KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1919
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 45 (sequence 17)
- Language
- German
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- - - —... liegen in dem Grundgedanken und den Methoden des Zionismus. die ihm von Urbeginn anhaftelen und im Verlaufe der Zeit sich nur noch verhärteten und versteiften, seit dem Auftreten Herzls aber geradezu unüberwindliche Formen angenommen haben. Das wird uns ein kurzer geschichtlicher Ueberblick beweisen. Vorwegnehmend sei hier gleich betont, daß die Juden mit ihrer landwirtschaftlichen Kolonisation, auch der Palästinas, trotz ihrer ziffernmäßigen Geringfügigkeit, eine wahrhaft bewunderungswerte Leistung vollbracht haben, schon dadurch, daß sie.der Welt beweisen: Städter können in großer Anzahl wieder der Landwirtschaft zugeführt werden. Das Gegenteil davon galt und gilt zum Teil noch jetzt als unbezweifelbarer Grundsatz, den die alltägliche Erfahrung zu bestätigen scheint. Der große Zug geht von dem flachen Lande nach der Stadt, von der Landwirtschaft zur Industrie und znm Handel, aber nicht zurück. Der Bauernsohn wird Handwerker, Jndustrlearbeiter oder Handelsangestellter. Der Städter zieht aufs Land, um die Sommerfrische zu genießen, wenn er reich ist, um Rittergutsbesitzer zu werden. Daß aber Stadtbewohner der unbemittelten Klassen in größerer Anzahl die Bestellung des Ackers und die Wartung des Viehes auf dem Lande zum Lebensberuf und Elwerbszweig erwählten, gehörte zu den unerhörtesten Seltenheiten (die Lanbenkolomsten der großen Städte kommen hierbei natürlich nicht in Betracht). Tie zunehmende Entvölkerung des Landes bildete seit Jahrzehnten die ständige Klage der Volkswirte. Namentlich die französischen z B Paul Leroy Beaulieu, behaupteten ichlechtweg, es sei unmöglich, daß aus einem Städter je ein Bauer würde. Die Klage über das Schwinden der Landbevölkerung fand ergreifenden Ausdruck m dem Roman von Richepin „La Terro qni meurt“, und dies in Frankreich, welches den gesegnesten Ackerboden von ganz Europa besitzt, ,,1e plus bsau rvvauwe sous l« snleil“ wie es Onsfime Recltis genannt hat. Frankreich, welches von sich rühmt, es sei „uns uodle edatelaine qni vir. de ses terres“. Um so bewunderungswürdiger ist cs, daß in dem arg verwahrlosten, waffer- und waldarmen Palästina — von Argentinien ganz zu schweigen — über 1000 jüdische Familien, deren Vorfahren seit vielen Jahrhunderten dem Landleben entzogen waren, in der Bestellung des Bodens ihre Nahrung finden. Allein, es hätten ihrer jetzt schon 10- oder 15 mal soviel sein können, wären nicht die falschen Theorien und Methoden, nach denen die Kolonisationstätlgkeit geführt wurde. * * Zu einer Kolonisation im größeren Umfange bedarf es, abgesehen von Boden und Geldmitteln vor allem auswanderungslustiger, zur Landwirtschaft befähigter Menschen. An solchen fehlte es, wie gesagt,, b>s zum Jahre 1881; deswegen in erster Reihe blieben alle Bemühungen einer jüdischen Kolonisation in Palästina erfolglos, 'sowohl die erwähnten religiös orientierten des Rabbiners Kalischer, als auch die mehr national gefärbten, aber im Grunde rein literarischen Bestrebungen des bekannten hebräischen Romandichters P Smolenski in seiner Monatsschrift „Haschachar". Hoffnungslos schien bis dahin nur die Lage der Juden in Rumänien, — in Serbien hatte sie sich kurz nach dem Berliner Vertrage durchaus befriedigend gestaltet, und die dortigen Juden dachten nicht mehr an eine Uedersiedelung nach Palästina. Auch die etwa auswanderungslustigen rumänischen Juden waren viel zu wenig zahlreich, um den Grundstock einer Siedelung auf breiter Basis abzugeben. In Rußland lebten die großen Massen der Juden in sehr gedrückter wirtschaftlicher Lage, allein die Aufgeklärten schrieben dies in ihrer Oberflächlichkeit dem Mangel an Bildung und Zivilisation und dem religiösen „Fanatismus" der jüdischen Massen zu, sowie ihrer