KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1919
- Issue
- Heft 3-4 (März 1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 31 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2268830-2268917-2268920--2290-2271445- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
,jr ST 3F: land-und unseren Bund, für Deutschtum und Judentum^ dahingegebenchaben. Sie leben in uns auf und l^ben fort, denn sie sind in uns selbst übergegangen und haben uns besser gemacht. Sie sind ein Teil unserer selbst geworden, ein unzerstörbarer Teil der Gesamtheit, sie sind unsterblich wie die Begriffe, denen sie dienten: Mannesmut und höchste Pflichttreue, die auch in einer lasterhaften Welt Heller strahlen. 95 Brüder unseres Bundes sind dahingegangen. Von 1325 Mitgliedern standen 1119 im Heeresdienst, 935 gehörten dem Feldherr an. wahrlich eine Judenzählung, vor der wir tins vor der ewigen Richterin, der Geschichte, nicht zu schämen brauchen. Ich nenne keine Namen. Ein jeder hat an seiner Stelle, dem Tode trotzend, seine Pflicht getan, und wenn ich von dem einzelnen spreche, so geschieht das, weil der uns verbindende Gedanke durch die Tat des einzelnen seine besondere helle Beleuchtung erfährt. Ein langer Zug geht an uns vorüber: der fröhliche Bursch, der eben ms Leben hinaustreten wollte, des Lachen die Welt erfüllte, der ernste, schwerfällige Student; der nur langsam sich den Freunden erschloß, des kraftvoller Sinn erst durch die Tat . sichtlich vor Augen trat, der kühne, verwegene Draufgänger, den Aveuteurerlust vorwärts drängte, der gereifte Mann, dessen Familiensinn Vaterlandsliebe besiegte, der Mann in vorgerücktem Alter von über 50 Jahren, den Ehrgefühl der Verleumdung entgehen heißt. . Der alte Studemenvers: »Burschen heraus! Wenn es put stütz Vaterland, Treu die Klingen dann zur Hand, Dann heraus und fragt nicht viel, Wür' es auch zum letzten Ev>et! Burschen heraus!' gewinnt tragische Beleuchtung und wird eherne Wahrheit. - Sie starben, wie das Gesetz in ihrer Brust es befahl. Dies Gesetz heißt: „Das Vaterland zu lieben und dem Judentum durch Pflicht und — wenn's sein muß. durch Tod diejenige Stellung zu erringen, auf die es auf Grund seiner Leistungen Anspruch erheben kann Wo ich hinkomme," sagt einer unserer Freunde, „soll niemand von der Minderwertigkeit des jüdischen Soldaten sprechen. Ueberall, wo die Gefechtslage am schwierigsten und gefährlichuen war" — bestätigt ihm an seinem Grabe sein Kompagnieofsizier — „war er zu finden." — Auf die Frage, wer die Lerche des gefallenen Kameraden ans dem Graben holen wollte, meldete sich die ganze Batterie wie ein Mann: Das klassische Altertum schildert uns Züge von Seelengröße, die dem Gedächtnis der Jugend als leuchtende Beispiele vorgcfühn werden. Wir könnten, um Beispiele zu finden, des Altertums entraten. Da finden wir einen unserer Freunde, des eigener Bruder gefallen. Er kennt den Schmerz seiner Eltern. „Ich weiß, daß ich die Verpflichtung habe, zurückzukehren, ich fühle das wohl, aber ich habe wenig Hoffnung. Wennn meine Leute Gefahren zu bestehen haben, da muß ich als Zugführer bei ihnen sein." — „Ich bringe es nicht über mich, mich in Deutschland herumzudrücken" — er hätte es auf Grund einer Verwundung mit Leichtigkeit tun können — „während die Soldaten in der Front ihre schwere Pflicht tun." — In der Todesstunde ließ er seine Leute in die Stollen treten, und nachdem der letzte Mann verschwunden war, setzte er sich unter einen gedeckten Postenstand. Es starb ein preußischer Offizier, ein jüdischer Offizier. Ein anderer meldet sich trotz einer Fußverletzung von der Bagage weg in den Schützengraben, wo . eine Granate sein Leben beendet. , Ein Mediziner drängt sich zur kämpfenden Truppe.' Nach dem Zeugnis seines Hauptmanns ein