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KC-Blätter · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März 1919) · p. Seite 37

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1919
Issue
Heft 3-4 (März 1919)
Date
1919-03-01
Page
Seite 37 (sequence 9)
Language
German
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daraus unwiderstehliche Intensität. Bisher war Gegensatz, versteckte Feindschaft zwischen den Forderungen, die das lebendig zu erhaltende Judentum und die unmöglich zu entbehrende Kultur unserer Umwelt an uns richtete. Lösung im extremen Sinn des Judentums hieß — Ghetto oder Zion, im Sinne Europas — Jndifferentismus, der schließlich zu Taufe und jüdischer Selbstaufgabe führen mußte. Es war ein weltgeschichtliches Ultimatum; und um seine klare Erfassung, um Warnung und Versuch der Rettung hat der Zionismus große Verdienste. Aber er schnitt das Tischtuch durch, wählte das Extrem, zog das analytische Prinzip dem synthetischen, vor. Um jeden Preis wollte er die geschlossene, unkomplizierte Persönlichkeit schaffen, unbekümmert darum, ob seine nationale Theorie des Judentums ihre historische und geistige Berechtigung hatte, ohne Gefühl für das Lebensgefährliche der Operation, die aus dem lebendigen Menschen den einen (europäischen) Teil seiner Seele Herausschnitt. Er glaubte an ein Wunder, ein mystisches Dogma, es werde der kümmerliche Rest des also gemarterten Golusjuden regenwurmgleich sich regenerieren und aus dem Boden einer (aber wo ist sie denn?) reinjüdischen Kultur neue Kräfte saugen. Ich kann mir nicht helfen, es bleibt ein oredo, quia absurdum. Die synthetische, antizionistische Lösung, die Zusammenfassung unserer dreifältigen jüdischen, deutschen und menschheitlichen Persönlichkeit liegt im Religiösen, im Ethos, in der Verwirklichung der messtanischen Forderung. Wenn Ethos auch im tiefsten Grunde ein rein subjektiver Begriff ist, eine Sache der Gesinnung, die Erstrebung des Guten um des Guten willen, so ist die Maxime des ethischen Handelns doch eine objektivierte, einen Erfolg anstrebende. Der ethische Wille muß auf die Erreichung des überindividualistischen, des sozialen Ideals, auf die Erfüllung der tiefsten Lebensnotwendigkeiten der Gesamtmenschheit gerichtet sein. Lebe so, daß alle leben können. Mache aus deiner zweiten Natur, deiner göttlichen, die erste und ursprüngliche, entsage zuerst dem eigensüchtigen, dem Handeln zur Durchsetzung deiner Sonderinteressen, ob du nun Einzelmensch, ob Gesamtpersönlichkeit, Staat, Verein, Volk, Klasse, Rasse. Dies ist der ureigenste Inhalt der jüdischen Religion, ihr ewiges Wesen, ihr unwandelbarer Gehalt im Wechsel der äußerlichen Erscheinungsformen. Nichts anderes bedeutet der Satz: „Gott ist einzig und ewig." Gott ist der sittliche Menschheitsgedanke, das heilige Liebes- und Brudergefühl, das alle Geschöpfe verbindet. So hat ihn die Thora, so die Propheten, gekündet, Talmud und Religionsphilosophie des Mittelalters.. Dieser Gedanke ist der rote Faden, der durch die Geschichte unseres Stammes zieht. Auch andere Religionen, auch die Weisen Griechenlands und Philosophen 'Europas mögen ihn erkannt haben;,was das.unvergleichliche Verdienst unserer Gemeinschaft bleibt, wir waren die einzigen, die ihn in ihr Leben umsetzten,-die aus der Abstraktheit einer Idee blutvoller Wirklichkeit machten. Nichts anderes auch ist das Geheimnis unserer Erhaltung einzig von allen Völkern der Antike. Während alle Nationen dem Mächtigeren gegenüber auf ihre eigene Stärke vertrauten, während sie dem Unrecht ihr eigenes Unrecht, der fremden Volksidee ihr eigenes Volkstum mit seinen materiellen Sonderinteressen entgegenstellten, haben wir Juden uns in die Thora, die Idee der Menschheit gehüllt, haben das Böse mit dem Guten überwunden. Unser Kampf richtete sich nicht gegen die Menschheit, sondern war für sie. Unsere auf geistige Basis fundierte Existenz verletzte keine sozialen Lebensnotwendigkeiten irgendeiner anderen Gemeinschaft. Die Beibehaltung.dieses' ethisch-menschheitlichen Prinzips ist uns die Gewähr für das Fortbestehen des Judentums. Sie ist zugleich das uns eingeborene Gesetz und^Msere Aufgabe auf der Erde. (Ganz in Parenthese erlaube ich mir die Frage, ob man nicht die zionistische Assimilation an die unjüdische, politische Nationalitätenidee unserer Kriegsepoche als eine gewisse .Treulosigkeit" am Wesen des Judentums ansprechen darf, ob nicht die Gefahr einer Vernichtung des Judentums auf dem Weg seiner nationalen, politischen, unethischen Staatswerdung näher liegt, als bei der Erfüllung seiner messianischen Aufgabe?) Und der Deutsche in uns. Hat er ein anderes Ziel, andere Pflichten, andere Zukunftsaufgaben, ja auch nur -aussichten? Ich meine, als reife Frucht des Krieges und der Revolution sollte die Ueberzeugung unverlierbarer Besitz eines jeden Denkenden sein, daß jede Politik, und das heißt, jedes Erstreben eines überindividualistischen Erfolges in der Außenwelt, von vornherein zum Scheitern verdammt ist, wenn sie nicht den Postulaten der Ethik entspricht. Im Menschheitlichen eint sich die jüdische und deutsche Aufgabe. Wie das Judentum seinem Wesen nach nicht Volkssondern Menschheitsreligion, da es Sondersittlichkeit für Sondergemeinschaften gar nicht geben kann, so ist auch der jüdische Beruf, Völkerfrieden und Erdbällgesinnung^ herbeizuführen, nichts anderes als Gesamtmenschheitsaufgabe. Ueberall da, wohin wir gestellt sind, müssen wir zur Erreichung dieses Zieles wirken, durch das Vorbild unseres Lebens, durch den Hinweis auf unsere Geschichte, durch Beeinflussung von Mensch zu Mensch. Damit haben wir unseren Beitrag, zum Wiederaufbau unseres deutschen Vaterlandes zu leisten und erweisen unsere unlösliche Verbindung mit deutscher Kultur, daß wir aus der jüdischen, der Menschheitlichen Idee die deutsche machen. Kein Verdienst könnte größer sein, nichts könnte unmittelbarer und positiv fördernder der Entfaltung unserer

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