KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1919
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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11 allen als Nebersiedlungsland gedacht. Es brauchen also durchaus keine zionistischen Motive zu sein, welche die Unlö-barkeit der Gemeinschaft zweift'lhaft machen. Sagt nun zum Schluß die Erklärung, daß die Zionisten nur einen kleinen Bruchteil der deutschen Zudem heit darsrellcn, so befinden fie sich im Irrtum. Als Bruchteil dürfte heute schon ihr Kreis nicht mehr zu bezeichnen sein; von Tag zu Tag nimmt die Bewegung in Deutschland an Umfang zu, und bald wird sich auch hier ein Unrschwung in der nationalen Auffassung der Juden vollzogeir haben, der wie in Amerika und in den außerdeutschen Ländern Europas aus der früheren Minorität eine überwältigende Majorität macht. Vr. Max Oppenheimer (Spreo. Bad.). Anmerkung der Redaktion. Der Meinungsäußerung des Kartcllbruders vr. Oppenheimer geben wir gern Raum. Und wenn auch die Erklärung der drei Verbände Hundcrttauscnden von deutschen Juden aus der Seele gesprochen war uitd in vielen Kreisen geradezu als befreiende Tat empfunden wurde, soll die Kritik auch an dieser Stelle keineswegs unterdrückt werden. Ohne einer Erwiderung in der nächsten Nummer irgendwie vorgreifcn zu wollen, sei hier aber doch auf einen Punkt hingewiesen. Oppenheimer unterscheidet sich von einem echten Zionisten durch eine ganze Welt, von dem Standpunkt der Mehrheit deutscher Juden nur durch eine Begriffsbestimmung! Was er nämlich unter „Volk" versteht und was sich ein Zionist darunter vorstcllt, ist himmelweit voneinander verschieden. Wer bestreitet denn, daß die Juden nicht nur Religionsgemeinschaft sind, sondern auch durch Abstammung, G.'- schick und das gemeinsame Leid eng verbunden sind? Weiter geht ja Oppenheimer nicht! Für den Zionisten ist aber Volk etwas ganz anderes, für ihn ist es die Gemeinschaft mit eigenem Lande, eigener Sprache, eigener Kultur und eigener Politrk! Und national ist für ihn eine Zukunflshoffnung und kein Vergangenheitswert. Oppenheimer will — auf gut deutsch gesagt — K C.-Gedanken in die Phraseologie des Nanonaljudentums hüllen. Daß einer deutschnational und jüdisch-national zugleich sein könne, ist eben nur dann möglich, wenn „national" das erstemal etwas anderes bedeutet als das zweitemal, denn es dürfte klar sein, daß ein deutscher Nationalismus im Sinne eines guten deutschen Patrioten unvereinbar ist mit dem jüdischen Nationalismus neuesten Stils, der ja — man lese die „jüdische Rundschau" — dem jüdischen Deutschen das Recht abspricht, sich am deutschen Kulturleben. an deutscher Politik schaffend zu beteiligen. Diesem Standpunkt steht erfreulicherweise Oppenheimer ganz fern, und sein Aufsatz ist ein typisches Beispiel für jenen Uebelstand. den ich in der vorigen Nummer in meinem Aufsatz „Geschichtsirrtümer" berührte, daß nämlich die Vieloeutrgkeit gewisser Begriffe, wie „Volk", „Nation" u. a. m. zu Differenzen Anlaß gibt, die bei klarer Begriffsbestimmung leicht vermieden werden könnten. F. G. Bolschewismus in der Wiege. Wenn es nicht so traurig wäre, möchte man ja lachen. Seit einiger Zeit erscheint eine Zeitschrift der jüdischen Jugend unter dem Titel „Jerubbaal". Sie weicht ausdrücklich von den Zielen und Grundlagen anderer Jugendzeitschriften ab und bringt Artikel, dte von Jugendlichen geschrieben, dem Empfinden der Jugend Ausdruck geben sollen. Wenn nun auch diesem Gedanken ein verständiger Kern zugrunde liegt, so ist er doch nur genießbar, wenn eine gesunde Wahl Weizen vom Spreu zu sondern versteht. Der „Jerubbaal" legt aber Wert darauf, die ver- ' stiegensten und unverständlichsten