Entrechtung gegenüber der christlichen Bevölkerung. Sie arbeiteten daher an der Verbreitung der „Bildung" (zunächst der Kenntnis des Russischen) und des religiösen „Freisinns" unter den Juden. Die Gleichberechtigung aber hing seit Anbruch der liberalen Aera unter Alexander II. sozusagen in der Luft und wurde jeden Tag erwartet. Tiefer Blickende sahen freilich ein, daß hier in erster Reihe wirtschaftliche Maßnahmen not taten, namentlich die Erschließung neuer produktiver Erwerbszweige für die heranwach ende Generation, vor allem die Üebcr'ührung in den Ackerbau. Damit hatte die russische Regierung seit 1806 wiederholt Versuche gemacht, die. trotz der bürokratischen Engherzigkeit und der versteckten Mißgunst, als durchaus gelungen zu betrachten waren. Da man aber jeden Tag die Proklamation der Gleichberechtigung und den Anbruch einer glücklichen Epoche erwartete, dachte niemand an eine Auswanderung. Rußland war ja weit genug, um Hunderttauscnden jüdischer Bauern Raum zu bieten Es galt aber, die Juden zur Landwirtschaft zu erziehen, was mindestens ein Menschenalter hätte m Anspruch nehmen müssen. Zum 2', jährigen Regierungsjubiläum Alexanders II. 1H80, stiftete der russische jüdische Eisenbahnkönig Samuel Po tja ko w eine bedeutende Summe für eine Gesellschaft zwecks Erziehung der Juden zum Ackerbau unv Handwerk. freiwill'ge Spende»» vergrößerten in weriigen Monaten diese Summe um nahezu eine halbe Million Mark. Eine scharfe Wirtschaftskrisis unterbrach die Sammlungen, und kaum waren sie wieder ausgenommen, als un April 1881 die großen südrussischen Pogrome wie ein Blitz aus. heiterem Himmel niederzuckten. Sie waren von der Bürokratie künstlich veranstaltet worden (die moralische Legitimation hatte der deutsche Anlisemitusmus mit Stöcker an der Spitze geliefert: was man in Deutschland theoretisch für erlaubt erklärte, durfte man in Rußland getrost in die Praxis umsetzen). Aber war nicht das ganze Zarenreich e«n künstlicher Bau, der beim Zusammenprall mit der Wirklichkeit in Stücke zerfiel? Und dennoch haue es über 100 Jahre lang furchtbar schwer auf dem Schicksal von Eliropa gelastet! Die Pogrome vernichteten auf einmal alle Hoffnungen der russischen Juden. Es wurde klar, daß der neue Kurs, anstatt zur Gleichberechtigung, zur steigenden Entrechtung der Juden hinsteuerte, daß die Regierung entschloffen war, den Pogrom als dauernden Bestandteil der Verwaltung einzuführen, um dadurch der Unzufriedenheit der Massen eine bequeme Ablenkung zu geben. Die dünne Obers 1 ichr der Gebildeten Rußlands war über das Vorgehen des Pöbels gar nicht entrüstet, und anstatt die Pogrome zu verdammen, wies sie nach, daß es in Rußland viel zu viel Juden gab . . . Mittlerweile Hane die Massenwanderung begonnen. Der Hauptstrom ergoß sich, wie oben erwähnt, nach dem Westen, ein schmales Bächlein floß über Odeffa und Konstantinopel nach Palästina. Zehnrausende, von Flüchtlingen sammelten sich bei Brody an der galizisch russischen Grenze an. In Oesterreich, insbesondere unter den galizischen Juden wurden große Geldsammlungen veranstaltet, weiland Kaiser Franz Joseph I. stellte sich mit einer ungewöhnlich hohen Summe an die Spitze. Die Pariser Alliance organisierte die Hilfsaktion. Charles Netter erschien persönlich in Brody. Und er, der erste Pionier der Kolonisation von Palästina, war jetzt der heftige Gegner der Auswanderung dorthin, und lenkte die Flut mit aller Energie nach Amerika! Man verstand seine Motive nicht, aber sie liegen heute für jeden Einsichtigen klar zutage. Er, der gründliche Kenner des Orients, wußte genau, daß Palästina eine Maffeneinwanderung nicht vertrug, namentlich eine Einwanderung obdachloser, flüchtiger, aller Habe beraubter Kleinstädterdie sofort Verdienst suchen mußten und solchen nur in Amerika finden konnten, wo Handel und Industrie in hoher Blüte standen und ein starkes Bedürfnis nach Arbeitskräften herrschte. Es bedurfte eines Menschen-