war ebenso Pessimist — wie Sie ein Lebensbejaher sind — trotz aller wütenden Abwehr. Aus alledem habe ich viel im Felde genossen — so daß Ihr Buch ebenso zcrledert heimgekommen ist, wie die berühmte Faustausgabe, die angeblich soviele Soldaten im Tornister trugen in dem verflossenen „Stahlbade". Das ist meine Einleitung — zur Kritik — wie in Ihrer Einleitung schon etwas vom Guten steht — das Sie ja nicht anerkennen: nämlich die „guten Menschen, mit denen der Mond immer mitgeht, und die das Träumen verbreiten": daß etwa „Krankheit, Verbrechen und Krieg solle abgeschafft werden können", „daß der ewige Landfrieden komlncn solle und das Völkergericht": und die Peitsche des Spötters saust doch auf ihn selbst zurück: denn mit den Worten, die ich meiner Verbindung als Wahlipruch wünsche, nicht: „Recht geht vor Macht", sondern „das Recht ist die Macht" — zwischen den Staaten, wie zwischen den Menschen, greine ich — haben Sie ja Ihr Giaudensbekenntnis schon geossenbart, und wo dos noch nicht die Macht hat, da wollen wir es ihm schaffen — denn so dünkt mich doch, der Sie die' Liebe zur Weisheit — der Philosopbeia — so hoch emporhalten gleich einem funkelnden Geschmeide — Sie wissen es doch besser als ich — daß alle wahrhaftigen Philosophen — Christus und Spinoza, Kant und Herdef, alle nur die Wahrheit wollten, erstrebten, alle an den Menschen und seine Sendung glaubten, alle den Brückenbau zum Uebermenschen mit ihrer Weisheit förderten — und waren doch alle keine Träumer und Dilettanten. Wenn es wahr wäre, daß alle Menschen nichts sind als Egoisten und schlechte Kerle — dann wollen wir sie besser machen und ihnen unter anderem auch, Ihr Buch zu lesen geben. — Das ist ein herrliches Buch für unseren Bund — den Sie wünschen, und verschon lange besteht, der Bund der Vaterländischen Gesellschaft der Deutschen jüdischer Abstammung — denn die rechne ich nicht zu den Inden und nicht zu den Deutschen, die ihre Abstammung verleugnen unter irgendeinem Vorhaben, das sind gewiß nicht die „kerrei" die eisernen Männer, die Sie suchen. Und was wir die Jungen lehren wollen — das steht alles in Ihrem Buche, Tatsachen und Moral, und ist auch deshalb so besonders schön, weil es uns auch da packt, wo wir widersprechen müssen. Nichts wird den jungen Juden, der bei uns ist, mehr bilden, als der Widerspruch, den Sie Hervorrufen, wenn er liest, daß wir wohl unsere größten Juden vergessen hätten: Jesus und Spinoza, oder nichts von dielen wissen wollten. Da wird unser junger Bundesbruder Ihnen sagen, daß Jesus der Stifter einer Religion war, .die nicht die. unsere ist, daß wir Spinoza und alle großen Juden ehren und von ihnen lernen, aber daß das unser -.Judentum nichts angeht — dieses geht nur an: die Lehre

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.