ganzer Mann - vom Scheitel- bis zur Zehe, ein edler Charakter und leuchtendes Vorbild. Seine unermeßliche Liebe zu unserem. Vaterlande ist durch nichts besser gekennzeichnet, als daß er sich vom" Sanitätsdienst zur Front überführen ließ, um der großen Sache Deutschlands noch mehr dienen zu können. Befördert wurde er nicht. Ein anderer Offizier, der seine Wahl zum Offizier verhindert hatte, mußte ihn vor versammeltem Regiment als wahren Helden feiern. In Bitterkeit sprach unser Freund vor seinem Tode die Worte: „Wenn uns so die Begeisterung genommen wird, so muß an ihre Stelle das eiserne Pflichtbewußtsein treten!" — Ein Bruder folgte ihm im Tod. Die ganz Jungen sterben — nach der Klage eines Kartellbruders — „verwehtwieungesungeneLieder, wieBlumen,dienoch nicht geblüht", aber ihre Rede ist gereift wie die des Alters. Ein Nichtdekorierter und Nichtbeförderter tröstet sich mit den Worten: „Jeder Mensch trägt seine etgne Ehrentafel im Herzen!" „Viele Buchstaben von leuchtendem Golde stehen auf derjenigen unseres gefallenen Freundes" — heißt es in dem Nachruf auf ihn. — Will man sein Bild vervollständigen, so muß man noch seinen Ausruf hinzufügen: „Mit dem Vaterlande schmollt man nicht." Und wie zogen sie hinaus, diese jungen Helden! Hören wir eine Schilderung, die wie Dichterworte klingt, Worte eines Helden, der zu einem Führer der Zukunft edelste Berechtigung hätte. Ich gebe eine Stelle aus einer seiner prachtvollen Briefschilderungen wieder: Der Ausmarsch 1914! „Unsere Wagen sind voll Blumen, und unsere Uniformen und Helme sind von lieber Hand geschmückt. Auf den Straßen, an denen wir.vorüderfahren, stehen alte Männer und entblößen vor unserer Jugend das graue Haupt, kleine Kulderpatichhändchen strecken sich jauchzend nach uns aus und Mädchen grüßen uns, die wir nkcht kennen. Und irgendwo weint eine Mutter. Am Nachmittag schatie ich zum letztenmal das Heidelberger Schloß, und während der Zug an mir so lieb gewordenen Stätten vorbeirätlert. sauge ich mit der ganzen Inbrunst meiner gi enzenlosen Llebe zu jener Sladt, die meine Jugend bedeutet, all die Bilder in mir auf. die ich von ihr noch erhaschen kann. Mit dem Gedanken an Heidelberg fährt sich's gut ins Feld " — Ein Dichter und ein Held! Er fiel in den schweren Kämpfen, in denen eine bayrische Division bei Fromelles veil überraschenden Angriff einer gewaltigen englischen Uebermacht siegreich niedcrschlug. Mitten im Granarenregen giilg er als jüngster Leutnant und Führer einer Kompagnie vor. Man warnte ihn und rief ihm, sich zu schonen. Er antwortete: „Ich habe Befehl, die Führung der Kompagnie zu übernehmen und werde sie nicht ohne Führung lassen." Die goldene Tapferkeitsmedculle, die höchste bayrische Auszeichnung, zu der er eingegeben war, erreichte ihn nicht mehr. Wie ein Vermächtnis ruft uns dieser Edle in einem Brüfe. den er noch kurz vor seinem Tode an einen Bundesbruder schrieb, die Mahnung zu. bei Verlusten aus unseren Reihen nicht übermäßig zu klagen. Auch dieser Brief gibt Kunde von dem Adel seiner Persönlichkeit und der Hoheit seiner K. C-Gesinnung. Er lautet: „Darum dürfen wir auch bei aller Trauer, die uns erfüllen mag; nicht jammern über den Tod so mancher lieben Bundesbrnder. Ist er doch die letzte freudige Hingabe an die große Liebe, die uns alle umschlingt, die zu unserem Deutschland. Und, wenn mir im Feindesland einmal etwas Vienschliches passieren sollte, sv sagt denen, die es interessiert, daß ich sterben durfte, und redet auch daheim nicht soviel von den Opfern, die wir für^unser Vaterland brächten. Denn Opfer setzt immer erne überwindende Dargabe der Persönlichkeit voraus. Was wir aber hier außen tun, ist lediglich Selbstverständliches, das ausüben zu dürfen uns vergönnt ist. Wir find eben auch im Felde K.C.er,