Mannheim
Compact Memory

KC-Blätter · 1919-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1919) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
KC-Blätter
Volume
1919
Issue
Heft 1-2 (Januar 1919)
Date
1919-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2268830-2268917-2268919--2263-2271417
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

5 hat Die Revolution uns vor wichtige Entscheidungen gestellt. Nicht als ob eigentlich Die Revolution Die Verhältnisse geschaffen hätte, aber in Den vier Jahren Des Krieges hat Die jüdische Weltfrage ebenso wie Die Deutsche JnDenfrage Derartig viele Ereignisse von weillragenDer Bedeutung aufzuweisen, Daß eS zu einer Auseinandersetzung und Entscheidungkommen must. Die Revolution in unserem Vaterlande darf nun nicht als ein innerdeutsches Ereignis betrachtet werden, sie gehört natürlich in eine Reihe mit dem Umsturz, der, vom russischen Volke herkommend, die Völker Oesterreichs erfaßte. um schließlich am letzten und festesten Bollwerk der bisherigen Mächte, in Deutschland zu landen. Da aber besonders bei den österreichischen Völkern die Revolution die Nationalitätenfrage zu einer praktischen Lösung gebracht hat, ist der Zusammenhang der inneren Judenfrage mit der allgemeinen Revolution nicht zu verkennen. Was vor dem Kriege noch als ferner Traum erschien, ist, wenn die Politik der Ententemächte die gegebenen Versprechungen hält, bald zu einer Wahrheit geworden. Im Lande Palästina wird sich ein jüdisches Gemeinwesen mit selbständiger Verwaltung erheben. Gewiß wird in den brausenden Wein noch viel Wasser gegosien werden. Darüber, daß England vorläufig einmal die Zügel fest in die Hände nehmen wird, ist ebenso wenig ein Zweifel wie darüber, daß England eine einmal ergriffene Beute nicht wieder losläßt. Cypern mit seiner lehrreichen Geschichte liegt ja vor den Toren Syriens. Auch darauf beginnt man sich allmählich vorzuberesien. daß eine irgendwie starke Einwanderung in Palästina in den ersten zehn und zwanzig Jahren zu einer Katastrophe werden müßte. Und ebenso bequemt man sich heute doch, die Schwierigkeit mit der eingeborenen Bevölkerung einzugestehen. die man ja wohl nicht gut wird tolschlagen können. Aber wie dem auch sei, der Vernich wird gemacht werden und mögen die Skepnker. an denen es auch im nationabjüdischen Lager nicht fehlt, auch noch so wenig von der Fähigkeit der Juden zum einheitlichen Zusammenschluß und zur Selbstregierung halten, wir haben uns mit der Tatsache abzufinden. daß ein Staatswesen von Juden mit Selbstverwaltung und dem Versuche einer eigenen Kultur entstehen wird. Wie stellen wir uns nun zu dieser Tatsache? Es wird zwar von manchen Seiten verlangt, daß wir unsere Stellung ändern sollen, dennoch aber werden wir am besten in den bisher begangenen Bahnen bletben und die ganze Palästinafiage rein vom Humanitären Slandpunke aus ansehen. Wir werden also die politischen und kulturellen Seiten von unserem Gesichtswinkel aus für die weniger wichtigen erklären. Auch bisher stand die deutsche Judenheit mit schöner Einigkeit hinter allen Bestrebungen, die Palästina zu heben geeignet waren. Wenn man die Gelder, die nach Palästina geflossen sind, nach ihrem Ursprung teilen könnte, so würde wohl der Anteil der Nichtzionisten den derNationaljuden erheblich übertreffen. Gewiß hat das deutsche Judentum sich iticht gerade immer der Anerkennung durch die Zionisten erfreut, wenn es im heiligen Lande seine Institutionen errichten wollte. Lebendig in der Erinnerung ist wohl noch die Angelegenheit des Technikums in Haifa, das an rein politischen Streitigkeiten wegen der Unterrichtssprache beinahe scheiterte. Die Größe dessen aber, was das deutsche nicht zionistische Judentum für Palästina getan hat. ist unbestritten. Und wenn in Zukunft sich dort eine Gemeinschaft von Juden angesiedelt haben wird, die dein heiligen Land iteues Leben zu geben trachtet, so werden die deutschen Juden nicht beiseite stehen. Mögen ihnen die polittschen Aspirationen der nationaljüdtschen Leiter auch noch so gleichgültig sein, mag auch die neugeschaffene jüdische Kultur ihnen noch so gekünstelt, überhastet und lebensunfähig Vorkommen, die Hauptsache sind die Menschen! Es sind Menschen unteres Stammes, und es ist das Land unseres Glaubens! Palästina bleibt für jeden religiösen Juden das heilige Land, seine Einwohner werden Menschen unseres Glaubens und unseres Blutes sein, und so ist der P'ad ztemlich klar vorgeschrieben. Wir werden den Nationaljuden den Gefallen nicht tun und werden nicht von dem bisherigen sorgsam erwogenen Wege abgehen. Ob wir die Besiedelung gewünscht haben oder nicht, was vorhanden sein wird, muß auch von uns gestützt werden! Und es dü'fle in der Tat so kommen, daß die politischen Hoffnungen unserer nationaljüdtschen Herrschernaturen vor der scharfen englischen Sonne wie ein Nichts zusammenschmelzen, daß die kulturellen Phantasien der inneren Widersprüche in den zus.immenströmenden Juden wegen kein Ergebnis liefern, auf das man stolz sein kann, daß nur die große menschliche, die jüdische, die religiöse Ausgabe bleibt, tausenden von gequälten Juden eine neue Heimat zu schaffen, und dieser Aufgabe wird sich kein deutscher Jude entziehen wollen. Anders freilich ist eS. wenn wir an die Daheimbleibenden denken. Man kann dem Zionismus den Vorwurf nicht ersparen, daß er die Frage der Juden in den Niederlassungsländern. das Golusproblem etwas leichthin behandelt. Es gibt manche Krerse. welche einfach das Golusjud.entum für unrettbar verloren halten, es seinem Schicksal überlassen wollen, um alle Kraft auf Palästina zu koirzentrieren. Und das bei einern Bestand von etwa vierzehn Millionen Juden in der Welt, von denen bestenfalls in dreißig Jahren eine halbe Million in Palästina leben könnte! Der Verzicht auf eine Beeinflussung des Geschickes dieser Judenmassen seitens der radikalen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.