KC-Blätter
- Journal
- KC-Blätter
- Volume
- 1919
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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ß Palästina freunde will uns freilich noch einigermaßen sympathisch erscheinen den Bestrebungen gegenüber, welche den offiziellen Zionismus leiten. Hier herrscht das gefährliche Schlagwort von der nationalen Autonomie. In allen Niederlassungsländern, wo Juden in größeren Massen wohnen, soll ihnen das Recht nationaler Minderheiten zufallen, die in allen Kultur-, Schul-, sozialen und sonstigen sich dazu eignenden Angelegenheiten das Recht der freien Selbstverwaltung genießen sollen. Für die Länder des Westens hat man auf allgemeine nationale Autonomie gnädig verzichtet, weil die Zahl der Juden für solche Zwecke lächerlich gering ist. Dagegen fordert man die Umwandlung der jüdischen Kultusgemeinden in Volksgemeinden, sucht also die Anerkennung der jüdischen Nation durch eine Hintertür hineinzubringen, obwohl selbstverständlich die Tätigkeit der Volksgemeinden keine andere sein könnte, wie die der bisherigen Kultusgemeinden. Höchstens daß vielleicht die bisher einigermaßen aufrecht erhaltene Einigkeit verloren ginge, da sich die deutschen Juden in ihrer großen Mehrheit selbst unter noch größerem Terror als er heute möglich ist, kaum dazu bereit finden werden, sich Volksgemeinden anzuschließen. Neben ihnen müßten also Religionsgemeinden von Juden deutscherNationaliiät wohl oder übel bestehen. Es soll nun an dieser Stelle keineswegs theoretisch über den Begriff der Nation verhandelt werden, es soll auch das Selbstbesttmmungsrecht nicht angetastet und keiner Massensiedelung von Juden verwehrt werden, nationale Autonomie zu verlangen. Wut soll man nicht in bloßer Theorie schwelgen, und es seien auch einmal die praktischen Folgen bedacht, die sich daraus ergeben könnten, wenn die Juden sich in der Diaspora national absonderten und wenn die üppig wuchernde jüdische Volksratswinschaft mehr wäre als eine vorübergehende Blüte am Baume der Revolution. Die ganze Lehre von der nationalen Minderheit krankt nämlich daran, daß sie in Wirklichkeit eine reine Machifrage ist, während sie. sobald die Juden in Betracht kommen, nur zu einem Problem des Rechtes wird. Ein Staat wird im letzten Grunde dazu gezwungen, die nationale Minderheit zu dulden und zu schützen, weil er vor der Macht, die an anderer S'elle hinter der nationalen Minderheit ' steht. Achtung oder gar Furcht hat. Das deutsche Reich beispielsweise,' das sich in nicht aüzuferner Zeit von seiner Ohnmacht erholen wird, kann seinen Minderhetten in slavtschen Ländern einen sehr ansehnlichen: Schutz jzuteil werden lasten. Wer schützt aber die Juden? Es gibt keine Macht, die hinter ihnen steht und keine, die sich aus gaitzem Herzem in den jetzigen Zeiten politischer Verwirrung auch noch den Schutz des Judentums aufpacken wird. Die Juden sind — mit anderen Worten — einfach vogelfrei! Politische Kinder mögen vielleicht noch an die Kraft internationaler Vereinbarungen und Rechtsformen glauben, die führen aber doch, wie das Beispiel Rumäniens zeigt, höchstens zu papiernen Protesten. Rumänien hat sich durch die Vertragsmächte, welche ab und zu einmal ein ohnmächtiges Bellen erschallen ließen, keineswegs hindern lassen, seine „lieben Juden" zu entrechten und totzuschlagen. Die Anerkennung der jüdischen Minderheit bedeutet, daß der Jude vogelsrei wird, denn daß spitzfindige Unterscheidungen zwischen nationaler und staatsbürgerlicher Zusammengehörigkeit in der Praxis exaltierter Ostvölker wenig nützen werden, braucht kaum bewiesen zu werden. Gewiß konstruiert man theoretisch den Satz, daß der Genuß staatsbürgerlicher Rechte unabhängig vom nationalen Bekenntnis sei. Je geschlossener aber ein Staat in nationaler Beziehung ist. desto eher wird er, wenn nicht dem Gesetz nach, so doch de facto die Gleichberechtigung von der nationalen Einfügung bedingt sein lassen. Daran zu glauben, daß in einem Staate wie Polen und Ungarn die nationale Minderheit. die nicht anderswo einen sehr starken Schutz hat. gleiche Rechte genießen werde, zeugt von einer recht munteren politischen Naivität. Die grausigen Pogrome in Lemberg haben uns entsetzlich erschüttert und unsere Herzen mit ohnmächtiger Wut erfüllt. Wer weiß aber, ob man nicht dem Toben des Pöbels viel schneller einen Damm hätte setzen können, wenn das Judentum sich nicht neutral erklärt, sondern sich einer der Parteien voll angeschlossen hätte. DieRuthenen sind von den Polen wenig behelligt worden, und hätten die Rulhenen die polnischen Machthaber wiss n lassen, daß sie jede Unbill gegen die jüdischrutenische Bevölkerung, an der polnischen Minorität im ruthenischen Machtbereich rächen würden, es hätte vielleicht doch die polnischen Machthaber veranlaßt, schneller dem Morden Einhalt zu tun. Man soll aus diesen Sätzen nicht etwa herauslesen. daß die Stellungnahme der Juden eine Schuld an dem Entstehen des Unglücks trage. Ter polnische Antisemitismus ist so gemeingefährlich, daß er sich wahrscheinlich auch gegen seine eigenen Landeskinder austoben würde. Das Beispiel ist nur gewählt, um zu zeigen, wie die nationale Autonomie die Juden zwischen zwei Stühle setzt. Und Menschenleben sind zu kostbar, als daß damit so gefährliche Experimente gemacht werden. In Posen hat man ebenfalls Dinge erlebt, die für die Zukunft der Juden in jenen Ländern zu furchtbaren Konsequenzen führen können. Es ist ein jüdischer Volksrat gegründet worden und genauen Nachrichten zufolge haben sich diesem jüdischen Volksrat nicht nur die enragienen Zionisten, sondern auch viele Juden angeschlossen. die bisher an ihrem Deutschtum auch nicht im Traume gezweifelt halten. Ihre Gründe mögen klar sein. Sie glaubten, um