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KC-Blätter · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März 1919) · p. Seite 46

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1919
Issue
Heft 3-4 (März 1919)
Date
1919-03-01
Page
Seite 46 (sequence 18)
Language
German
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alters, bis sie zur Landwirtschaft erzogen wurden, und bis diese in Palästina so weit gedieh, daß sie eine zahlreiche Volksm.nge ernähren konnte. Wenn die Türkei sich auch nicht gegen einen großen Zustrom besitzloser Einwanderer wehren sollte, drohte ein solcher, die zarte Pflanze der Kolonisation, die Netter mit so vieler Mühe gehegt und gepflegt, und die erst Wurzel zu schlagen ansing. für immer zu knicken. Allein die dohrende und nagende Verzweiflung trieb die jüdischen Intellektuellen Rußlands an, über die Frage der Pogrome tiefer nachzudenken. zumal der deutsche Amiseminsmus diesen neuen Verfolgungen eine wissenschaftlich wohl ausgebaute Stütze zu sichern schien. Im Herbst 1881 veröffentlichte der berühmte hebräische Schriftsteller Moses Loeb Lilienblum in der Petersburger russisch-jüdischen Wochenschrift „Razswjel" eine Artikelserie „Die Wiedergeburt des jüdischen Volkes im Lande seiner Väter", die als der eigentliche Ausgangspunkt des Zionismus und der Palästina-Kolonisation zu betrachten ist. Lilienblum (geboren 1843 in Kaidany bei Kowno, gestorben 1910 in Odessa) war, trotz seiner Irrlümer, als Gelehrter und Schriftsteller, besonders aber als Kämpfer und Mensch. eine der anziehendsten und verehrungswüldrgsten Gestalten des neueren Judentums. In den genannten Studien gehört die Analyse der gegen die Juden seit jeher erhobenen Anklagen zu dem gedregendsten und glänzendsten, das über diese Frage je geschrieben wurde. (Die Artikel sind auch hebräisch im vrerterr Bande der Gesammelten Schriften Ls, Odessa 1913, abgedruckt.) Ter Gcdankengang ist kurz folgender: Alle Anklagen, die man gegen die Juden erhebt, sind nichts, als Vorwände, mit denen die Völker sich den, ihnen selber unverständlichen, Haß gegen uns zu erklären suchen Der wahre Grund du ses Haffes und der ihm entspringenden Verfolgungen ist .aber, daß sie uns als Fremdlinge empfinden und in ihrer Mitte nicht dulden wollen. Möglich. daß .einmal, in einem Zeitalter allgemeiner Meinchenliebe. auch dieser Haß schwinden werde. Allein bis dahin können noch viele, viele Jahrhunderte vergehen und die Verfolgungen und unsere Leiden werden mittlerweile andauern. Wir müssen darum auf eine andere Lösung der Judenfrage sinnen. Es gibt kein anderes Mittel. als daß wir aufhörcn, Fremdlinge zu sein. Dies könnte dadurch geschehen, daß wir uns völlig auflösen gänflichuurergchcn, von der Bildfläche verschwinden. Wenn es keine Juden grbt, gibt cs keine Judenfrage mehr. Doch kann von einer solchen Lösung nicht die Rede sein, denn wir haben ja unseren Willen zum Leben als Gemeinschaft Jahrtausende lang unter viel stärkeren Verfolgungen und Bedrängnissen bekundet. Allein, selbst wenn wir diesen Lebenswillen in uns brechen könnten, müßte der Prozeß der Auflösung eine so lange Zeitepoche in Anspruch nehmen, daß wir unterdessen eine würdigere und glücklichere Lösung herbeiführen könnten, nämlich, indem wir wieder ein Vareiland für uns gewinnen, wo wir unbehelligt leben und von niemandem als. Fremde und Geduldete betrachtet werden könnten. Lhclchcs ist nun das allein hierzu geeignete Land? Kein anderes als Palästina! Wir sind ein historisches Volk, ein solches aber kann nur ein historisches Vaterland haben, iür uns ist dieses kein anderes als das Land unserer Väter! Er bekämpft daher alle Bestrebungen, jüdische Bauernsiedelungen in Amerika zu schaffen, wie nachher die Uganda- und Angolaprojekte der Zionisten mit größter Heftigkeit, wenn auch mit jener Vornehmheit und Abgeklärtheit, die ihn auszeichnete. Palästina allein muffen wir wredergewinnen, indem wir dort B uernsiedelungen schaffen; zum Glück ist dieses Land