KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1919
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 42 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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fachem Grunde. Zunächst war man der naiven Anschauung, . daß alle Amerikawanderer dem Judentum verloren gingen, sodann meinte man,-sie müßten dorr abermals, wie in der alten Heimat, dem Hausierertum oder dem Kleinhandel anheimfallen, ein gesicherter Wohlstand für große Massen aber ließe sich nur auf dem festen Grunde der Bodenbestellung aufbauen; daß auch in Amerika die Möglichkeit einer. landwirtschaftlichen Siedelung für Juden vorhanden war, ahnte damals keiner, aus Palästina dagegen kamen dunkle Gerüchte über eine umfassende indische Kolonisation. — So disparat diese beiden Ziele des Vereins „Zion" scheinen, so hatten sie doch eine gemeinsame Wurzel und waren stark angeregt worden durch die seit 1881 andauernden russischen Pogrome, deren Opfer zu Zehntausenden über Galizien nach Amerika zogen, -und von denen Tausende im Lande blieben, wo sie sich meist kümmerlich durchschlugen und nur die Zahl der einheimischen Brotlosen vermehrten. Die Anhänger des Vereins, der seine Tätigkeit mit einer öffentlichen Feier des 70. Geburtstags von H. Graetz einleitete, nannten sich „Zionisten" und ihre Bestrebungen wurden insgesamt als „Zionismus" bezeichnet. Die Wiener Halbmonatsschrift „Selbstemanzipation", die ähnliche Tendenzen verfolgte, in Wien aber wenig Anklang fand und fast alle Leser und Mitarbeiter in Galizien hatte, griff diese Bezeichnung im Jahre 1886 auf und propagierte sie. Die Sache aber, nämlich die Ansiedelung einer Landbau treibenden jüdischen Bevölkerung in Palästina, reicht, von verwandten Bestrebungen früherer Epochen abgesehen, dis in die 60 er Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück. Zwei polnische Rabbiner alten Schlages, die aber, im deutschen Kulturbereich lebend, einen offeneren Blick hatten und modernen Ideen zugänglicher waren, als ihre Landsleute und Zeitgenossen etwa in Lemberg oder Brody, waren die Anreger, nämlich R- Hirsch Kali sch er in Thorn und Rabbi Eliahu Guttmacher in Graetz. Ersterer gab eine Schrift „Derischath Zion" heraus (zweite erweiterte Auflage, Thorn 1666) in welcher er, unterstützt von mehreren gleichgesinnten Autoritäten, zur .Gründung einer jüdischen K. lenisationsgesellschaft aufruft, um jüdische Landleute im Heiligen Lande ansässig zu machen. Diese Bestrebung, n nnren ausschließlich rcligiös-historisch motiviert, das wirtschaftliche Moment spielte eine ganz nebensächliche Rolle (vgl. Derischath Zion, 45 b). Es galt, den in Palästina ansässigen Juden, deren Zahl sich auf einige zwanzig Tausend bezifferte und die sich von den milden Gaben ihrer Brüder im Abendlande, der sogenannten „Cbalukkah" kümmerlich ernährten, einen ehrenhaften und gesicherten Broterwerb zu verschaffen; dazu kam noch, daß um dieselbeZeit einige Hundert jüdische Familien in Serbien, wo sie arg bedrängt wurden, die Absicht kundgaben, nach Palästina auszuwandern. Dem Rabbiner Kalischer gelang eS, alle religiösen Bedenken seiner Gegner, besonders des Rabbiners I.I. Ettlinger von Hamburg-Altona zu beschwichtigen, und außer einer Anzahl rabbinischer Kapazitäten des Abend- und des Morgenlandes, darunter auch den berühmten Prediger Dr. M. Sachs in Berlin auch eine Reihe bedeutender Männer der Praxis für seine Idee zu gewinnen, namentlich die frommen Amstadamer Bankherrcn Lehren, einen Herrn Raphael Segall in Posen und einen Herrn D. Luria in Frankfurt a. Main. (Darauf wies er in seiner zweiten Schrift „Schelom Jeruschälajim" hin, Thorn 1870). Es wurde auch eine Kolonisationsgesellschaft gegründet und mit der Sammlung von Geldern begonnen Bald aber brachen unter den Frankfurter Führern Streitigkeiten aus. Inzwischen hatte die Idee lebhaften Widerhall in