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KC-Blätter · 1919-03-01 · Heft 3-4 (März 1919) · p. Seite 32

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1919
Issue
Heft 3-4 (März 1919)
Date
1919-03-01
Page
Seite 32 (sequence 4)
Language
German
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- EAund dieser Misdruck-umfaßt all unser Denken und : -^Sehnen und unsere großen Pflichten." Ist es nur ein Zuf.rü, daß ein anderer Kartellbruder, des - Namen fast völlig dem unseres Helden gleicht, in gleicher Gesinnung einem Freunde von seinem Sterbelager aus schreibt: ..Dir brauche ich's nicht zu sagen, daß der stolze Wahlspruch unserer Verbindung mich durchs Leben m den Tod geführt hat." v Ein Ka-teUbluder deckt auf freiwilliger Patrouille den Rückzug seiner Kameraden vor sechsfacher feindlicher Uebermacht mit seinem Leibe bis zum'letzten Atemzuge. Ein Arzt übernimmt im Schützengraben, nachdem sämtliche Offfziere gefallen sind, die Führung der Kompagnie und führt den Kampf fort, bis ihn selbst die tödliche Kugel erreicht. In schwersten Sttlnden — unbekümmert unr Leben und Sterben — übten unsere gefallenen Aerzte ihre Menschenpflicht aus. Lassen wir die Zeugnisse wirken, die einem unserer Besten ausgestellt wurden. Ter Kommandeur eines Infanterieregimentes schreibt in der Todesanzeige: „Wenn der Truppenarzt als treuester Helfer in schwerer Not gilt, so har der Tore diese hohe Ehrenpflicht m vorbildlicher Weise erfüllt. Er hielt im schwersten Feuer bei den Verwundeten ans, er pflegte die Sterbenden mit allen Mitteln ärztlicher Kunst, er ging mit der Truppe in den schwersten Kampf und war immer da. wo cs am gefährlichsten und die Hilfe am willkommensten war. Vielen hat feine Aufopferuiig das Leben gerettet." — Den Eltern schreibt der Kommandeur: / „Wir ti auei n um einen der besten und edelsten Menschen, die diese Erde je getragen. Ich weiß, daß ich damit viel sage, aber ich sage es ans tiefster Ueberzeuguug Wir haben. reichliche Gelegenheit gehabt, Ihren lieben Sohn kennen zu lern, n. ja noch mehr: ihn zu achten, lieben, verehren. bewundern. Als Soldat hebe ich vor allem hervor seinen Mut. seine bewundernswerte, geradezu forireißende Tapferkeit. Dazu war er ein durchaus ehrlicher, aufrichtiger, ehrenhafter Charakter, ein Mann, der auf fern Judentum etwas hielt und sich in diesem Punkt nie zu nahe treten ließ, so versöhnlich und leicht umgänglich er sonst war. Das ganze Regiment, ja das ganze Vaterland schiilbet ihm ewig Tank." — Ich kann mir nicht versagen, hmzuzufügerr. was der Divisioiispfarrer des Regiments unserem loten Freunde nachrühmt. „Was er tat und litt, war rein und eindeutig, es geschah alles der Sache wegen. So war ihm die Aussicht auf Lohn und Lob nichts, jedes Sichselbstrühmen unmöglich und an anderen verhaßt. Wenn ich mich nicht täusche, erklärt sich das alles aus »einem Innersten. Er war der Religion seiner Vater treu ergeben und vcrleugnete sie auch vor denen nicht, die, okt ohne es selbst zu merken, eine den Juden verletzende Bemerkung taten. In welch' würdiger und wirkungsvoller Weise wußte er solche Bemerkungen zurückzuweiien. Er schob seineUeberzellgungen nie unter die Ba»»k, weil sie zum heiligsten Besitz seiner Seele gehörten. — Seien Sie stolz auf diesen Sohn! Er hat nicht umsonst gelebt. Und das ist schließlich das Größte, was man von einem Menschen sagen kann. Sein im Dienst der Txeue geopfertes Leven bleibt uns ein segensreich, s Erlebnis. Ich danke ihm persönlich nicht am wenigsten. Das Woit des Herrn Jesu, dem ich dienen kann, und das einst den» Nathanael galt, -möchte ich auf unseren lieben dahingegangenen Dokter anwendcn: „Siche, ein rechter Jsraeliter, in welchem kein Falsch ist!" Wahrlich sie alle, die Teuren, denen wir den