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KC-Blätter · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März 1919) · p. Seite 40

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1919
Issue
Heft 3-4 (März 1919)
Date
1919-03-01
Page
Seite 40 (sequence 12)
Language
German
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' , - - All ihr Jüdischsein ängstlich vertuschen müssen, oder, von Juden ausgehend, sich mit. den wenigen Meist nicht erstklassigen Renommierchristen begnügen, welche dünkelhaft überlegen den grand seignear spielen und sich, weiß Gott, wie herablassend, Vorkommen. Wie sehr die Persönlichkeit jedes einzelnen von uns als Jude und Mensch darunter leidet, wie wenig er noch geeignet bliebe, Träger unserer Idee zu sein, ist klar. Der wesentliche Grund aber, warum wir heute den Paritätsgedanken ablehnen müssen — leider, möchte ich sagen — liegt nicht sowohl in den äußeren Zuständen, als in uns selbst. Als letztes Ziel, unmittelbar vor dem Kommen des Messias brauchen wir natürlich das völlige Jneinanderaufgehen der Menschheit, aber jetzt, in diesem Augenblick der Geschichte, sind wir selber nicht reis dazu. Wir bedürfen der Festigung im Jüdischen, der Verankerung und immer erneuten Aufrüttelung zu unserer Idee allesamt zunächst noch allzusehr. Wir würden —die Geschichte lehrt es —, das Judentum aufgeben als Sondergemeinschaft, nicht um der Menschheit, sondern um einer anderen Exklusivität, der christlichen willen. Wir würden geistig verdorren, unfruchtbar werden, untauglich zur Erfüllung unserer Aufgabe, wenn ryir des lebendigen Zusammenhangs mit unserer jüdischen Ueberlieferung uns beraubten. Und damit komme ich zum Letzten. Die Pflege des jüdischen Wissens. Aus der innigen Versenkung in die Dichtungen und Werke der Propheten, Gelehrten, Sänger und Weisen unseres Volkes tönt uns die Bestätigung des, was wir als Söhne der neuen Zeit fühlen und wollen in überzeugenden Worten entgegen. Wir finden Bestätigung und Sicherheit, wenn das ewige Lied der Sehnsucht ^nach dem Messiasreich und die unerschütterliche Ueberzeugung von seinem Kommen immer wieder von den Lippen aller Großen unseres Stammes erklingt. In wem von uns aber noch nicht kosmisch brausend, die unendliche Weise lebendig ist, der bedarf der Versenkung in die Vergangenheit, um die schlummernden Ideen zu wecken, die vergessenen Akkorde anschlagen zu lassen. Wie ein platonisches Sicherinnern muß das Studium unserer jüdischen Vergangenheit uns werden, was bluttief in uns versunken war, wird wach und schwingt als befreiter Falter zum Licht. So wirkt ganz direkt jedes jüdische Lernen durch Bestätigung oder Anregung für die neue, so uralte Idee. In diesem Sinne müssen wir exklusiv sein, uns als Juden erhalten, uns mit unserem Judentum anfüllen und erfüllen, unsere jüdische Eigenart bewahren. Aber nicht nur das. Die Verwirklichung des Menschheitsgedankens ist nur möglich, wenn die Erde sich bevölkert mit dem neuen Menschen, als welcher der höchste Zweck alles Seins und Schaffens ist. Diesen Ueber- Menschen—nicht der herrischen Macht, sondern des Ethos — zu zeugen.ihm sich zu -nähern,, heilig . zu - werden, weil Gott heilig, ist die Aufgabe. So eint sich die Arbeit an der eigenen Persönlichkeit mit der für die Gesamtheit. Es gilt fürjeden einzelnen, die ihm eingepflanzten Gaben zur fruchtbarsten Vollendung zu steigern, um das Maximum an Werten aus sich heraus zu erzeugen. Schöpferfreude ist das heiligste Erbteil, Entfaltung jeder Anlage, freies Spiel der geistigen Kräfte, angespannteste und fruchtbarste Tätigkeit. Und hier wird nun die jüdische Arbeit reiner Selbstzweck. Es ist unsere Pflicht, im Dienste des neuen Menschen und der neuen Menschheit, alle Feinheiten und Schattierungen, alles Zarte, Weihevolle und Hohe der jüdischen Seele bloßzulegen, zu hegen und pflegen, großzuziehen. Wie unendlich viel Sondergeartetes, Sonderwertiges vermag die jüdische Religion und ihr Kult ihren Anhängern zu geben! Weihe des Familienlebens, Poesie der Gottesverehrung, weltfremde herzensfreudige Mystik, gedankliche Vertiefung, scharfsinniges Grübeln, liebevollste Hingabe, Beherrschung animalischer Triebe, Opfersinn, Versittlichung. Wie viele ewige Symbole hat das Judentum zu verschenken, Symbole, die immer der sichtbare Aus- . druck eines nur Fühlbaren bleiben, das sich in kluge Worte nicht fassen, mit dem Verstand nicht begreifen läßt! Symbole, die ahnungsvolle Schauer - wecken, heilige Gefühle anklingen lassen, Bilder vorzaubern, erheben, auf Fittichen davontragen, über die Zeiten hinweg die großen Zusammenhänge Herstellen von Urvätergenerationen bis heute. All dieses Zarte, Verschleierte, Unaussprechliche der jüdischen Seele, das nichts mit Macht, mit Nation zu schaffen hat, mit keinem fremden materiellen Interesse in Konflikt geraten kann, ist wertvollste jüdische Eigenart, die im Drang der stürzenden - Zeit uns nicht verloren gehen darf. Wir hüten sie wie einen kostbaren Schmuck, ein Familienerbstück, um es den Enkeln aufzubewahren. Wir machen sie durch unser rein jüdisches Milieu und unsere jüdische Arbeit unseren Mitgliedern bewußt, geben sie denen zurück, die sie §chon verloren zu haben scheinen, verstärken und festigen sie. Aus' diesem „jüdischen Gesichtspunkt heraus, unter dem wir die jüdischen Fragen betrachten" . kommen wir auch, um noch mit wenigen Worten auf diese Frage einzugehen, zu einer gewissen Billigung des Kulturzionismus eines Achad Haam. Wir teilen mit ihm den Willen zur Erhaltung der jüdischen Seele in ihrer wundervollen. Eigenart. Wir mißverstehen diese Stimme eines der Besten aus unserer Gemeinschaft nicht, und auch er weiß, anders als viele übereifrige Zeloten des westlichen Nationaljudentums unsere Auffassung zu werten. Im zweiten Band seiner unter dem Titel: ..Am Scheidewege" gesammelten Aufsätze findet sich in den „Drei Stufen" eine

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