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KC-Blätter · 1919-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1919) · p. Seite 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1919
Issue
Heft 1-2 (Januar 1919)
Date
1919-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 Die Juden sind weder in Deutschland noch in irgendeinem anderen Land nur eine Rcligionsgesellschaft! Selbst die wiffenschoftliche Autorität der Nichtzion,sten. der verstorbene Professor Cohen-Marburg sagt, die Juden seien zwar keine Nation aber eine Nationalität. Dieses Bekenntnis zur jüdischen Nationalität bedeutet doch immerhin ein Bekenntnis zum jüdischen Volke. Gehört man einer bestimmten Nattonalität an, so hat man ihr gegenüber auch gewisse nationale Pflichten. Allerdings kann zur allgemeinen Klarstellung mcht laut genug betont werden daßdicse jüdisch-nationalen Pflichten, die sich nur auf die Pflege ethischer Stammesbeziehungen erstrecken, niemanden verhindern können, die deutschnationalen Pflichten, die rein staatsbürgerlicher Natur sind, zu erfüllen. Aus begreiflichen Gründen, aber dennoch irrtümlicherweise schrecken, die Zionisten vor dem Namen deutschnational zurück. Auf der einen Seite bildet er das Aushängeschild aller chauvinistischen und antisemitischen Bestrevuttgcn, auf der anderen Seite wird er benutzt, um das unwürdige und unwahre Verleugnen des jüdischen Volkes zu fördern. An dem Mißbrauch des Wortes ist aber das Wort selbst unschuldig, und die Zionisten sollten, um allen Mißverständnissen aus dem Wege zu gehen, nichr langer vor ihm zurückichrecken. sondern ihm die angemessene Auslegung geben und cs auch für sich in Anspruch nehmen. Jüdssch-national und deutsch-national sind nicht widerstreitende Begriffe. Jüdisch-national ist man durch Abstammung, deutsch-national ist man durch Staalszuhörigkeit. Auch die nichljüdischen Bürger Deutschlands — und ganz besonders unserer engeren Heimat, des bisherigen Königreich Preußen, sind überwiegend Nicht germanischen Blutes. Eine kriegerische Schar von wenigen Tausenden hat den unterdrückten und besiegten Hunverttausenüen der Sorben, Witzen, Obotriten und Preußen deutsche Sprache und Kultur aufgezwungen zu einer Zeit, in der die Vorfahren der deutschen Juden, die damals in den Ryeingegcnden saßen, schon längst deutsch sprachen. Wenn man also von den alten Germanen abstammen muß, um sich deutsch-national nennen zu dürfen, dann würden in Deutlchland erstaunlich wenige Menschen dieser Ehre teilhaftig sein. Haben doch die Wogen der Völkerwanderung die alten Germanen immer weiter nach Westen und Süden geführt. Sitzen doch die germanischen Stämme überall zahlreicher als in Deutschland. In Italien, Frankreich. Spanien, Portugal, Afrika sind sie eingedrungen, allerdings von der vielgerühmten germanischen Treue ist nicht viel zu bemerken; denn trotzdem sie die Herren wurden, haben sie leichten Herzens das germanilche Volkstum gegen die lateinische Kultur und Sprache umgctauscht. In ihre ehemaligen Sitze aber schoben sich dichte slavische Volksschwärme hinern, die einige Jahrhunderte später mit Feuer und Schwert zum Christentum, und gleichzeitig zum Deutschtum bekehrt wurden. Ihre Nachkommen bilden das Gros der Bevölkerung Deutschlands und sind höchstens als germanisierte Slaven, niemals aber als Germanen anzusprechen. Neben ihnen wohnen aber Volksstämme, die ihre Nationalität nicht aufgegeben haben und nicht aufgebcn wollen, Wenden, Letten, Polen usw., diesen stellen sich die Zionisten zur Seite. Kann nun ein deutscher Patriot so unverständig sein, daß er sagt, für sie sei kein Platz im deutschen Vaterland? Die erste Konsequenz wäre doch, daß sich unsere Feinde auf diese Unduldsamkeit stürzen und uns für unfähig erklären, über nationale Minoritäten zu herrschen. Danzig und Oberschlesien und viele andere schöne Landschaften wären damit vom Deutschen Reich abzutrennen. Nein, jede Nationalität soll in Deutschland die Möglichkeit haben, ihre Tradition zu pflegen und ihre Eigenart zum Wähle