den Kreisen der Pariser Alliance gefunden, an deren Spitze der Präsident Adolphe Cremicux und der Generalsekretär JsedorLoeb standen/ und in deren Zentralkomitee Charles Netter, einer der verdienstvollsten unter den ersten' Gründern ' dieser Gesellschaft, eine führende Rolle spielte. Die Alliance nahm die Sache in die Hand und im Jahre 1870 gründete sie unweit Japhä die Ackerbauschule „M i krv e h Israel" samt Farm. Es ist heutzutage sehr lehrreich in dem Bulletin der Alliance von 1869 die Entstehungsgeschichte von Mikweh Israel nachzulesen. Charles Jacob Netter, geboren in Straßbura i. E. 1826, zog sich 1868 von seinen Geschäften zurück uno stellte sich ganz in den Dienst der Alliance; er bereiste Palästina und unterbreitete darauf dem Zentralkomitee einen Plan, durch systematische Ansiedelung von Juden im Heiligen Lande die einheimischen Glaubensgenossen zur produktiven Arbeit zu erziehen und das Land der modernen Kultur zu erschließen, so daß mit der Zeit Massen von Juden, „die vielleicht in wenigen Jahren schon durch Verfolgungen gezwungen seiir könnten, ihre Heimatländer zu verlassen, dort eine gesicherte H eimstätte und auskömmlichen Erwerb finden könnten". : Die bisher in Palästina errichteten Schulen brächten den Juden keinen Nutzen. Der einige Jahre vorher von Moses Montefrore unternommene Versuch, palästinensische Juden dem Gartenbau zuzuführen', sei wegen mangelhafter Vorbereitung mißlungen: Das dem Ackerbau seit vielen Jahrhunderten entftemdete Volk müsse stufenweise wieder dazu erzogen werden; dies könne jedoch nur eine Ackerbauschule und eine Farm bewirken. Crömieux war von der Idee ganz hingerissen. In der nächsten Generalversammlung hielt er eine zündende Rede über dieses Thema: „Hort, Ihr unsere israelitischen. Brüder im Abendlande, wir sind im Begriff, eine Ackerbauschule im Heiligen Lande zu errichten, das stets der Gegenstand urgerer stolzesten Erinnerungen war. Wenn , der Landbau dort im größeren Umfange eingeführt wird, dann werden sich unsere Glaubensgenossen aus allen Ländern in großer Zahl dort ansiedeln, ein neues Jerusalem wird erstehen, dessen Einwohner nicht mehr am Freitag abend zur heiligen Mauer pilgern werden, um dort zu weinen und zu klagen, sondern sie werden Herz und Augen zu Gott erheben in der Hoffnung, daß die Erlösung bald nahen und der Tempel auf Moria wieder aufgerichtet werden würde" . . . Netter erwirkte bei der türkischen Negierung die Erlaubnis zur Gründung der Schule und die Regierung überließ der Alliance einen Flächenraum von 250 ha Landes zu so günstigen Bedingungen, daß sie fast einer Schenkung gleichkamen, überdies gewährte sie Zollfreiheit für alle zu Schulzwccken nötige Einfuhrgegenstände. Die ersten Arbeiten inrternahm Netter aus eigenen Mitteln, er erbaute im Sommer 1870 zuerst eine kleine Hütte, in der er mit den drei ersten Zöglingen monatelang zusammenlebte. Sie bereiteten eigenhändig den Boden. Ein Jahr später, die Zahl der Lehrlinge war inzwischen auf 30 gestiegen, unterbreitete Netter der Alliance den Plan, eine Aktiengesellschaft zu gründen zwecks Ankaufs von Grund und Boden, auf dem die Zöglinge als selbständige Bauern ansässig gemacht werden sollten. (Netter starb am Sukkoffeste 1882 in Mikweh Israel, wo er seine letzte Ruhestätte fand.) Eine größere Entwicklung war dieser Gründung nicht beschieden, da es an auswanderungslustigem Menschenmaterial, also an Kolonisten fehlte. Erst im Jahre 1878 wurde frie erste jüdische Kolonie in Palästina, „Perhach Thikwah", gegründet, die heute zu den volkreichsten gehört. Die Gründer waren Jerusalemiten, also Städter, die Kolonie gedieh schlecht. Eine größere Einwanderung fand nicht statt. Die ganze Bewegung stockte, aber der Grundstein war gelegt. Erst das Jahr 1881 brachte eine Aenderung. Die großen jüdischen Massen in Rußland und Rumänien wurden zur Auswanderung gezwungen. Nachdem näm-