noch heute unveoölkert und verlosten und bietet uns allen Raum genug. Er verwirft alle früher aufgerauchten naiven Projekte, dem Sultan Palästina, d. h. die Souveränität über dieses Land abzukaüfen. Wozu brauchen wir Souveränität? Wir wollen keinen Judenstaat! Was wir brauchen, ist lediglich eine Selbstverwaltung innerhalb gewisser Grenzen, die uns ermöglicht, große zusammenhängende Bauernsiedelungen zu scliaffen, in denen wir unbehelligt und ohne Furcht vor Austreibungen leben können. Das ist natürlich nicht eine Sache von heut auf morgen, sondern eine Aufgabe für Generationen. Er rechnet darauf, daß eine koitttnuierliche, planmäßige Ansiedelungsarbett im Verlaufe von 100 Jahren in Palästina vielleicht eine Bevölkerung von 3 Millionen Juden unterbringen könnte. Im Verlaufe der Zeiten würden die übrigen Länder der Welt gänzlich jubenrein werden, dann sind die Völker den ewigen Fremdling los, wir aber sind von ihrem Haß befreit, der uns vor die A.ternative stellt, ewige Verfolgungen oder völligen Untergang zu erdulden. Diese Artikel erregten großes Aufsehen in den Kreisen der Intelligenz. Eine lebhafte Diskussion entspann sich. Herr D. Levontin, der sich später um die Kolonisation so bedeutende Verdienste gemacht hat, erhielt anfangs 1663 von mehreren wohlhabenden Männern den Aliftrag. sich nach Palästina zu begeben, um für sie Boden zu kaufen; ihm folgte bald darauf Herr Joseph Feinberg. und beide gründeten im Sommer 1863 die Kolonie Rischon le Zion, wo sich die sogenannten „Biluisten", Studenten aus Rußland ansiedelten. Lilienvlum verteidigte und erläuterte inzwischen seine Idee auch in dem hebräischen Halbwochenblatt „Hameliz", sowie in dem „Jüdischen. Volksblatt" (beide erschienen in Petersburg), vor einem weiteren Publikum. Nun begannen gänzlich mittellose und des Laudbaues völlig unkundige Leute in Massen auszuwandern. Ein wildes Chaos drohte einzureißen. Lilienblum war gezwungen, im „Jüdischen Voiksblatt" seine warnende Summe zu erheben: Nicht die Armen sollten die Pioniere sein; die Besitzenden müssen zuerst aus wandern und durch Erwerb und Bestellnng des Bodens den Unbemittelten die Lebensmöglichkeiten bereiten . . . Am Pessachfest 1862 wiederholten sich die Pogrome, dann trat für längere Zeit Ruhe ein, die Negierung erließ die bekannten Maigesetze, welche die wirtschaftliche und politische Bedrückung der Juden nur noch erhöhten. Die Ideen Lilienblums wurden von dem Arzt Dr. Leon Pinsker in Odessa ausgenommen und in modifizierter Form dem westeuropäischen Publikum in der Broschüre „Autoemanzipanon" (erschienenHerbst 1883 in Berlin) vorgetragen. Der Verfasser dieser kleinen Schrift, die großes Aufsehen machte, verdient einige Worte der Erinnerung. Er war 1821 in Tomaszow (Polen) geboren, wo sein Vater, Simcha Pinsker aus Tysmienica m Ostgalizien, ein hochverdienter Forscher auf dem Gebiete der arabisch-jüdischen Literatur und des Karäertums, die bescheidene Stelle eines Lehrers an der jüdischen Schule bekleidete und von wo aus er später nach Odessa berufen wurde, vr. Leon Pinsker. weithin berühmt als Arzt, galt als eine der angesehendsten jüdischen Persönlichkeiten in der großen Gemeinde Odessa, dank seiner grenzenlosen Mildtätigkeit, seiner umfassenden Bildung und seinem gewinnenden Wesen. Eine Herzkrankheit hatte ihn gezwungen, auf eine Jugendliebe zu verzichten, er blieb unoermählt, und diesem Umstande ist es zu danken, daß er das hohe Alter von 70 Jahren erreichte. Er widmete sich ganz den Humanitären und kulturellen Institutionen der jüdischen Gemeinde. Die Pogrome trafen ihn schwer, er sann auf ein radikales ticilmittel und begegnete sich auf diesem Wege mit ilicnblum, von dem er jedoch in einigen wichtigen Punkten abwich. Zu der Fremdheit der Juden, als Motiv des Hasses gegen sie, setzte er noch hinzu, daß die Juden von den Völkern nicht als „ebenbürtig empfunden werden". „Das jüdische Volk hat kein Zentrum, keinen

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