innigen Dank unseres Bundes für ihre dem Bat^rlande, unserem Bunde, dem Judentum geleisteten unsterblichen Taten darbringcn, sie haben nicht umsonst gelebt. Ich bitte^Sie, verehrte Anwesende, liebe Kartcllbruder und -Lchwestern sich mit mir zu einem Gelöbnis zu erheben: „Ihr Lieben, Teuren, die ihr für uns und die Gesamtheit gestorbenw ir,nr erdenegj>; vergessen. Solange menschliche Erin nerunA reicht und Dankgefühl für edle TatenYsollt ihr in uns sein, und wir wollen uns bemühen^-eure- Taten den nach uns kommenden Geschlechtern zu vermitteln. Möge von euch auf uns die Kraft übergehen, das Leven in eurem Sinne zu ertragen, zu führen und auszugestalten, im Sinne der höchsten Pflichttreue, die uns zur Erfüllung unserer eigenen Aufgaben erforderlich ist. Dies sei die göttliche Kraft, die uns eurem Sterben auf unser Leben übergehe." Und nun. verehrte Anwesende, wird sich Ihnen die Frage aufdrängcn: „Wie ist es möglich, daß angesichts solcher Leistungen und Opfer in dem allgemeinen Mcnschenhaß der besondere, gesteigerte, über alles Maß hinausgehende Haß sich gegen die jüdische Gemeinschaft richten kann?" — Darauf antworte ich: „Die menschlichen Verhältnisse entwickeln sich nach ewigen, ehernen Gesetzen, die nicht mit dem Maßstab des Einzellebens gemessen werden können. Uitser Aufstieg geht langsam vorwärts. Auch für unser Vaterland wird aus mancherlei Wirrnissen und Bitterkeiten. die uns noch beoorstehen — wie wir hoffen —, ein schöneres Menschheitsideal erwachsen. Noch ist alles Gärung. Kampf und Streit. Deutschland kann nicht untergeben und Judentum wird nicht vergehen. Beiden gilt unsere Liebe, die unsere Teuren mit ihrem Tode besiegelt haben. Das, was wir bisher im Vaterlande erreicht haben, haben wir den bedeutenden Persönlichkeiten unserer Vergangenheit zu danken. An dem kommenden Aufstieg — möge er nun nahe oder fern sein — werden unsere für unser körperliches Auge dahingegangenen Freunde, als wirkende, .schaffende Persönlichkeiten beteiligt sein. Darum wollen wir uns durch den Tod unserer Edlen nicht Niederdrücken lassen. Laßt uns durch sie erheben zur tiefsten und höchsten Erkenntnis der Welt. Dann werden wir im besonderen Sinne sehend, erkennend, wissend werden. Wir wollen uns zur Arbeit erheben und zur Schönheit der Welt vord'ingen, die wir neben all dem Jammer und Elend des Geschehens, durch all den Riß. der durch die Wett geht, erkennen. Wir wollen auch .das Lachen nicht vergessen, das zu den ernsthaftesten Beschäftigungen dieser Welt gehört. Gleich unseren Teuren wollen wir uns um den nächsten Tag nicht übermäßig kümmern. Mit pochendem Knabenherzcn lasen wir in Hauffs „Lichtenstein" den Horazschen Vers alsY.Motto: „Si fractüs illabatnr orbis, impavidum ferient* ruinae.“ — „Wenn gebrochen der Erdkreis stürzt, werden die Trümmer einen Unerschrockenen begraben!"' So wollen wir Wehmut in Segen umschaffen. Gottfried Keller hat einmal gesagt: „Mehr oder weniger traurig sind am Ende alle, die über die Brotfrage hinaus noch etwas kennen und sind. Aber wer wollte am Ende ohne diese stille Grundtrauer leben, ohne die es keine rechte Freude gibt! .Selbst, wenn sie der Reflex eines körperlichen Leidens ist, kann sie eher vielleicht eine Wohltat als ern Uebel sein — ein Schutz mehr ^egen triviale Ruchlosigkeit." Laßt uns werden entschlossen, wie sie, unerschrocken wie sie. freudig wte sie, helfend wie sie, arbeitend arr einein harren Leben wie sie. Dann werden wir leben wie sie, da sie in uns leben. Das ist ihre Unsterblichkeit. Das ist die Versöhnung ihres Todes. Mit dem Vortrage von Händels „Largo" und Schumanns „Abendlied" schloß die Trauerfeier, schlicht und würdig, wohl recht im Sinne unserer dahingegangenen Helden.

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