der gesamten deutschen Bürgerschaft im besten Sinne auszubilden. Zu verlangen ist nur Treue zum Reich und gewissenhafte Elfiittung der staatsbürgerlichen Pflichten. Sind die Zionisten hierzu bereit, sind sic bereit, Glück und Unglück in treuer Gemeinschaft mit ihren Staatsgenoffen zu tragen, und kein Mensch kann behaupten, daß sie es nicht seien, so sind auch ihnen unbedingt alle staatsbürgerlichen Rechte zuzusprcchen. Man hat also wahrlich keine Veranlassung, die Existenz der jüdischen Nationalität in Abrede zu stellen, um die Forderungen der Juden, die gleichzeitig die aller anständigen Menschen für die Juden sind, aufrecht zu erhalten; wäre das nötig, so stände es traurig um die jüdische Sache; denn man kann seine Nationalität wohl verleugnen, nicht aber aus der Welt schaffen. Wenn dann in der Erklärung weiter gesagt wird, daß die deutschen Juden unlösbar mit dem deutschen Volk verbunden seien, so mag das wohl sehr wünschenswert sein, aber schließlich sind nicht einmal die Helligen Bande der Ehe unlösbar. Das gute Verhältnis zwischen Christen und Juden in Deutschland ist jedoch durch die höchst unheilige Bande der Antisemiten ganz empfindlich getrübt worden. Die christliche Aristokratie und höher gestellte Bürgerschaft ist derart antisemitisch durchseucht, daß sie jede gegen die Juden gerichtete Verleumdung ebenso kritiklos wie wohlgefällig aufnimmt. Mag man die Lüge, daß Lord Northcliffe eigentlich ein Herr Stern aus Frankfurt a M sei, noch so oft als solche kennzeichnen, es wird mit ihr ebenso ruhig weiter gekrebst wie mit den tausend andern antisemitischen phantastischen Behauptungen. Es genügt, daß irgendein erfindungsreicher Soldschreiber sein Flugblatt mit einer ganz neuen Entdeckung gewürzt hat, um diese Entdeckung als unumstößliche Tatsache in den Köpfen unserer oberen Zehntausend fest verankert zu sehen. . Was diese Leute sich vor dem Kriege leisteten, hätte schon jedem guten Deutschen die Schamröte ins Gesicht treiben müssen; anstatt dessen gewann der gesellschaftliche Antisemitismus Schritt für Schritt Boden bei uns. Den studentischen Korps waren die Burschenschaften, diesen die Landsmannschaften, dann die Turn-, Gesang- und wissenschaftlichen Studentenvereine gefolgt. Wie in der akademischen, so sah es auch rn der Philistergesellschuft aus. Sport- und Geselligkeitsvereine. die als vornehm gelten wollten, fanden gar kein besseres Mittel, als die Juden auszuschlicßen. dann waren sie exklusiv wie die Offizicrkorps. Im Anfang waren die Besseren enrpöct über das Treiben, bald aber gewöhnten sie sich daran, und schließlich machten sie mehr oder weniger den Unfug mit. Dann kam der Krieg! Viele Tausende junger Juden gaben auf dem Schlachtfeld ihr Leben für Deutichlands Wohl und Deutschlands Schutz dahin, aber im preußischen Abgeordnetenhaus konnte ein Mann wagen, einen Antrag zu stellen, den Hinterbliebenen der gefallenen Juden öder den zurückgekehrten. mochten sie auch mit zerschossenen Gliedern wiedcrgekommen sein, das Wahlrecht zu entreißen. Ich war in tiefster Seele erschüttert, aber mancher jüdische Führer fand, daß Lachen die einzige Antwort sei. Freilich manche jüdische Kreise hatten immer gelacht, schon als Stöcker seine giftige Saat streute, und lachend schritten auch ihre Söhne zum Taufbecken, um sich den Passierschein zu den feudalen Kreisen und zur ersehnten Karriere zu holen. Ten andern aber wurde das Leben vergällt, und je größer ihr Ehrgefühl war, desto schmerzlicher litten sie unter den unverdienten Kränkungen. Auch der deutsche Zionist liebt das Land, in dem er seine Kindheit verbracht hat, vielleicht mehr, als er zugcben will und mehr als er selbst weiß. Aber wieviel fehlt denn eigentlich noch, um gerade den Charaktervollsten unter den Juden das Leben so zu verbittern, daß sie das bittere Brot der Fremde einem Wohlleben in der Heimat vorziehen. An Palästina, das mw eine begrenzte Zahl deS 14-Millionenvolkes fassen kann, wird keineswegs von

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