Gedanken unreifer Köpfe als Offenbarungen zu behandeln und sie der staunenden Mitwelt zu überliefern. Besonders die Unverständlichkeit ist ein charakteristisches Zeichen dieser neuen Richtung, und auch von nationaljüdischer Seite bar man, wie cs noch jüngst die ,,Hamburger Jüdischen Nachrichten" taten, sich mit Energie gegen diese Manie gewandt, die die ein. lachsten Dinge Weser Welt möglichst kompliziert erscheinen fassen will. Auch viele Zionisten gestehen kopfschüttelnd und staunend zu, daß sie ganze Arbeiten dieser Jugendzeitschrift lesen können, ohne daß ihnen, obwohl sie sonst nicht zu den geistig Minderbegabten gehören, ein Verständnis aufleuchtct. Nun hätte man ja keineswegs Anlaß, in weiterer Oeffenrlichkeit sich über harmlose Narreteien aufzurcgen. Die Richtung, die die neue Zeitschrift cinnimmt, droht aber etwas gemeingefährlich zu werden. In einem Artikel vom „Religionsunterricht", der auf Seite 226 des Septembcrhcfts erscheint, läßt sich ein junger Herr, der sich Jaacov Hakohen nennt, folgendermaßen vernehmen: „So sehe ich die Verhältnisse. Nun ist aber von seiten der Kultusgemeinde keineswegs die so dringend notwendige Abhilfe zu erwarten, ich finde daher nur die Möglichkeit, jene kurze Zeit in der Woche der Jüdischen Jugend halbwegs fruchtbringend zu gestalten, d. h, die einzige Gelegenheit, wo allen jüdischen Mittelschülern gezeigt werden könnte, was Judentum ist. nicht unnütz zu vergeuden, wenn die jüdische Jugend, der cs mir ihrem Judentnme ernst ist und die jüdische Jugend, die überhaupt erst kennen lernen möchte, was Judentum ist, sich zusammenschließt und ihrerseits die Sache in die Hand nimmt, um die unerträglichen Zustände zu ändern. Und zwar schlage ich vor: die Gründung eines geheimen oder öffentlichen Bundes der jüdischen Mittelschüler, die sich mit aller Gewalt dem Weirerbetrieb der jüdischen Religionsstunde auf die bisherige Art widersctzt, der auch nicht vor Demonstrationen und einem Terrorsystem zurückschreckt und auf jede Weise die Umgestaltung des bisherigen „Religionsdettiebes" in seinem, nämlich jugendlich-jüdischen Sinne fordert. Darunter verstehe ich beispielsweise: Selbstverwaltung der Schüler in der ReligionSstunde. Abschaffung von „Religionsnoten", Entzug des Strafrechtes des Lehrers für andere als ordnungswidrige Vergehen. Abstimmung der Schüler, mit welchen Zweigen der jüdischen Wissenschaft sie sich beschäftigen wollen. (Palästinakunde. jüdischer Philosophie. jüdischerGeschichte. Hebräisch, nach einermodernen Unterrichtsmethode usw)." Das Bild ist ein kostbares. Jüdische Schüler sollen durch ein „Terrorsystem", vielleicht durch Revolver und Handgranaten den jüdischen „Religionsbctrieb" umgestalten, mit anderen Worten beißt das übrigens, aus einem Religionsunterricht Kurse für die Propaganda des Nationaljudentums machen. Die Schüler sollen entscheiden, womit sie sich beschäftigen wollen, und der Lehrer soll seinen Unterricht erteilen in der angenehmen Zuversicht, daß er, falls er einmal vom rechten Wege abirrt, durch eine blaue Bohne, oder in milderen Fällen durch eine gehörige Tracht Prügel an seine zionistische Pflicht erinnert wird. Nicht wollen wir Herrn Jaacov Hakohen Vorwürfe machen, wir sind ja alle einmal Schüler gewesen. Und wenn wir auch vielleicht nicht so radikal gedacht haben, revolutionäre Ideen über das Wesen und den Umsturz des Unterrichts haben uns allesamt begeistert, und keiner von uns wird sich davon freisprechen wollen, daß er als Untersekundaner sämtliche Probleme der Jugenderziehung restlos gelöst hatte und sich nur darüber wunderte, warum die blöde Welt nicht längst auf diese einfachen erlösenden Gedanken gekommen war. Dem jungen Manne sei ver-